Buchtipps Ostafrika

 

 

 

 

 

Tania Blixen: Jenseits von Afrika

(engl.: Out of Africa)

 

 
 

 

Erinnerungen an ein verlorenes Paradies

 Ihr Erinnerungsbuch an ihre Zeit in Kenya hat Tania Blixen nicht unmittelbar nach ihrem langjährigen Afrikaaufenthalt geschrieben, sondern erst Jahre später, als sie längst schon wieder in Dänemark lebte. Man darf also keinen dokumentarischen Erlebnisbericht erwarten oder gar einen Roman, der dem Film entspricht.

Tania Blixen erinnert sich sowohl aus zeitlicher als auch aus räumlicher Entfernung zurück, blickt dabei wie aus der Vogelperspektive auf die Geschehnisse herab und pickt gezielt die für sie auch nachträglich relevanten Ereignisse und Gedanken heraus, mögen sie objektiv betrachtet auch noch so unbedeutend erscheinen. Besonders deutlich wird dies im Kapitel  „Lose Blätter“, worin sie sich nicht miteinander in Zusammenhang stehenden Themen widmet (z.B. „Farah und der Kaufmann von Venedig“ oder „Glühwürmchen“). Andere Dinge hingegen erwähnt sie ganz bewusst nur am Rande, wie z.B. ihre Beziehung zu Denys Finch-Hatton, welche im Film das Hauptthema ist, oder die Probleme mit dem Kaffeeanbau und den verärgerten Aktionären in der Heimat. Ihr Hauptaugenmerk gilt der Beschreibung – sogar schon der romantischen Verklärung und Idealisierung – der afrikanischen Landschaft, und der Afrikaner. Im gesellschaftlichen Konflikt zwischen Aristokratie und Bourgeoisie aufgewachsen ist Tania Blixen geneigt, Afrika und den Afrikanern, sogar dem Gazellenbaby „Lulu“, paradiesische bzw. aristokratische Attribute zuzuweisen. Doch gerade diese Idealisierung unterstreicht, wie sehr Tania Blixen das Land und seine Menschen geachtet hat – im Gegensatz zu vielen anderen Weißen während der Kolonialzeit. Ihr Ausspruch „Hier bin ich, wo ich sein sollte“ gewinnt dadurch an Substanz und Aussagekraft und es ist leicht nachzuempfinden, wie schwer der Verlust dieses Paradieses für sie gewogen haben muss, als sie Afrika verlassen musste.

Ein sehr schönes Buch, besonders wenn man selbst schon in Kenya war bzw. sich für Afrika interessiert. Wer sich ein realistischeres Bild von Tania Blixens Zeit in Kenya machen möchte, der sollte ihre „Briefe aus Afrika“ lesen, die eine sehr gute Ergänzung sind und mehr Einblicke in den Farmalltag bringen.

 

 

 

 

 

 

Tania Blixen: Briefe aus Afrika (1914-1931)

  (engl.: Letters from Africa 1914-1931)

 

 

 
 

 

Eine sehr gute Ergänzung zu „Jenseits von Afrika“ sind Tanja Blixens „Briefe aus Afrika“. Während der insgesamt siebzehn Jahre, die sie als Farmerin in Kenya lebte, schrieb sie zahlreiche Briefe in ihre dänische Heimat, die ein realistischeres Bild ihres Farmalltags und Lebens zeichnen.

 Wer sich darüber hinaus mehr für Leben und Werk der Autorin interessiert, dem sei Tania Blixen. Ihr Leben und Werk“ von Judith Thurman empfohlen.

