Verirrt

oder

Just a kiss

Kurzgeschichte

 

 

 

 

Fassungslos blieb sie mitten auf der Straße stehen und sah den Rücklichtern des Polizeiautos hinterher, bis sie hinter der nächsten Biegung verschwunden waren. Dann versank die Straße wieder in nächtliche Stille und sie war allein. Allein in einer fremden Stadt, in einem fremden Land. Und was nun? Sie setzte sich auf die Bordsteinkante und versuchte, ihre Lage zu analysieren: Es war mitten in der Nacht, die Straßen um sie herum waren wie ausgestorben, und sie war allein, da eine Polizeistreife sie soeben ihrer männlichen Begleiter beraubt hatte. Anscheinend stellte gemeinschaftliches Pinkeln gegen die Mauer einer verlassenen Häuserruine hierzulande eine Straftat dar, anders konnte sie sich das Geschehene nicht erklären. Hätte sie nicht im Schutz eines parkenden Kleintransporters gekauert, wäre sie womöglich ebenfalls einkassiert worden. Aber immerhin wäre sie dann jetzt nicht allein. Allein und zugegebenermaßen nicht nüchtern. Doch was mit Abstand das Schlimmste war: Sie wusste weder, wo genau sie sich befand, noch Namen und Adresse der Jugendherberge, in der sie untergekommen waren. Das kann ja heiter werden, dachte sie und erhob sich schwerfällig. Erst jetzt betrachtete sie ihre Umgebung eingehender und erschrak: Das ist doch überhaupt nicht der Weg, auf dem wir vorhin in die Stadt gegangen sind, durchfuhr es sie. Was sie sah, weckte in ihr weder ein déjà vu noch behagte es ihr: Unheimliche, leer stehende Abbruchhäuser, bedrohliche, dunkle Mauern, gesprungenes Kopfsteinpflaster mit vereinzelten Schlaglöchern, spärliche Straßenbeleuchtung. Und dazu diese Stille. Wie hatten sie sich bloß in solch eine Gegend verirren können?

Mangels Alternativen beschloss sie, zu der Wirtschaft, in der sie zuvor gemeinsam zu Abend gegessen und den einen oder anderen Wodka getrunken hatten, zurück zu gehen. Dort würde man ihr sicher helfen, den Weg zu ihrer Unterkunft zu finden. Fröstelnd schlug sie den Kragen ihrer Jacke hoch, vergrub die Hände in den Taschen und marschierte los. Doch die Kälte kroch unbarmherzig von allen Seiten durch den dünnen Jeansstoff und ihre Schritte verursachten zunehmend schmerzhafte Erschütterungen in ihrem Kopf. Tapfer ging sie so rasch wie möglich weiter, setzte mechanisch einen Fuß vor den anderen, immer weiter und weiter. Sie versuchte zu ignorieren, dass ihr Schädel inzwischen heftig pochte und ihre Beine mit jedem Schritt schwerer wurden; versuchte zu ignorieren, dass die Wirtschaft in Anbetracht der verstrichenen Zeit längst hätte auftauchen müssen; versuchte zu ignorieren, dass sie sich völlig verlaufen hatte. Plötzlich überkam sich eine Welle von Übelkeit. Das fettreiche Essen, der ungewohnte Wodka … Mit vorgehaltener Hand betrat sie einen unbeleuchteten Hinterhof, wo sie sich in einer Ecke übergab. Danach fühlte sie sich besser. Was für ein Abend, dachte sie und steckte sich ein Pfefferminzbonbon in den Mund. Und das alles nur, weil sie so bequem gewesen war und alles Organisatorische ihren Freunden überlassen hatte. Die wussten, wie die Herberge hieß und wo diese sich befand. Doch das half ihr jetzt auch nicht weiter. Erschöpft setzte sie sich auf die unterste Stufe einer halb verfallenen Holztreppe und betrachtete den nachtschwarzen Himmel. Nicht ein einziger Stern war zu entdecken. Von irgendwoher aus dem Dunkel hörte sie leises Miauen, ein Rascheln und Knacken, das Geräusch umhertapsender Schritte. Dann umgab sie wieder Stille. Sie schloss die Augen, lehnte den Kopf gegen die Häuserwand und war augenblicklich eingenickt. Plötzlich fuhr sie zu Tode erschrocken hoch. Etwas war über ihre Schuhe gerannt! Und es war nicht gerade klein gewesen, sie hatte es ganz deutlich gespürt … Mit einem Satz war sie auf den Beinen und kehrte eilig auf die Straße zurück, wo sie ihren Weg aufs Geratewohl fortsetzte, Schritt für Schritt, weiter und immer weiter. Irgendwann musste ihr doch einfach eine Straße bekannt vorkommen, so groß konnte die Stadt doch nun auch wieder nicht sein! Ihre Armbanduhr zeigte bereits kurz nach zwei und je länger sie ging, desto mehr verstärkte sich ihr Eindruck, dass sie sich im Kreis bewegte.

