Buchtipps aus aller Welt

 

 

 

 

 

 

Hans Schaarwächter

Reise des Seepferdchens

von ihm selbst erzählt

 

 

 

Ich habe einen Schatz gefunden! Ein Kleinod! Ganz unverhofft in einem öffentlichen Bücherschrank am Rhein, an dem ich an jeden Arbeitstag in der Mittagspause vorbeispaziere – und immer neugierig hineinspähe, jedoch selten wirklich etwas von Interesse darin vorfinde. Doch diesmal erwartete mich darin eine freudige Überraschung, ein Kuriosum schon vom Titel her, welcher mir direkt ins Auge fiel: „Reise des Seepferdchens". Und anstelle der Nennung eines Autors stand darunter „von ihm selbst erzählt". Hm. Meine Neugier war geweckt.

Ich nahm das grüne, grossformatige Taschenbuch mit einer überdimensionalen Seepferdchenzeichnung auf dem Cover heraus, überflog die Inhaltsangabe auf dem Buchrücken - auf welchem dann doch Foto, Name und Kurzbeschreibung des Verfassers Hans Schaarwächter prangten - und klappte schliesslich das Buch auf: Innen keine Angaben zu einem bekannten Verlag, zu Auflage oder Erscheinungsjahr, „Illustrationen: Das Seepferdchen", „Seepferdchenstudio". - Aha, wohl ein im Selbstverlag gedrucktes Werk, interessant. Darin lag ein dem Buch zugehöriges, kleines Lesezeichen aus durchsichtiger Plastikfolie, auf welchem ebenfalls das Abbild des Seepferdchens samt Buchtitel prangte. Hübsche Idee.

So reiste das Seepferdchen also nun zu mir nach Hause, wo ich gespannt seinen Reisebericht zu lesen begann.

Die Inhaltsangabe auf dem Buchrücken bringt es bereits auf den Punkt: „Dieses Buch fällt aus dem Rahmen":

Auf unerklärliche, märchenhafte Weise finden der menschliche Protagonist Poul und ein namenloses Seepferdchen zusammen und begeben sich gemeinsam auf eine einjährige Weltreise - jedoch nicht zu Wasser, wie man es eventuell noch eher von einem Seepferdchen „erwarten" würde, sondern auf ganz menschlich-herkömmliche Weise per Flugzeug.

Aus den tiefen Tangwäldern des Mittelmeeres gelangt das Seepferdchen so auf wundersame Weise in die Pilzwälder der Wolkenkratzer, in zahllose Hotels, Restaurants, Museen, Theater und Schauplätze der Welt, angefangen von Lissabon über Südamerika, Westafrika, Madagaskar, Iran, Indien, Bangkok, Hongkong, Japan und Alaska, insgesamt in 33 Länder, stets nach der Devise „überall ankommen wie ein Kind", sehen, erleben, staunen.

Natürlich kann das Seepferdchen, oder „Mademoiselle Hippocampe" (lat. von Hippocampus = Seepferdchen), wie Poul seine winzige Reisegefährtin nennt, auch sprechen – nicht zuletzt hat es ja den Reisebericht geschrieben! – und das nicht nur mit Poul, sondern auch mit anderen Menschen, die ihnen unterwegs begegnen und für solch eine Kuriosität empfänglich sind. Dabei neigt das Seepferdchen durchaus gerne zu Ironie und Kritik an den Menschen und beweist dadurch seine Intelligenz (vgl. Hippocampus = Teil des menschlichen Gehirns).

Die Dialoge zwischen den beiden klingen oftmals etwas altmodisch, teilweise gespickt mit inzwischen so nicht mehr im allgemeinen Sprachgebrauch genutzten Wörtern. Dies mag wohl daran liegen, dass das Buch lt. Internetrecherche im Jahr 1983 erschienen ist und der Autor im darauf folgenden Jahr im hohen Alter verstarb. Man kann also nur mutmassen, wann es geschrieben wurde, falls dies überhaupt „in einem Rutsch" geschah oder eher über einen längeren Zeitraum hinweg.

Wie dem auch sei – ich empfinde es als ein ganz grossartiges, süsses, liebevolles und wunderbar „anderes" Reisebuch für alle, die die weite Welt lieben und sich immer auch für die Menschen, ihre Kultur, ihren Glauben und das „Alltägliche" in der Fremde" interessieren.

