Tag am Meer

Kurzgeschichte

 

 

 

An die Freude, Freundschaft, Laisser-faire und – das Meer! 

Früher bin ich viel zu selten am Meer gewesen. Und wenn, dann meist nur für ein verlängertes Wochenende rüber nach Calais und von dort aus die Kanalküste runter, so lange das Geld reichte. Es reichte meistens nicht sehr weit und seltsamerweise fanden diese Ausflüge nie im Sommer statt, doch das machte nichts. Am Meer sein ist zu jeder Jahreszeit schön. Der Enge der Großstadt entfliehen, wieder den Blick für die Weite bekommen, Seeluft atmen, Wind im Gesicht spüren, frische Muscheln essen. Calais, La Manche… Lange her, dass ich zuletzt dort gewesen bin, damals im September, mit Kirsten, Maja und Svenja.

Eigentlich war es eine Schnapsidee gewesen, im wahrsten Sinne des Wortes. Eine merkwürdige Konstellation obendrein, ich mit den drei Mädels. Zufall. Eine war meine Ex, eine saß in irgendeinem Seminar neben mir, die andere kannte ich über drei Ecken - sie sollte einige Monate später meine neue Freundin werden, was ich zu dem Zeitpunkt aber noch nicht ahnte. Ich glaube, an diesem Tag am Meer war ich ein bisschen in alle drei verliebt. Es war Samstagabend und wir waren zusammen in der Stadt unterwegs. Diverse Kneipen, Zwischenstopp im Asia-Schnellimbiss, noch mehr Kneipen. Die Stimmung war gut. Svenja war es, die mitten in der Nacht auf die Idee kam: „Jetzt wär ich gern am Meer …“. Auf einmal hing dieser Satz in der Luft. Zuerst Gelächter, dann Schweigen, unterbrochen von sehnsüchtigem Seufzen. Mittlerweile war es nach zwei Uhr nachts, wir hatten alle viel getrunken, doch der Gedanke hatte sich in unseren Köpfen festgesetzt. Wir wollten ans Meer. Die Bahn war von vorneherein indiskutabel, wahrscheinlich wäre um diese Uhrzeit sowieso kein Zug mehr gefahren. Außerdem viel zu teuer. Das Auto … ? Kirsten war die einzige, die eins besaß, allerdings wollte sie selbst nicht mehr fahren. Ich bot mich als Fahrer an, was angesichts meines Zustands ein recht tollkühner Gedanke war. Doch keiner erhob Einspruch und Maja erklärte sich bereit, sich mit mir abzuwechseln. Zunächst standen wir jedoch vor dem Problem, möglichst rasch zu Kirsten zu gelangen, um an den Wagen zu kommen. Sie wohnte außerhalb und es war schon spät, beides Faktoren, welche die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel verkomplizierten. Während wir noch hin und her überlegend am Straßenrand standen, sprang Svenja plötzlich auf die Fahrbahn und stellte sich wild mit den Armen rudernd einem dunklen Mercedes in den Weg, der an einer Ampelkreuzung stand und gerade losfahren wollte. Wir drei müssen ziemlich ratlos dreingeschaut haben, ich zumindest hatte keine Ahnung, was sie da vorhatte. Minuten später saßen wir allesamt in dem Mercedes und nahmen Kurs auf Kirstens Wohnung. Auch im Nachhinein ist mir nie ganz klar geworden, wie Svenja auf die Idee gekommen war, dass der dunkelblaue Mercedes einem Limousinenservice angehören könnte. Dass der Fahrer tatsächlich Zeit für einen spontanen Zwischenauftrag für relativ kleines Geld hatte, kann sie allenfalls gehofft haben. Bei Kirsten angelangt kochte sie uns erst einmal Kaffee zur Wegstärkung, Svenja bereitete belegte Brote als Proviant vor. Ihre Augen sahen auf einmal müde aus und sie sagte, dass sie eigentlich gar nicht mehr so dringend ans Meer fahren, sondern lieber in ihr Bett wolle. „Ihr beide könnt doch auf dem Rücksitz schlafen, Finn und ich fahren. Und wenn ihr aufwacht, sind wir am Meer – ist das nicht toll?“ Majas ungebremste Begeisterung wirkte ansteckend, dazu belebte der Kaffee unsere Lebensgeister. Ja, wir wollten noch immer ans Meer und meinten, es aus der Ferne leise unsere Namen rufen zu hören.