Endlich meinte sie, eine Straße wieder zu erkennen. Hoffnungsvoll folgte sie ihrem Verlauf, begann jedoch zu zweifeln, als dieser einen ausladenden Bogen zu beschreiben begann. Als der Bogen anschließend wieder in eine Gerade mündete, erkannte sie ihren Irrtum: Keine zwanzig Meter vor ihr war die Straße von einem Schlagbaum versperrt, vor dem zwei bewaffnete Männer in Armeekleidung standen. Hier war sie zuvor garantiert nicht entlang gekommen. Aber immerhin ist da endlich jemand, den ich nach dem Weg fragen kann, frohlockte sie und ging geradewegs auf die Straßensperre zu. Die Soldaten hatten sie ebenfalls bemerkt und starrten sie ungläubig an. Ihre Gesichter waren derb und unrasiert und irgendwie war sie sich im Näherkommen gar nicht mehr so sicher, ob sie über diese nächtliche Begegnung wirklich froh sein oder lieber schleunigst das Weite suchen sollte. Zögernd verlangsamte sie ihre Schritte.

Der dickere der beiden wandte sich zur Seite und rief etwas in Richtung eines kleinen Wachhäuschens am Straßenrand, woraufhin ein weiterer Uniformierter in der Tür erschien und erstaunt zu ihr herüber sah. Sie nahm all ihren Mut zusammen, ging auf die Männer zu und versuchte, ihnen ihre Notlage zu schildern. Offensichtlich wurde sie jedoch nicht verstanden. Die beiden lachten lediglich dümmlich vor sich hin und erwiderten etwas, das sie wiederum nicht verstehen konnte. Sie versuchte es mit einer anderen Sprache. Erneut erntete sie nur Gelächter und unverständliche Worte, doch das Lachen klang nun gefährlich, das Gesprochene bedrohlich. Aus der Jackentasche des Dicken sah sie eine Wodkaflasche herausragen, deren Anblick augenblicklich Ekel in ihr hervorrief. Auf einmal kroch Angst in ihr hoch, ihre inneren Alarmglocken begannen zu schrillen. Bloß weg hier! Nichts wie weg! Sie machte einen Schritt zur Seite, doch sofort verstellten ihr die Männer den Weg und rempelten sie unter Gelächter unsanft an. Der Dicke zog die Flasche hervor und trank gierig daraus. Dann beugte er sich zu ihr herab und blies ihr seinen übel riechenden Atem ins Gesicht. Der andere stand daneben und lachte schallend, wobei er ein schiefes, bräunlich verfärbtes Gebiss entblößte, in dessen oberer Reihe mehrere Zähne fehlten. Indes wurden ihre Versuche, zu entkommen, immer verzweifelter. Doch der Dicke bildete eine unüberwindliche Barriere, während Zahnlücke sie immer wieder von der Seite bedrängte und grob an der Schulter packte. Ihr Herz raste. Was konnte sie jetzt noch retten? Sollte sie versuchen, mit einer raschen Körperdrehung auszubrechen und zurück zu rennen? Aber was, wenn sie ihr folgten? Nicht auszudenken, was geschehen konnte … Da hörte sie plötzlich den dritten Mann, dessen Anwesenheit sie völlig vergessen hatte, seinen Kameraden etwas zurufen. Er hatte die ganze Zeit über vor dem kleinen Wachhäuschen gestanden, ohne in das Geschehen einzugreifen. Nun kam er lässig wie ein Cowboy mit einer Zigarette im Mundwinkel auf sie zugeschlendert. Zwischen den dreien entstand ein Wortgefecht. Angstvoll wanderten ihre Augen von einem Gesicht zum anderen, um aus Mimik und Tonfall die Bedeutung ihrer Worte ableiten zu können. Die autoritäre, aber ruhige Stimme des Hinzugekommenen ließ sie Hoffnung schöpfen. Und tatsächlich: Nach minutenlangem hin und her trat der Dicke zähneknirschend beiseite, Zahnlücke nahm seine Pranke von ihrer Schulter und der Cowboy bedeutete ihr mit einer Geste, dass sie passieren konnte. Jetzt aber nichts wie weg, bevor sie sich’s anders überlegen, dachte sie erleichtert, dankte ihm mit einem Kopfnicken und eilte davon.