 

 

 

 

 

 

Nicholas Drayson: Kleine Vogelkunde Ostafrikas

(engl.: A Guide to the Birds of East Africa)

 

 

 

 

Der Titel ist zunächst etwas irreführend, denn es handelt sich bei diesem Buch nicht etwa um ein Fachbuch für Ornithologen, sondern um einen liebenswerten Roman, der den Leser nach Kenya entführt, genauer gesagt in die Hauptstadt Nairobi. Dort findet jeden Dienstagvormittag eine Exkursion für Vogelliebhaber statt, geleitet von der verwitweten Schottin Rose Mbikwa. Nicht zuletzt ihretwegen nimmt der schüchterne Witwer Mr. Malik seit Jahr und Tag an diesen kleinen Vogelwanderungen teil, ohne Rose auch nur einmal ansatzweise signalisiert zu haben, dass er etwas für sie empfindet. Als jedoch eines Tages der indische Frauenheld Harry Kahn auftaucht und sich ganz offen an Rose interessiert zeigt, kommt Malik aus seiner Reserve und fordert den Rivalen zu einem Wettkampf unter Gentlemen auf: Wer innerhalb einer Woche die meisten Vogelarten entdeckt und identifizieren kann, darf Rose auf den in Bälde anstehenden Nairobi Hunt Ball einladen.

In der Folge erzählt Drayson von dem Verlauf des Wettstreits unter den beiden älteren, verliebten Männern, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Und natürlich geht es dabei nicht immer Gentleman-like zu …

Neben der Liebesgeschichte und dem Wettstreit finden auch Themen wie Aids, Korruption, mangelnde Pressefreiheit und Kriminalität Einzug in die Handlung, die den Alltag in Kenya mitprägen und den Menschen so einiges abverlangen, um durchs Leben zu kommen. Doch am Charakter des liebenswerten Mr. Malik wird beispielhaft demonstriert, dass die Lage durchaus nicht hoffnungslos ist und es in Afrika nicht nur Elend und Katastrophen gibt, sondern auch viele sympathische Lebenskünstler.

Gestalterisch schön ist, dass jedes Kapitel nach einer anderen Vogelart benannt ist und jeweils mit einer hübschen, kleinen Zeichnung des jeweiligen Tieres beginnt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Nuruddin Farah: Bruder Zwilling

(engl.: Sweet and Sour Milk)

 

 
 

 

Spannendes Buch über ein zerrissenes Land

 „Bruder Zwilling“ spielt im Somalia der 70er Jahre und erzählt in einfachen, streckenweise aber auch poetischen Worten die Geschichte von Loyaan, der sich auf die Suche nach den Hintergründen für den mysteriösen Tod seines Zwillingsbruders Soyaan macht, welcher für die somalische Regierung gearbeitet hatte. Schon bald erfährt er, dass der nun nach seinem Tode von der Regierung öffentlich zum Märtyrer stilisierte Soyaan in Wirklichkeit keineswegs regierungstreu war, sondern mit Gesinnungsgenossen Pläne für deren Umsturz schmiedete, die in verschiedenen Memoranden schriftlich niedergelegt sein sollen, die es nun zu finden gilt.

Der Leser begleitet Loyaan auf dessen Suche nach der Wahrheit und erhält dabei interessante, aber auch tragische Einblicke in einzelne Schicksale, die durch den Einfluss von Staat und Gesellschaft geprägt oder gar zerstört wurden. Dabei stellt Nuruddin Farah schonungslos die Militärdiktatur mit ihren Spitzel- und Foltermethoden sowie die streng patriarchalisch organisierte somalische Gesellschaft mit ihrem Clandenken bloß. So wird das Familienoberhaupt, der ungeliebte tyrannische Patriarch, als das entlarvt, was er wirklich ist: Ein jämmerliches kleines Männlein, das sich von seinem Gott all die Erklärungen erhofft, die es selbst nicht zu geben imstande ist und der Regierung die Seele seines toten Sohnes verkauft, um sich selbst von einer früheren Verfehlung rein zu waschen. Auch richtet er sich gegen die ewigen Mitläufer der Regierung, den „kleinen Mann“ von der Straße, der als Entschuldigung für sein Mitschwimmen im Strom immer nur „all die Mäuler, die er zu stopfen habe", vorschiebt. Doch auch die Revolutionäre werden nicht als Übermenschen oder geeinte Front gegen das Regime dargestellt, sondern sind nicht weniger uneins und unter sich zerrissen wie das Land selbst. Ein interessantes, spannendes, und nachdenklich stimmendes Buch.