Zu kaufen gibt es dieses Buch wohl leider nur noch vereinzelt auf eBay oder in Buchantiquariaten – oder vielleicht in einem öffentlichen Bücherschrank. Dieses Exemplar, was ich nun in Händen halte, wird jedenfalls hier bleiben – und wer weiss, vielleicht wird das Seepferdchen fortan mit mir reisen. ;-)

 

 

 

Anthony Bourdain:

 Ein Küchenchef reist um die Welt

(engl.: A Cook's Tour. In Search of the perfect meal)

 

 

 

 

Kurzweiliges, kulinarisches Reisebuch

Dieses Buch hat uns besonders gefallen, da es zwei unserer großen Leidenschaften zusammenbringt: Reisen & Essen. Anthony Bourdain berichtet in einem locker-lustigen bis zynischem Stil von seiner kulinarische Reise um die halbe Welt (darunter Vietnam, Kambodscha, Frankreich, Portugal, ...), überall auf der Suche nach der "perfekten" Mahlzeit. Am besten gefallen hat ihm dabei offensichtlich Vietnam, dem er ganze vier Kapitel seines Buches widmet, auch wenn sein Fazit letztendlich lautet, dass es "die" perfekte Mahlzeit gar nicht gibt, dass sie immer wieder völlig unerwartet in einer anderen "Verkleidung" daherkommen kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Paul Cullen:

Der Fahrplan ist die Speisekarte

(engl.: Cook's Tour. A Haphazard Journey from Guanghzou to Dublin and Back Again)

 

 

 

 
Der Weg ist das Ziel

Der in Australien lebende Koch Paul Cullen beschließt, zusammen mit seiner Frau und seinen drei Töchtern in sein Heimatland Irland zu reisen - doch nicht etwa mit dem Flugzeug, sondern von Hongkong aus auf dem Landweg per Eisenbahn. So führt die abenteuerliche Reise der Familie durch China, Kasachstan, Usbekistan, Russland und Europa. In seinem Reisebericht erzählt er mit viel Humor und Offenheit gegenüber fremden Kulturen von seinen Eindrücken und Erlebnissen, von überfüllten Zügen, unwirschem Hotelpersonal, Begegnungen mit Menschen, den Problemen der Verständigung und den Tücken des Fahrkartenkaufs. Zwischendurch beschreibt er immer wieder unterschiedlichste Speisen, die er mit seiner Familie in kleinen Garküchen, Bäckereien oder auf bunten Märkten verzehrte, von denen nicht alle unbedingt als Genuss empfunden wurden ...

Wenn auch nicht mehr ganz neu (die Reise fand 1993 statt) liest sich dieser Reisebericht wie ein spannender Roman, der immer wieder zum Lachen anregt. Dazu gibt es einige Farbfotos von der Reise - leider aber nur eine einzige Karte der Route, der einzige kleine Wermutstropfen, alles in allem jedoch ein schönes, interessantes und humorvolles Buch über das Reisen!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Werner Köhler:

 Cookys

 

 

 

 

Die rückblickend erzählte Geschichte des Ich-Erzählers Gerd Krüger alias Cooky beschreibt anschaulich und stimmungsvoll dessen Entwicklung vom naiven Jungen vom Land über den unsicheren Jugendlichen bis hin zum jungen, erfolgreichen Leiter des Spitzenrestaurants „Cooky's". Dabei zieht sich die Leidenschaft für das Kochen wie ein roter Faden durch sein Leben. Während er sein Kochtalent in jungen Jahren zunächst vor allem als Mittel einsetzt, um Frauen für sich zu gewinnen (um dadurch seine Unsicherheit im Ungang mit ihnen zu kaschieren), verhilft ihm dieses später zu seinem beruflichen Erfolg.

Die hauptsächlich in Aachen spielende Erzählung beginnt vor dem Hintergrund, dass das Restaurant inzwischen zwar ordentlich boomt, es in Cookys privatem Bereich, sprich: in Bezug auf Frauen, zu seinem Leidwesen jedoch seit geraumer Zeit eher mau aussieht - ein Manko, dass er durch die nahezu ausschließliche Konzentration auf seine Arbeit auszugleichen versucht. Jäh aus seinem Trott heraus gerissen wird er durch ein denkbar trauriges Ereignis: Den plötzlichen Tod eines guten Freundes. Im Lauf der darauf folgenden Rückblenden in die 70er- und 80er-Jahre erfährt der Leser anhand Cookys persönlicher Erinnerungen nicht nur von dessen Entwicklung hin zu dem Menschen, der er jetzt ist, sondern auch mehr über die Person des Verstorbenen und den Hintergründen, die zu dessen Tod führten, sowie über die damaligen Schulfreunde, die durch das Restaurant noch bis in die Gegenwart miteinander verbunden sind. Dazwischen wird stets viel und lecker gekocht, so dass man beim Lesen geradezu Appetit auf Cookys Gerichte bekommt.