Ich fuhr zuerst. Svenja und Kirsten mummelten sich auf der Rückbank in eine Wolldecke und waren schon eingeschlafen, bevor wir aus der Stadt heraus waren. Maja legte eine CD ein und bot mir eine Zigarette an. Schweigend rauchten wir, lauschten der Musik und fuhren durch die Nacht. Wir wussten, dass uns gut fünf Stunden Fahrt bevorstanden. Wir wussten, dass wir nicht nüchtern waren. Doch das war uns egal, wir wollten ans Meer. Ohne es zu bemerken passierten wir die Grenze. Erst als die Autobahn auf einmal von unzähligen Laternenmasten hell erleuchtet war, wurde uns bewusst, dass wir in Belgien waren. Kirsten wachte auf, vielleicht vom Licht, und holte auf meine Nachfrage eine Straßenkarte hervor. So gut hatte ich die Route auch nicht mehr in Erinnerung. Doch als sie die Orte vorlas, kamen mir die Namen wieder bekannt vor. Svenja erwachte ebenfalls und verteilte Brote, Cola und Orangensaft. Abgesehen von der Müdigkeit ging es uns hervorragend. Später wechselte Maja mich ab. Die beiden auf der Rückbank waren inzwischen wieder eingeschlafen und bei mir fehlte auch nicht viel, es ihnen gleich zu tun, doch ich bemühte mich, die Augen offen zu halten und nicht einzunicken. Hinter der französischen Grenze übernahm ich wieder das Steuer. Maja schlief fast augenblicklich auf dem Beifahrersitz ein. Was für eine verrückte Idee, kam es mir in den Sinn. Doch das Ziel war nun nicht mehr weit und ich fuhr und fuhr, völlig übermüdet, mit drei schlafenden Engeln im Auto, so kam es mir jedenfalls vor. 

Als wir Calais erreichten, stand die Sonne schon am Himmel. Verschlafen blinzelten wir in ihr grelles Licht. Man konnte das Meer bereits riechen. Auf einmal kannte ich mich wieder aus und fand auf Anhieb die Küstenstraße. Wir ließen die Stadt hinter uns und – hurra! – da war es endlich: Das Meer! Immer wieder blitzte es schelmisch zwischen den Dünen hervor. Wir fuhren weiter bis auf die Anhöhe des Cap Gris-Nez, einem beliebten Aussichtspunkt, der zu dieser morgendlichen Stunde noch verlassen war. Dort stiegen wir aus und fielen uns jubelnd in die Arme. Unser Ziel war erreicht. Ein Tag am Meer, das war alles, was wir wollten. Kirsten nahm die Wolldecke und holte Schlafsäcke aus dem Kofferraum. Jenseits des Parkplatzes fanden wir eine windgeschützte Mulde im Gras mit Blick aufs Meer. Das Wasser glitzerte in eisigem Blau. Tausende kleiner Kabbelwellen tanzten unruhig über seine Oberfläche. Am Horizont konnte man die Kreidefelsen von Dover hell schimmern sehen, Möwen kreisten über uns. Ab und zu näherten sich große Fähren und Frachtschiffe der Hafeneinfahrt oder fuhren aus ihr hinaus auf die offene See. Nachdem wir uns fürs Erste satt gesehen hatten, wurden unsere Augen immer schwerer. So kuschelten wir uns in der Grasmulde zusammen. Die Mädels schliefen sofort ein. Ich hielt die Augen noch ein Weilchen offen, schaute in den Himmel und lauschte dem Rauschen der Wellen, den vereinzelten Schreien der Möwen. Ich lag zwischen Svenja und Kirsten, die sich eng an mich geschmiegt hatten. Ich hielt sie praktisch in meinen Armen, doch es erschien mir überhaupt nicht seltsam. Alles war so vertraut, seit wir aufgebrochen waren, um das Meer zu sehen. 

Gegen Mittag fuhr Svenja in den nächsten Ort, um Kaffee und Croissants zu besorgen. Maja erkundete das Kap. Kirsten lag noch schlafend in meinem Arm. Eine dunkle Haarsträhne war ihr ins Gesicht gefallen. Sie lächelte im Schlaf. Ich schob die Strähne vorsichtig beiseite und küsste sie, einfach so, zuerst auf die Nase, dann auf den Mund. Sie erwiderte meinen Kuss noch bevor sie die Augen aufschlug. Ihre Lippen schmeckten salzig. Als unsere Blicke sich irgendwann trafen, mussten wir beide lachen und ließen voneinander ab. Wir standen auf und suchten nach Maja. Der Wind hatte aufgefrischt und ließ das Gräsermeer rascheln. Am Rand der Klippe hielten wir uns in den Armen, atmeten die frische Seeluft und schauten hinunter aufs Meer. Die Wellen waren größer geworden und rollten gleichmäßiger als zuvor. Unten am Strand entdeckten wir Maja. Sie winkte zu uns herauf und rief etwas, das im Geräusch von Meer und Wind unterging. Da Kirsten es vorzog, oben auf Svenja zu warten, stieg ich allein den steilen Pfad hinunter. Der Sandstrand war breit, das Meer hatte sich weit zurückgezogen, doch kleine Priele begannen sich fast unmerklich wieder mit Wasser zu füllen. Der Sand fühlte sich feucht und feinkörnig an. Überall verstreut lagen kleine Muscheln, Muschelsplitter, Algen, leere Krebspanzer, vom Meer rund geschliffene Steine. An der Steilwand standen eine Frau und ein Mann und klopften mit Hämmern gegen den Stein. Auf unsere neugierige Frage hin zeigte uns der Mann den Inhalt seines Umhängebeutels: Versteinerungen. Wunderschöne, in Stein gepresste Spuren von Tieren und Pflanzen, die einst hier gelebt hatten. Als seine Frau nicht hinsah, drückte er Maja augenzwinkernd eines der Fundstücke in die Hand. Ich fand das sehr nett und zwinkerte ihm grinsend zurück. Maja strahlte vor Freude. Wir machten uns auf den beschwerlichen Weg zurück nach oben. Auf einmal reichte mir Maja die Versteinerung. „Schenk ich dir. Als Erinnerung“, sagte sie. „Möchtest du selbst denn keine Erinnerung an heute?“ fragte ich irritiert. Sie lächelte. „Doch“, beugte sich vor und küsste mich. „Jetzt hab ich eine.“ Während ich noch völlig überrumpelt dastand, drehte sie mir auch schon wieder den Rücken zu und ging weiter. 