 

 

 

 

 

 

Nadine Gordimer: Der Ehrengast

(engl.: A Guest of Honour)

 

 
 

 

Colonel Bray, ehemaliger Mitarbeiter der englischen Kolonialverwaltung und Sympathisant der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegung, wird von seinem damaligen Freund und Freiheitskämpfer Mweta als Ehrengast zu den Unabhängigkeitsfeierlichkeiten eines nicht näher benannten afrikanischen Staates eingeladen. Mweta ist nun der erste Präsident der neuen Demokratie und bittet ihn, auf unbestimmte Zeit zu bleiben und das Erziehungswesen neu zu organisieren. Ohne seine Frau Olivia, die es vorzieht, in England zu bleiben, reist Bray nach Afrika und nimmt die Aufgabe an. Vor Ort muss er verwundert feststellen, dass Mwetas einstiger Weggefährte Shinza kein Amt in der neuen Regierung erhalten hat. Im Bemühen, die beiden politisch wieder zu vereinen, wird Bray in die Konflikte und Auseinandersetzungen um die Verwirklichung politischer Ideale hineingezogen. Dabei gerät er zunehmend zwischen die sich härtenden Fronten und muss mit ansehen, wie aus ehemaligen Freunden Feinde werden. Neben seiner Leidenschaft für das Wohlergehen des afrikanischen Landes erwacht in ihm aber auch die Leidenschaft zu einer jungen weißen Frau …

 

Nadine Gordimer bezeichnet den „Ehrengast“ als ihr wichtigstes Werk. Zugleich ist es auch ihr anspruchvollstes Buch, das neben seinem politischen Gehalt auch reich an gut beobachteten und anschaulich beschriebenen Details ist. Ein literarisches Meisterstück über die Probleme eines afrikanischen Staates nach dem Ende der kolonialen Ära.

 

 

Mehr von Nadine Gordimer:

 

Anlass zu lieben / Occasion for loving

Burgers Tochter / Burger's daughter

Ein Mann von der Straße

Ein Spiel der Natur / A sport of nature

Entzauberung / The lying days

Julys Leute / July's people

 

 

 

 

 

 

 

Rosamond Halsey Carr, Ann Howard Halsey:

  Land der Tausend Hügel. Ein Leben in Afrika

 

(engl.: Land of a thousand Hills)

 

 

 

 

 

Als ich das kitschige Foto auf dem Buch sah, war ich noch skeptisch, wurde aber sehr rasch eines Besseren belehrt. Rosamond Halsey Carrs Autobiographie über ihre Zeit in Afrika fesselt praktisch von der ersten Seite an, so dass man das Buch gar nicht mehr zur Seite legen möchte.

Neben der Beschreibung ihrer Erlebnisse auf verschiedenen Plantagen im Kongo und in Rwanda erzählt sie auch von ihrer Begegnung und Freundschaft mit der Berggorilla-Forscherin Diane Fossey und nicht zuletzt erfährt der Leser viel interessantes über die Banyarwanda (Tutsi, Hutu und Batwa) und ihr Leben in diesem kleinen, von seiner jüngsten Geschichte so schwer gezeichneten ostafrikanischen Land. Die Schilderung der Hintergründe des Genozids während der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts machen das Buch überdies zu einem wertvollen zeitgeschichtlichen Dokument.

Im verhängnisvollen Jahr 1994 musste auch Rosamond Halsey Carr das von ihr so sehr geliebte Land, das längst ihre neue Heimat geworden war, vorübergehend verlassen, kehrte jedoch nur wenige Monate später zurück, um auf den Ruinen ihrer Farm ein Waisenhaus entstehen zu lassen, das sie heute mit ihren nunmehr 90 Jahren immer noch betreibt. Unter http://www.rwandaproject.org gibt es mehr Informationen dazu sowie Möglichkeiten der Unterstützung.

Ein fesselndes Buch über das Leben einer couragierten Frau und ihren Einsatz für die Menschen ihrer Wahlheimat Rwanda.