Ein sehr schönes, stellenweise auch trauriges Buch über das Jungsein, die Liebe, Freundschaft und Zusammenhalt.

 

 

 

 

 

 

 

Rohinton Mistry:

Das Gleichgewicht der Welt

(engl.: A fine Balance)

 

 

 

 

Durch Zufall lernen sich auf einer Zugfahrt nach Bombay die einfachen Schneider Ishvar und sein Neffe Omphrakash und der aus gutem Hause stammende Student Maneck kennen. Rasch stellt sich heraus, dass sie das gleiche Ziel in der grossen Stadt haben, das Haus der Schneiderin Dina Dalal, bei welcher sich Ishvar und Omphrakash Arbeit erhoffen, Maneck ein Zimmer zur Untermiete.

Von diesem Zeitpunkt an beginnen sich ihre Schicksalsfäden vor dem Hintergrund ihrer unterschiedlichen Herkunft mehr und mehr miteinander zu verweben. Dabei erfährt der Leser nicht nur die ereignisreichen Lebensgeschichten der vier Hauptcharaktere des Romans, sondern nimmt auch an ihrem Alltagsleben, ihren Nöten und Ängsten, Sorgen und Freuden teil.

Dies erzählt Rohinton Mistry auf so intensive, mitreissende, lebendige und berührende Art und Weise, dass man als Leser gar nicht anders kann, als sich emotional in den Strudel der Ereignisse mit hineinziehen und ins Indien der Jahre zwischen 1975 und 1984 entführen zu lassen.

Innenpolitisch gesehen ist es eine unruhige Zeit, diese erste Amtszeit Indira Gandhis als Premierministerin des Landes. Ausnahmezustand, Niederschlagung der Opposition, behördliche Willkür, Folter, Zwangsmassnahmen sowie die zunehmende Beschneidung von Freiheiten und Bürgerrechten prägen das Alltagsleben - und natürlich treffen die Auswirkungen dieser Zustände vor allem die praktisch entrechteten Angehörigen der unteren Kasten. Eine grausige Berg- und Talfahrt des Lebens nimmt ihren Lauf, die ihren Protagonisten nichts erspart.

In der Erzählung wird „Das Gleichgewicht der Welt" an einigen Stellen symbolisiert, einmal durch das Schachspiel, das Maneck von einem Studienfreund geliehen bekommt, ein andermal durch einen Strassenkünstler, der auf einer langen Stange zwei kleine Kinder balanciert. Stärkstes Symbol jedoch ist eine Patchwork-Decke, an welcher Dina tagtäglich näht: Jeder der unzähligen, bunten Flicken erinnert die Protagonisten an ein bestimmtes Ereignis auf ihren miteinander verwobenen Lebenswegen, sei dieses rückblickend betrachtet nun gut oder schlecht, und lässt so Freud und Leid, Glück und Unglück zu einem grossen Ganzen verschmelzen.

Fazit:
Ein grossartiges Buch; ein aufwühlendes Buch; ein unbarmherziges Buch – ein Buch wie das Leben selbst.
Keine Seite zu lang, kein Ereignis oder Nebendarsteller zu unbedeutend.
Eine Leseempfehlung nicht nur für Indien-Interessierte.

 

 

 

 

 

 

 

 

David Mitchell:

Der Wolkenatlas

(engl.: Cloud Atlas)

 

 

 

 

Der „Wolkenatlas“ ist eine spannende literarische Reise der besonderen Art:

Angelehnt an den Gedanken an ein musikalisches Sextett für einander sich überschneidende Solostimmen wird jede der insgesamt sechs Kurzgeschichten von der nachfolgenden Geschichte unterbrochen beziehungsweise abgelöst, um dann jeweils in umgekehrter Reihenfolge fortgesetzt und zu Ende geführt zu werden.

Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Die sechs Geschichten beschreiben sechs Lebenswege an unterschiedlichen Orten zu unterschiedlichen Zeiten:

Den eines amerikanischen Notars, der um 1850 durch die Südsee reist, eines britischen Komponisten, der 1931 in Belgien am „Wolkenatlas-Sextett“ arbeitet, einer amerikanischen Journalisten, die in den 80er Jahren einen Atomskandal aufdecken will, eines englischen Verlegers, der von seinem gehörnten Bruder in die Irre geführt wird, einer geklonten koreanischen Sklavin in der Zukunft, die für das Recht kämpft, auch ein „Kosument“ ( = Mensch) sein zu dürfen, sowie eines postapokalyptischen Ziegenhirten, der den Untergang des verbliebenen Rests der Zivilisation miterlebt.

 Trotz der großen Zeitspanne von mehreren Jahrhunderten, unterschiedlicher Erzählstile (Romanform, Tagebuchform, Briefform, Interview) und verschiedener literarischer Genres (antiquierter Reisebericht, packender Thriller, düstere Science-Fiction) taucht immer wieder ein Detail auf, welches die nachfolgende Episode mit der vorigen verbindet.

Doch noch etwas ganz anderes zieht sich wie ein roter Faden durch Mitchells Menschheitsgeschichte und gibt so einiges zu denken:

Die unersättliche Gier des Menschen nach Geld, seine Gier nach Macht und die daraus resultierende Ausbeutung, Unterdrückung und Ausrottung des jeweils Schwächeren bis hin zum Niedergang der Zivilisation und zur unfreiwilligen Selbstausrottung. Am Ende ist der Erste zwangsläufig der Letzte …

Einen Lichtblick aber gibt es:

„… «Wer gegen die Hydra der menschlichen Natur kämpft, muss dafür mit unendlichem Leid bezahlen, und seine Familie bezahlt mit ihm! Erst wenn du deinen letzten Atemzug getan hast, wirst du begreifen, dass dein Leben nicht mehr gewesen ist als ein Tropfen in einem grenzenlosen Ocean!»

Was aber ist ein Ocean anderes als eine Vielzahl von Tropfen?“

 

 

 

 

 

 

 

 

V.S. Naipaul:

Der mystische Masseur

(engl.: The Mystic Masseur)

 

 

 

 

Die auf Trinidad spielende Geschichte vom gesellschaftlichen Aufstieg eines „kleinen" Mannes namens Ganesh lebt vor allem von der liebevoll-satirischen Erzählweise, mit welcher es dem Autor gelingt, seinen Figuren Lebendigkeit zu verleihen, sie menschlich und trotz ihrer Schwächen liebenswert erscheinen zu lassen. Die für Ganeshs Aufstieg wegbereitenden Kapitel sind „Der mystische Masseur" sowie „Der Presse-Pandit": In ersterem heilt Ganesh einen kleinen Jungen, der sich von einer schwarzen Wolke verfolgt glaubt. Allerdings geschieht dies weniger mit Hilfe wirklicher Heilkunst oder gar durch Magie, wie die Bewohner Trinidads später gerne glauben mögen, sondern einfach durch Ganeshs Einfühlungsvermögen. Sein Ruf als „mystischer Masseur" gilt danach jedoch als gefestigt.

Im anderen Kapitel konzipiert Ganesh mit drei Gesinnungsgenossen, von denen einer noch ein Junge ist, eine eigene kleine Zeitung. Hierbei zeigt sich auf humorvolle Art und Weise, wie schwierig der Weg von der Idee hin zur Realisierung ist - und dass die drei Alten ohne den Jungen wirklich alt aussähen ... Doch die Zeitung erscheint, wenn auch nur einmalig, und bereitet Ganesh den Weg in die Politik. Trotz seiner enormen Karriere ist von Anfang an klar, dass Ganesh eigentlich überhaupt nicht besonders begabt und anfangs auch nicht einmal sonderlich motiviert ist (was ihn sympathisch macht). Er hat einfach „nur" das Händchen, zur rechten Zeit das richtige zu tun, und gibt niemals auf.

Interessant ist noch eine Nebenfigur, die man von einem andern Roman Naipauls zu kennen meint: Ganeshs Schulfreund Indarsingh, der aufs College nach England geht und später auf der politischen Bühne Trinidads wieder auftaucht. Einen nicht nur vom Namen her ähnlichen Schulfreund gibt es auch in dem Roman „An der Biegung des großen Flusses". Darin heißt dieser schlicht Indar, hat ebenfalls in England studiert und kehrt gleichfalls später wieder in seine alte Heimat zurück. Beiden Indars ist zudem gemein, dass ihnen ihr elitär anmutender Bildungsausflug nach England nicht viel eingebracht hat und sie zurück zu Hause die bittere Feststellung machen müssen, dass sie ihrem ehemaligen Schulkameraden dennoch unterlegen sind.