Svenja hatte inzwischen Kaffee geholt, der mittlerweile nicht mehr heiß war, dafür aber schmeckten die Croissants umso leckerer. Nachdem wir uns gestärkt hatten, unternahmen wir einen ausgedehnten Strandspaziergang, genau so, wie wir es uns vorgestellt hatten. Der Strand war schon schmaler geworden, das Meer deutlich näher gerückt. Manchmal mussten wir kleine Wasserläufe durchwaten oder tiefere Priele überspringen. Der Wind blies fortwährend, auf den Wellen tanzten weiße Schaumkrönchen. Vereinzelt kamen uns Spaziergänger und Fossiliensammler entgegen. Die Mädels blieben hier und da stehen, um im Sand nach hübschen Steinen und Muscheln zu suchen. Ich schaute dann aufs Meer und tastete nach der Versteinerung in meiner Jackentasche. Ein schönes Geschenk. Eine schöne Erinnerung. Wasser schwappte mir über den Schuh und ich entdeckte einen Stein zu meinen Füßen. Seine Oberfläche zierte ein Muster aus schlangenförmigen Einkerbungen. Ich hob ihn auf und steckte ihn ein. Als wir durchgefroren waren, fuhren wir in den kleinen Küstenort Wissant. In einem Restaurant teilten wir uns eine große plat des fruits de mer und moules frites. Die Platte war so üppig beladen, dass man die Überbleibsel problemlos hätte neu arrangieren und als kleine Portion anbieten können – und das, obwohl wir reichlich davon gegessen hatten. Bevor wir uns auf den Rückweg machten, ging ich mit Svenja noch mal ans Meer. Sie wolle ihm für den schönen Tag danken und sich verabschieden, hatte sie gemeint. Ich fand die Idee sehr süß. Kirsten und Maja zogen es vor, noch einen Espresso zu trinken, und gaben uns ihre Grüße mit auf den Weg. Wir folgten der Straße zum Meer. Der Wind blies kalt und ließ uns frösteln, die Flut hatte bereits die Kaimauer erreicht. Mit lauter Stimme rief Svenja dem Meer unsere Botschaft zu. Spontan umarmte ich sie und drückte ihr den Stein in die Hand. „Als Erinnerung“, sagte ich und küsste sie. Die Rückfahrt zog sich ewig, Kirsten fuhr die ganze Strecke alleine durch. Svenja schlief auf dem Beifahrersitz, Maja an meine Schulter gelehnt. Ihr Haar duftete nach Wellen, Wind und Weite. Unser Tag am Meer ging zu Ende. Es war eine wirklich verrückte Idee gewesen, doch wir fühlten uns unendlich glücklich. 

Inzwischen ist viel Zeit vergangen. Ich bin jetzt fast jeden Tag am Meer, doch fern der Heimat, an einem Meer, das keine Jahreszeiten kennt. Es ist wunderschön türkisfarben, das Wasser ist stets einladend warm und ich genieße jede Minute, die ich am Strand verbringen kann. Doch manchmal vermisse ich den rauen Wind, die Kälte, den Blick vom Kap bis zu den Kreidefelsen von Dover am Horizont. Wehmütig denke ich dann an jenen Tag am Meer zurück, damals, mit Kirsten, Maja und Svenja. Wir hatten uns so miteinander verbunden gefühlt, dennoch haben wir danach nie wieder etwas in dieser Konstellation zusammen unternommen. Eine war meine Ex gewesen, eine hatte in irgendeinem Seminar neben mir gesessen, die andere hatte ich über drei Ecken gekannt - sie sollte einige Monate später meine neue Freundin werden, doch das hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht geahnt. Die Frage, wer damals welche Rolle innehatte, ist inzwischen unwichtig geworden. Jede hätte die andere gewesen sein können, es hätte nichts geändert. Irgendwie bin ich in alle drei verliebt gewesen. Nur das wird in meiner Erinnerung immer von Bedeutung sein. Und unser Tag am Meer.

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© Silke Bork

 

 

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