 

 

 

 

 

 

  Meja Mwangi: Nairobi, River Road

 

  (engl.: Going down River Road)

 

 

 

 

 

Wie der Titel bereits verrät, spielt der Roman in Nairobi, genauer gesagt in der Gegend um die River Road, im Milieu der Armen. Hier lebt Ben zusammen mit seiner Freundin Wini und deren Sohn „Baby“ und schlägt sich mehr schlecht als recht als Hilfsarbeiter auf einer Baustelle durch. Es ist ein trostloses Leben am Rande der Gesellschaft, geprägt von Armut, Alkohol, Drogen, Gewalt und Prostitution, in dem allein der Kampf ums Überleben zählt. Dazwischen sucht und findet Ben immer wieder kleine Momente des Glücks in Bars, Nachtclubs oder Stundenhotels.

 

Der Kenyaner Meja Mwangi beschreibt in seiner fesselnden Milieustudie schonungslos und sehr authentisch das Nairobi jenseits der großen Touristenhotels und Safaris – sehr zu empfehlen, wenn man mehr als nur die „Ich hatte eine Farm in Afrika“- Seite Kenyas kennen lernen möchte. Die englische Originalversion ist übrigens sehr leicht zu lesen.

 

Anmerkung zur River Road:

Während meiner Kenya-Aufenthalte bin ich oft in einem Hotel in dieser Straße oder in einer der kleineren Neben-/Seitenstraßen untergekommen. Das Viertel ist quicklebendig, geprägt von kleinen, indischen Einzelhandelsgeschäften, Restaurants, Bars und Hotels. Mein Eindruck war, dass das Viertel im Vergleich zur Beschreibung in Mwangis Roman (der ja auch schon etwas älter ist) mittlerweile "aufgestiegen" ist. Die River Road ist keinesfalls etwas "Slum-ähnliches" und einen Besuch auf jeden Fall wert (natürlich wie überall Vorsicht walten lassen, auch besser keine Armbanduhr tragen oder Wertgegenstände zur Schau stellen!). Ich werde auf jeden Fall wieder kommen, sollte ich in Kenya sein, nicht zuletzt wegen meines Lieblings-Fast-Food-Restaurants (indisch), das so hervorragendes Bajia anbietet!

 

Von Meja Mwangi gibt es übrigens unter anderem auch ein Jugendbuch, das sehr gut sein soll und 1992 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde, Titel: „Kariuki und sein weißer Freund. Eine Erzählung aus Kenia“.

 

 

 

 

 

 

V.S. Naipaul: An der Biegung des großen Flusses

(engl.: A Bend in the River)

 

 

 

 

Über Schein und Sein – nicht nur in Afrika

“An der Biegung des großen Flusses” ist nur sehr oberflächlich gesehen ein Roman über das Leben im postkolonialen Afrika – denn wie der aufmerksame Leser rasch bemerken wird, könnte sich die Geschichte, die sich um Schein und Sein im Leben dreht, ebenso gut hier bei uns zutragen. Gerade diese Übertragbarkeit und die enorme Vielschichtigkeit machen diesen Roman richtig genial und aussagekräftig – einer meiner großen Lieblinge!

 Die Hauptfigur Salim, ein indischer Kaufmannssohn, verlässt die heimatliche afrikanische Ostküste, um im Landesinnern mit einem eigenen Laden sein Glück zu suchen. Doch das Land befindet sich im Umbruch. Salim ist ein Fremder in der Fremde, ebenso wie auch die aus anderen Teilen des Kontinents stammenden Afrikaner Metty, ein Nachkomme der  Haussklaven der Familie, der Salim ungebeten von der Ostküste nachgefolgt ist, und Ferdinand, dem aus dem Süden stammenden Sohn einer in einem Nachbardorf lebenden Händlerin, der das hiesige Gymnasium besucht. An ihnen und anderen Charakteren zeigt Naipaul, wie schwierig es sein kann, seinen eigenen Weg auf dem schmalen Grat zwischen Sein und Schein zu finden, zumal noch in einem Land, in dem jegliche Sicherheiten für eine solide Lebensplanung fehlen.