Ein sehr sympathisches, unterhaltsames und humorvolles Buch.

 

 

 

 

 

 

 

 

Eliot Pattison:

Der fremde Tibeter

(engl.: The Skull Mantra)

 

 

 

 

Eliot Pattisons Debütroman spielt in einem chinesischen Arbeitslager mitten in Tibet. Unter den Häftlingen – überwiegend Mönche aufgelöster und zerstörter tibetischer Klöster – befindet sich auch der chinesische Protagonist Shan, einstiger Ermittler in politischen Korruptionsfällen in Peking. Eines Tages findet seine Brigade während ihrer Arbeit am Bau einer Straße eine Leiche ohne Kopf. Im Zuge der Ermittlungen wird Shan vom Befehlshaber des Lagers von seiner Arbeit freigestellt und mit der Aufklärung der Tat beauftragt, bevor eine amerikanische Delegation das Land besucht. Schon bald wird von offizieller Seite ein Mönch als angeblicher Täter präsentiert - doch Shan, der sich im Zuge seines Lageraufenthalts mit den Mönchen angefreundet und sich mit ihrer Lebensweise vertraut gemacht hat, zweifelt an den angeblichen Beweisen und recherchiert weiter …

 Anhand dieser Krimihandlung gelingt es Pattison, dem Leser das buddhistische Tibet und die Auswirkungen der chinesischen Besetzung  nahe zu bringen – teilweise so detailliert, dass man vermuten möchte, dass dies auch sein Hauptbeweggrund zum Schreiben dieses Buches war, was aber durchaus nicht negativ zu bewerten ist, da Shans Suche nach dem Mörder, wenn auch im Detail etwas verworren, durchaus spannend ist und zu einer überraschenden Auflösung führt. Für den Roman wurde er 2000 mit dem Edgar Allan Poe Award ausgezeichnet.

 

 

 

 

 

 

 

 

Falko A. Rademacher:

Köln für Imis

 

 
 

 

Ein „Muss“ für alle (Neu-) Kölner

 Bei der Lektüre dieser Köln-Satire mussten wir immer wieder das Buch beiseite legen und einfach loslachen. Mit viel Humor und Wortwitz gelingt es Rademacher, die weniger schönen und skurrilen Seiten der Stadt und ihrer Bewohner beim Namen zu nennen, ohne diese dabei zu denunzieren. Die Bandbreite der Themen reicht dabei von „der großen Bahnhofskapelle“ (Kölner Dom) über die „schääl Sick“ bis zum Verhältnis zu Düsseldorf - und natürlich sind auch Klüngel, Kölsch und Karneval mit von der Partie.

 

 

 

 

 

 

 

Vikas Swarup:

Rupien! Rupien!

(engl.: Q & A;

Slumdog Millionaire)

 

 

 

 

Der Roman beginnt mit der Festnahme des Protagonisten und Ich-Erzählers Ram Mohammed Thomas, nachdem er in einer indischen „Wer-wird-Millionär“-Show im Fernsehen eine Milliarde Rupien gewonnen hat, da keiner glauben will, dass ein ehemaliger Straßenjunge solch schwierige Fragen richtig beantworten kann, ohne dass ein Trick dahinter steckt. Überraschenderweise erklärt sich eine Anwältin zu Rams Verteidigung bereit, nimmt ihn mit zu sich nach Hause und lässt sich von ihm erzählen, wie es dazu kam, dass er tatsächlich auf jede der Fragen die richtige Antwort wusste. So erfährt man in den folgenden Kapiteln rückblickend Rams mal heitere, mal traurige Lebensgeschichte, allerdings nicht chronologisch, sondern in genau der Reihenfolge, in welcher ihm die Fragen im Verlauf der Quizsendung gestellt wurden. Diese Erzählweise erfordert zwar etwas Nachdenken beim Lesen, um jede Lebensepisode richtig einzusortieren, macht die Geschichte aber originell und spannend, darüber hinaus erfährt man auch einiges über Indien.

Der Roman wurde übrigens unter dem Titel „Slumdog Millionaire“ verfilmt und 2009 mit acht Oscars ausgezeichnet.

