Glückskäfer

Kurzgeschichte

 

 

 

Das Wasser ist kalt. Es ist früher Morgen, die Sonne kauert noch hinter den Hügeln. Der See liegt still und glatt vor ihm. Ein paar Wasservögel schrecken auf, kreischen schrill, flattern. Dann wieder Stille. Er atmet durch, streckt sich, benetzt seinen Körper mit dem kühlen Nass. Dann holt er tief Luft, hechtet ins Wasser, taucht ein paar Meter und beginnt zu schwimmen. Seine übliche Runde durch den See. Einmal ans andere Ufer und wieder zurück. Es dauert eine knappe Stunde, so groß ist der See. Morgens ist er am schönsten, wenn auch noch eisig kalt. Doch er liebt die Stille, die Einsamkeit, die Unberührtheit. Beinahe lautlos gleitet er durch das Wasser, zerteilt behutsam seine Oberfläche. Kein überflüssiges Plätschern, kein überflüssiges Wellenkräuseln. Hinter ihm fügt sich das aufgewühlte Wasser wieder zusammen, glättet sich, verwischt seine Spur.

Er beobachtet, wie die Sonne über den Hügelkamm klettert. Ihr Licht lässt das Wasser glitzern. Einladend, lockend. Ein Schwarm Wildgänse zieht vorüber. Ihr heiseres Schreien durchbricht die Stille und verebbt wieder. Schon bald werden sie sich sammeln und gen Süden ziehen. Der Sommer ist fast vorüber, aber das Laub der Bäume ist noch grün. Am Ufer sieht er einen einsamen Spaziergänger. Er führt einen Hund an der Leine. So begegnen sie sich jeden Morgen. Ohne sich zu treffen. Auf Distanz. Wie jeden Morgen bleibt der Mann kurz stehen und schaut auf den See, sieht ihm kurz zu, wie er seine vergängliche Spur auf das Wasser malt. Der Hund zieht an der Leine und der Mann geht weiter.

Allmählich wird ihm warm, durch die Bewegung, die aufsteigende Sonne. Er erreicht das gegenüber liegende Ufer, wendet und schwimmt zurück. Eine Libelle schwirrt direkt vor seinem Gesicht vorbei. Das war knapp. Winzige Mücken tanzen in der Luft. Doch was ist das? Treibt da nicht ein kleiner, roter Punkt auf dem Wasser? Er ist schon vorbei, doch hält inne. Neugierig dreht er sich um und sucht den winzigen roten Farbtupfer in den kleinen Wellen, die er verursacht hat. Da! Dort ist er wieder. Es ist ein Marienkäfer. Hilflos zappelnd treibt er auf der Wasseroberfläche, unfähig, sich vom Wasser zu lösen und davon zu fliegen. Zu dumm, Marienkäfer! Wie konnte das passieren? Vorsichtig schiebt er seine Hand von unten an das kleine Tier heran und hebt es aus dem Wasser. Der Käfer bewegt sich, er lebt, doch das Fliegen gelingt ihm nicht. Zu dumm aber auch.

Bringen Marienkäfer nicht Glück? überlegt er. Das behauptet seine kleine Tochter zumindest. Sagt, es hätte etwas mit der Anzahl der Punkte auf dem Rücken zu tun. Die Lehrerin hat es ihnen auf einem Schulausflug erzählt. Warum er das denn nicht wisse, hat sie ihn gefragt. Was soll man darauf antworten? Nachdenklich betrachtet er den Käfer auf seinem Finger. Vielleicht gilt das mit dem Glück auch nur für Schokoladenkäfer? Er erinnert sich nicht einmal mehr an die vermeintliche Glückszahl. Seine Tochter hat sie ihm bestimmt verraten. Dieses Exemplar jedenfalls hat zwei symmetrisch verteilte Punkte auf seinem orange-rot glänzenden Rücken. Scheint eher die Standard-Ausgabe zu sein. Aber kann nicht fliegen. Das ist schlecht, denn das Ufer ist weit. Er seufzt ergeben. Nun denn, kleiner Kerl.

Sein Rückweg sieht heute weniger elegant aus: Einarmig pflügt er durch das Wasser, den anderen Arm hält er seltsam abgewinkelt neben sich auf der Wasseroberfläche. Auf seinem Handrücken sitzt der Käfer und kann sein Glück nicht fassen. Wie ein Passagier auf einem großen Überseedampfer sitzt er da und wartet darauf, an Land gehen zu können. Hoffentlich wird er nicht auch noch seekrank!

Endlich erreichen sie das Ufer. Behutsam setzt er den Käfer auf einem dicken Grashalm ab. In der Sonne wird er rasch trocknen. Mal sehen, ob er mir doch Glück bringt, denkt er lächelnd, der Käfer zumindest hat heute zweifelsohne einen Glückstag.

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© Silke

 

 

 

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