 Der Ich-Erzähler Salim wird zunächst als ein sehr unsicherer Mensch beschrieben, der stets großen Wert auf die Sichtweise anderer legt und sich an dieser zu orientieren versucht. Diese Unsicherheit, aus der Zukunftsängste erwachsen, gibt er bereits anfangs in einem Rückblick auf seine Kinder- und Jugendzeit an der ostafrikanischen Küste zu, als ihm erst durch die Abbildung einer Dhau auf einer europäischen Briefmarke bewusst wird, was die Region, in der er lebt, eigentlich ausmacht (S. 25): „... So lernte ich erstmals wirklich sehen.. Schon in frühen Jahren gewöhnte ich mir also an, richtig hinzusehen – einen Schritt zurück zu treten und das Vertraute mit Abstand zu betrachten. Aus diesem Abstand schien es mir immer stärker, dass wir uns als Gemeinschaft überlebt hatten. Und damit begann meine Unsicherheit ...“. Im Verlauf des Romans wird jedoch deutlich, welch eine Entwicklung Salim durchlebt, wie er zusehends „wirklich sieht“ und das Gebaren der anderen, die einst Leitbilder für ihn waren, durchschaut und dadurch selbstsicherer wird. Zunächst aber wird Salims Unsicherheit dadurch verdeutlicht, dass er vor allem die Meinung und das Handeln von Bekannten und Freunden beschreibt, diese zum Vorbild nimmt und sich selbst und seine eigene Meinung mehr oder weniger dahinter verschanzt. Zu diesen Personen zählen unter anderem Indar und Raymond. Im Verlauf des Romans werden jedoch beide dieser Idole in sich zusammenstürzen:

Indar, sein Freund aus Kindheitstagen, outet sich selbst indem er zugibt, wie erfolglos sein bisheriges Leben trotz des Studiums in England war. Allein geplagt von der Sorge, als Ausländer aus einem Entwicklungsland bloß nicht überwältigt von all dem Neuen um ihn herum zu wirken, hat er nach eigenem Befinden von der fremden Kultur nichts begriffen, nichts hinterfragt, nichts dazugelernt (S. 211).

Raymond steht dem Präsidenten nahe und gilt überdies als Afrikaexperte, als „einer der Großen Afrikas“. Doch wie groß ist Salims Entsetzen, als er dessen Veröffentlichungen durchliest und feststellen muss, dass dieser Europäer in seinen Artikeln zur neuesten afrikanischen Geschichte nie etwas kritisch hinterfragt hat, nie mit Augenzeugen gesprochen hat, kurzum: dass er überhaupt nichts von Afrika verstanden hat ...

Interessant in Bezug auf Europäer ist aber bereits Salims Erkenntnis auf Seite 27: „.. Feste Vorstellungen ... machten ihre Überlegenheit aus. Die Europäer wollten Gold und Sklaven ... aber zugleich wollten sie sich als Wohltäter der Sklaven ein Denkmal setzen ...“, – und es gelang ihnen beides. Durchaus auf das Heute übertragbar.

 Die interessanteste Nebenfigur des Romans ist wohl Ferdinand, dessen Entwicklung vom jugendlichen Afrikaner zum Staatsbediensteten die kulturelle Zerrissenheit des postkolonialen Afrikas offen legt. Ferdinand ist ein afrikanischer Jugendlicher ohne die räumliche Nähe des Vaters auf der Suche nach kultureller Identität, Selbstwertgefühl und einem eigenen Lebensweg, ohne dabei jedoch auf ein wegweisendes Leitbild zurückgreifen zu können.

Sein Freund Metty dagegen bleibt stets farblos und unterwürfig, ein ehemaliger Sklave, der es nicht wagt, sein eigenes Schicksal eigenverantwortlich in die Hand zu nehmen, sondern sich stattdessen immer von jemanden abhängig machen will, von dem er sich Reichtum und Ansehen verspricht.

 

Was an all den beschriebenen Charakteren (Nazruddin, Mahesh, Indar, Raymond) so interessant ist, ist wie sie sich alle verbiegen und verstellen, um vor sich und anderen etwas darzustellen – mehr Schein als Sein, wie immer und überall also. Und wie auf dem Buchrücken bereits zu lesen ist: „... So ist die Welt; wer nichts ist, wer es geschehen lässt, dass aus ihm nichts wird, hat keinen Platz darin ...“ Allein Salim bleibt sich gemäß der Weissagung Nazruddins selber treu, verkauft sich nicht und hat es so gesehen als einziger geschafft, mit sich selbst in Frieden zu leben und glücklich zu sein.