Mittlerweile war es kurz vor drei. Sie fühlte sich fix und fertig und war unsäglich müde. Doch noch immer irrte sie durch menschenleere Straßen, von denen sie nicht wusste, wohin sie führten. Was wohl aus ihren Begleitern geworden war? Saßen sie noch auf dem Polizeirevier? Oder womöglich hinter Gittern? Oder lagen sie längst in ihren Betten, schliefen ihren Rausch aus und hatten sie völlig vergessen? Sie spürte, wie ihr eine Träne die Wange hinabkullerte. Dann eine weitere. Sie schniefte geräuschvoll und wischte sie beiseite, doch die nächste war schon unterwegs. Ach, was soll’s ... Ergeben ließ dem Tränenstrom freien Lauf. Das spielte nun auch keine Rolle mehr. Kraftlos ließ sie sich auf die Bordsteinkante sinken und vergrub leise weinend den Kopf in ihrem Schoß. Sie sah erst wieder auf, als ein Geräusch die Stille durchbrach. Ein knatterndes Motorengeräusch. Langsam kam es näher. Sie stand auf und sah ein Auto herannahen, dessen einziges Scheinwerferlicht einen schwachen Lichtkegel auf dem unebenen Kopfsteinpflaster vor sich her schob. Ohne Nachzudenken lief sie auf die Straße und winkte mit den Armen. Vielleicht ist es ja ein Taxi, versuchte sie sich einzureden. Doch genauso gut konnte es irgendeine zwielichtige Gestalt sein, die nicht unbedingt mit den besten Absichten unterwegs war. Möglicherweise aber war es einfach ihre letzte Hoffnung. Sie musste es riskieren.

Wenige Meter vor ihr kam der Wagen zum Stillstand. Mit dem letzten Mut der Verzweiflung ging sie zur Fahrertür, deren Scheibe fehlte. Am Steuer saß ein Mann mit wirrem, dunklem Haar, der sie neugierig, aber nicht unfreundlich ansah. Sie schätzte ihn auf etwa Ende zwanzig, höchstens Anfang dreißig. Seine großen, dunklen Augen mit den langen Wimpern wirkten Vertrauen erweckend, doch die Begegnung mit den angetrunkenen Soldaten saß ihr noch zu frisch in den Knochen und machte sie vorsichtig. Taxi? fragte sie hoffnungsvoll. Er schüttelte den Kopf. Das wäre auch zu viel verlangt gewesen, dachte sie enttäuscht. In einem Kauderwelsch verschiedener Sprachfetzen versuchte sie, sich verständlich zu machen. Er hörte ihr aufmerksam zu, schüttelte aber immer wieder lächelnd den Kopf. Es war ein sympathisches Lächeln, doch auch er schien sie nicht zu verstehen. Sie seufzte resigniert und schob sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die an ihrer Wange klebte. Sein Blick folgte ihrer Bewegung und ihr wurde umgehend bewusst, wie erbärmlich sie aussehen musste mit ihrem tränenverschmierten, höchstwahrscheinlich vom Weinen geröteten und verquollenen Gesicht. Kein Wunder, dass er sich bei solch einem Anblick ein Lächeln nicht verkneifen konnte. Hastig ließ sie ihr Haar wieder etwas nach vorne fallen, wandte den Blick verlegen zur Seite und musterte den Wagen. Wie ein Taxi sah das Vehikel definitiv nicht aus. Vielmehr erinnerte die von Rostflecken übersäte schwarz-weiße Lackierung an ein ausgemustertes Polizeiauto. Seltsam. Nach einem Moment des Schweigens sprach der Fremde mit ruhiger, angenehmer Stimme ein paar unverständliche Worte und bedeutete ihr, zu ihm in den Wagen zu steigen. In ihrem Kopf begann es zu rattern. Sollte sie es wagen, mitten in der Nacht zu einem Unbekannten ins Auto zu steigen? Wer weiß, was noch alles passieren kann, dachte sie schaudernd. Oder hielt er sie womöglich für ein Mädchen auf der Suche nach Kundschaft? - Quatsch, so wie du jetzt aussiehst sicherlich nicht, wischte sie den Gedanken sofort wieder beiseite. Wie sie es auch drehte und wendete: Er war tatsächlich ihre letzte Hoffnung.