 

 

 

 

 

 

 

von Westphalen, Joseph:

Im diplomatischen Dienst

 

 

 

 

Der Protagonist Harry von Duckwitz wird aus Faulheit Diplomat und liebt es, überall zu provozieren und anzuecken, sei es in Kamerun, Ecuador oder in der Eifel. Seine zweite Leidenschaft gilt den Frauen, wobei es ihm stets schwer fällt, sich auf eine einzige zu beschränken. Damit bringt er gehörigen Schwung in den sonst eher biederen diplomatischen Dienst, was natürlich nicht überall gleich gut ankommt ...

Da das Buch mittlerweile fünfzehn Jahre alt ist, sind die erwähnten politischen Ereignisse (Tschernobyl, Hauptstadtdebatte, Mauerfall) inzwischen passé, dennoch sind die ironischen Betrachtungen von Duckwitz immer wieder amüsant zu lesen. Die Fortsetzung ist unter dem Titel "Das schöne Leben" erschienen und ist auch noch lesenswert, jedoch wird in Bezug auf Frauen und Zeitgeist-Kritik auf Dauer zu sehr übertrieben (Eine dritte existierende Fortsetzung sei hier nicht mehr näher erwähnt).

 

 

 

 

 

 

 

 

Wackwitz, Stephan:

 Walkers Gleichung

 

 

 

 

Ein wenig erinnern die Rahmenbedingungen zu „Walkers Gleichung" an einen gewissen Harry Duckwitz (Joseph v. Westphalen: „Im diplomatischen Dienst"): Tropische Kulisse, Botschaftsmilieu und ein sympathischer „schräger Vogel" als Protagonist, dem seine Frauengeschichten wichtiger sind als sein Botschaftsjob. Allerdings ist die Geschichte des Siegmund Walker weitaus genialer:
Selbst nicht Diplomat, sondern lediglich Referent einer Stiftung, der an der deutschen Botschaft eines Tropenstaates Schreib- und Zuarbeiten erledigt, geht Walker privat gerne seinen schriftstellerischen Ambitionen nach, indem er Essays für deutsche Zeitungen schreibt - gleichwohl er sich schmerzlich bewusst ist, dass der Essayist als solcher in der breiten Öffentlichkeit, sprich: Vor allem bei den Frauen (die seine zweite Leidenschaft sind) nur wenig gilt und im Vergleich zu der des Romanschreibers nie so recht ernst genommen wird. So geschieht es, dass er, um bei seiner Angebeteten Juliana landen zu können, vorgibt, an einem Roman zu schreiben - und zwar über die Auslandsdeutschen der tropischen Inselhauptstadt, also seine Vorgesetzten, Kollegen, Freunde, Bekannten, etc. Diese Äußerung kommt zwar wunschgemäß bei den Frauen sehr gut an, in anderen Kreisen jedoch ist man wenig begeistert von Walkers Ansinnen, „… die Verbindungen zwischen wirtschaftlicher, politischer und kultureller Macht, ... die Mischung aus Erotik, Korruption und Verbrechen …" nicht nur als Fiktion, sondern als lebendigen Lebenshintergrund darzustellen. Darüber hinaus sorgt ein fremdenfeindlicher Übergriff im fernen Deutschland für politischen Aufruhr und führt dazu, dass Walker zum Sonderbeauftragten für eine kurzfristig angesetzte multikulturelle deutschtropische Kulturwoche ernannt wird, die das Ansehen Deutschlands im Ausland wieder gerade rücken soll. Die Frage, die sich bei alldem stellt, ist, ob und wie am Ende Walkers Gleichung mit mehreren Unbekannten aufgeht und was am Schluss für ihn übrig bleibt.

Stephan Wackwitz beschreibt mit viel Ironie und Humor einen illustren Kreis von Auslandsdeutschen („… nach heimischen Maßstäben komfortabel gescheiterte Existenzen. [...] mit zu Hause wertlosen Doktortiteln ..."), in dem die Maxime „Nichtstun und Doch-irgendwie-etwas-Sein" zu gelten scheint, und den deutschen Kulturbetrieb an sich. Dabei können die ineinander verschachtelten Sätze gut und gern auch mal eine halbe Seite lang werden, was das Lesen stellenweise etwas anstrengend macht. Langeweile aber kommt an keiner Stelle auf - im Gegenteil: „Walkers Gleichung" ist eine geniale, spannende und witzige Satire, wie man sie nicht oft zu lesen bekommt.

 

 

 

 

 

 

 

 

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