 Fazit: Ein sehr, sehr vielschichtiger Roman, der weiten Interpretationsspielraum lässt, aber dennoch leicht zu lesen ist – worin allerdings auch eine Gefahr besteht.

 

 

 

 

 

 

Emily Ruete:

Memoirs of an Arabian Princess from Zanzibar

 

 

 

 

 Die Autorin Emily Ruete wurde 1844 auf der ostafrikanischen Insel Zanzibar als Sultanstochter Sayyida Salme Prinzessin von Oman und Zanzibar geboren. Schon als kleines Mädchen geht sie ihren Weg, bringt sich heimlich Lesen und Schreiben bei und lernt von ihrem Bruder Reiten und Schießen. Ihre heimliche Liebe zu dem deutschen Kaufmann Heinrich Ruete, einem für ihre Gesellschaft "Ungläubigen", von dem sie auch noch schwanger wurde, führte dazu, dass sie im Alter von 22 Jahren den Sprung in eine andere Welt wagte: In einer Nacht-und-Nebelaktion verliess sie gemeinsam mit ihm heimlich die Insel, um fortan mit ihm im fernen Hamburg zu leben. Ihr erstes Kind, das unterwegs in Aden zur Welt kommt, wo sie und Heinrich auch heiraten und sie seinen Namen annimmt und sich auf "Emily" taufen lässt, stirbt bereits während der langen und beschwerlichen Reise, worüber sie in ihrer Autobiografie jedoch kein Wort verliert, da ihre Trauer darüber wahrscheinlich zu groß war. Jedoch währte ihr Glück nicht lange, da ihr Ehemann wenige Jahre später an einem Unfall verstarb und das damalige Gesetz ihr als alleinstehender Frau das Erbe verweigerte. In der Folgezeit lebte sie mit ihren drei Kindern u.a. in Dresden, Berlin und Köln. Nachdem mehrere Versuche, in ihre Heimat Zanzibar zurück zu kehren und Ansprüche auf ihre ehemaligen Besitztümer geltend zu machen, scheiterten, verdiente sie sich fortan ihren Lebensunterhalt als Lehrerin für arabisch und schrieb ihre Autobiografie. Nachdem sie einige Jahre in Beirut gelebt hatte, wo ihr Sohn im deutschen Konsulat arbeitete, kehrte sie später wieder nach Deutschland zurück, um bei den Schwiegereltern einer ihrer Töchter in Jena zu leben, wo sie 1924 verstarb. Sie wurde in Hamburg neben ihrem Mann begraben.

In ihren Memoiren schildert sie rückblickend ihre Kindheit und ihr damaliges, luxuriöses Leben im Sultanspalast und gibt dabei interessante Einblicke in das alltägliche Leben, die damalige Kindererziehung, die Stellung der Frau in der zanzibarischen Gesellschaft sowie in Religion und Wirtschaft und vergleicht diese mit ihren Erfahrungen mit der deutschen Gesellschaft. "Ich verließ meine Heimat als vollkommene Araberin und als gute Mohammedanerin, und was bin ich heute? Eine schlechte Christin und etwas mehr als eine halbe Deutsche" schreibt sie rückblickend über ihre Zeit in Deutschland, die im Hinblick auf ihre Herkunft gewiss nicht einfach war. Kritisch bemerkt sie beispielsweise: "Nirgends tritt der Kontrast zwischen armen und reichen Menschen so zutage, wie gerade hier im kalten Norden."

Ein sehr schönes, interessantes Buch über eine außergewöhnliche Frau zwischen zwei Kulturen.

 

Im Palastmuseum (Beit el Jaib = "Haus der Wunder") in Zanzibar-Town ist ihr übrigens in der ersten Etage eine Ausstellung mit zahlreichen Bildern und Schautafeln gewidmet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schatztruhe

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