Im Wageninnern roch es nach einer Mischung aus Dachboden und frischen Äpfeln. Dunkel fühlte sie sich an ihre Kindheit erinnert. Der vertraute Geruch wirkte beruhigend und ließ sie neuen Mut schöpfen. Vor allem aber war es kalt, was angesichts der fehlenden Scheibe nicht verwunderlich war. Wie sie schnell feststellte, ließ sich die Liste offensichtlicher Mängel mühelos fortsetzen: Die Beifahrertüre schloss nicht richtig, die Sicherheitsgurte waren heraus gerissen, der Beifahrersitz war verschlissen und so durchgesessen, dass sie das Gefühl hatte, nur wenige Zentimeter über dem Asphalt zu sitzen. Der Fremde reichte ihr eine alte Wolldecke von der Rückbank, dazu ein zerknittertes Taschentuch, das er in einer seiner Jackentaschen fand. Dann stellte er sich vor. Es klang wie Rahim, doch sie fragte nicht nach, sondern schilderte stattdessen nochmals mit einfachen Worten ihr Problem. Zu ihrer Erleichterung schien er mit etwas Mühe doch einige Brocken Englisch zu verstehen. Was die Sache jedoch erheblich erschwerte war, dass sie ihm weder Stadtviertel noch Straße nennen konnte, geschweige denn den Namen ihrer Unterkunft. Er musste sie für ziemlich durchgeknallt halten. Knatternd fuhren sie los. Unter gesenktem Blick musterte sie ihn so unauffällig wie möglich. Er wirkte nicht wie ein Einheimischer. Sein Gesicht war schmaler, der Teint dunkler, die Züge wirkten feiner. Seine Augenbrauen waren wie das Kopfhaar dicht und schwarz. Er hatte schöne, dunkelbraune Augen … Irritiert lenkte sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Straße. Mit den Bremsen scheint auch etwas nicht in Ordnung zu sein, stellte sie fest, als er an einer Kreuzung zum wiederholten Mal die Handbremse betätigte. Das Auto war eindeutig ein Wrack. Ihr zweifelnder Blick war ihm nicht entgangen. Mit entschuldigendem Lächeln schob er eine Musikkassette in den offen stehenden Rachen des Autoradios. Nach mehrmaligem Betätigen der Play-Taste erklang eine alte Bluesnummer. Das Band leierte und die Tonqualität war erbärmlich, aber immerhin Musik. Blues Mobil, sagte er lächelnd und klopfte mit der flachen Hand auf das Armaturenbrett. Wenn es mich nur heil ans Ziel bringt, dachte sie und zog sich fröstelnd die Wolldecke bis zum Kinn. Die Straßen waren nach wie vor dunkel und verlassen. Nur ein einziges Auto begegnete ihnen, ansonsten war die Stadt wie ausgestorben. Plötzlich hielten sie. Erschrocken fuhr sie zusammen. Was war das denn nun? Jetzt hatte sie einmal kurz nicht aufgepasst und schon befanden sie sich in einer schmalen, unheimlichen Gasse. Erneut erfasste sie eine Welle von Angst. Mit bangem Blick sah sie ihren Fahrer an, während ihre Hand unter der Decke nach dem Türgriff tastete. Er sagte etwas, das wie eine Frage klang, und deutete abwechselnd nach draußen und auf sie. Seinem Fingerzeig folgend erkannte sie einen schwach beleuchteten Hoteleingang. Sie atmete innerlich auf und ließ die Hand in ihren Schoß zurück gleiten. Nein, leider war dies nicht ihre Herberge. Bedauernd schüttelte sie den Kopf, woraufhin er mit einem Achselzucken und einem entschuldigenden Lächeln weiter fuhr.

Auch die nächsten drei Anlaufstationen entpuppten sich leider nicht als das gesuchte Ziel. Allmählich sank ihre Zuversicht wieder. Sie fuhren und fuhren, derweil der Blues leiernd vor sich hin plätscherte. An einem Kreisverkehr stießen sie auf zwei parkende Taxen. Rahim, oder wie er auch heißen mochte, stieg aus und sprach mit den Fahrern. Er ließ sich einen Stadtplan geben und hielt ihn ihr erwartungsvoll hin. Orientierungslos irrte ihr Blick über das Gewirr gelber und weißer Straßen auf rosa gefärbten Flächen. Schließlich zeigte sie wahllos auf eine Grünfläche am Stadtrand. Es musste irgendwo in der Nähe des Stadtrands sein, ganz sicher, Wald war vom Fenster aus zu sehen gewesen, daran erinnerte sie sich genau – ob er wohl verstand, was sie meinte? Seine Mimik war nicht zu deuten, er musste sie wirklich für verrückt halten. Nachdem er die Karte zurückgegeben hatte, setzten sie ihre Suche fort. Mittlerweile war ihr unter der Decke angenehm warm geworden. Vielleicht ist dieses Bluesmobil ja eine Art inoffizielles Taxi, so was gibt es hier ja schließlich, überlegte sie vor sich hin. Und ich habe nicht einmal nach dem Preis gefragt … - Aber wie auch? Und wer konnte schon vorhersagen, wie lange die Fahrt dauern und ob sie ihr Ziel je erreichen würde? Billig würde das bestimmt nicht werden. Doch so langsam war ihr alles egal, wenn sie nur endlich die Jugendherberge fänden. Erneut drohte die Verzweiflung überhand zu nehmen und sie spürte eine Träne auf ihrer Wange herabkullern. Sie gab vor, auf ihre Armbanduhr zu schauen, und wischte sie dabei unauffällig beiseite. Es war zwanzig vor fünf. Sollte diese Nacht denn nie ein Ende finden?

Auf einmal begann ihr Magen geräuschvoll zu knurren. Ja, es war schon ein Weilchen her, dass sie gegessen hatte. Belustigt sah Rahim, oder wie er hieß, sie von der Seite an. Dann betätigte er die Handbremse und beugte sich nach hinten. Sie drehte sich um und sah, wie unter einem Stapel Säcke drei Holzkisten zum Vorschein kamen, die mit rötlich glänzenden Äpfeln gefüllt waren. Daher also der Duft! Dankbar nahm sie einen Apfel an und biss hinein - köstlich! Mit jedem weiteren Bissen spürte sie, wie ihre Zuversicht zurückkehrte und ungeahnte Kräfte in ihren müden Körper strömten. Grinsend legte er ihr zwei weitere Äpfel in den Schoß. Dann fuhren sie weiter. Weiter und immer weiter, kreuz und quer durch die schlafende Stadt.

Es dämmerte bereits, als sie endlich in eine ihr bekannte Hofeinfahrt bogen. Ja! rief sie aufgeregt. Ja, das ist es! Sie hatten die Herberge gefunden! Strahlend lächelte sie ihren Fahrer an und wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen. Er schaltete den Motor aus und ließ den Wagen lautlos bis vor die Eingangstüre rollen. Sie hatten es geschafft. Die Irrfahrt war beendet. Beinahe bedauerte sie es ein bisschen. Er war so nett zu ihr gewesen. Er hatte so schöne Augen. Und dieses Lächeln. Gern hätte sie ihn näher kennen gelernt. Hastig durchbrach sie das Schweigen und fragte, was sie ihm schuldete, doch er schien nicht zu verstehen. Umständlich kramte sie ihre Geldbörse hervor, zählte die wenigen verbliebenen Scheine. Viel zu wenig! Die einzige Möglichkeit, jetzt schnell an Bargeld zu kommen, waren ihre beiden verloren gegangenen Begleiter, die hoffentlich inzwischen wieder auf freiem Fuß waren und ebenfalls den Rückweg gefunden hatten. Bevor sie zu einer Erklärung ansetzen konnte, schob er ihre Hand mit der Geldbörse behutsam beiseite. Seine Hand fühlte sich trotz der Kälte warm an. Sie sah ihn fragend an. Ihr war bewusst, dass dies kein reiches Land war, und einen sonderlich wohlhabenden Eindruck machte er mit seinem Bluesmobil auch nicht gerade. Wie sonst konnte sie sich erkenntlich zeigen? Erneut unternahm sie einen Versuch, ihm Geld zu geben, doch wieder lehnte er freundlich, aber bestimmt ab. Jetzt war sie vollkommen ratlos. Da deutete er mit einem scheuen Lächeln auf seine Wange und sagte: Just a kiss. Sie lächelte zurück, ließ sich in seine Arme sinken und küsste ihn …

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© Silke

 

 

 

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