Buchtipps Bali, China, Laos, Vietnam

 

 

 

 

 

 

Vicky Baum:

Liebe und Tod auf Bali

 

 
 

 

Lesenswerte Geschichte hinter unglücklich gewähltem Titel

  Wäre mir das Buch beim Stöbern im Buchladen zufällig in die Hände geraten, hätte ich es womöglich
schon nach einem flüchtigen Blick auf den unglaublich kitschig klingenden Titel sofort wieder ins
Regal zurück gestellt. Zum Glück aber bekam ich es als Lektüre für eine Reise nach Bali
geschenkt und wärmstens empfohlen und so begann ich schon während des Fluges nach Bali mit dem
Lesen. Dabei musste ich bald feststellen, dass der Titel in der Tat etwas unglücklich
gewählt ist – oder aber darauf abzielt, eine breitere Klientel anzusprechen.
Was laut Titel nach Schmachtfetzen klingt, entpuppt sich rasch als detailgetreue und zugleich
unterhaltsame Beschreibung des Lebens der Menschen auf Bali zur Zeit der holländischen
Kolonisation zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Anhand der Schicksale von Familien unterschiedlicher
Kasten erhält der Leser interessante Einblicke in ursprüngliche Sitten und Gebräuche sowie
in den Glauben der Menschen auf Bali.

Mit dem Blick in die Vergangenheit wird die „alte Zeit“ jedoch nicht etwa glorifiziert, sondern
ganz objektiv mit ihren Licht- und Schattenseiten dargestellt: Auf der einen Seite das harte
Leben der Reisbauern, die mitleidslose Rechtssprechung, die streng hierarchische Gesellschaftsordnung
sowie die von der Kolonialmacht ausgehende Bedrohung; andererseits aber zahlreiche frohe Feste,
Tänze und familiärer Zusammenhalt.

Vicki Baum beschreibt das Leben der Balinesen zur damaligen Zeit einfühlsam und sensibel
für deren kulturellen Eigenheiten und entwirft zugleich eine fesselnde Geschichte.

 

 



 

Colin Cotterill:

Dr. Siri und seine Toten

(engl.: The Coroner's Lunch)

 

 

 

 

Die perfekte Reiselektüre für Laos

Im kommunistischen Laos der 70er-Jahre wird der 72-jährige Protagonist Dr. Siri zwangsweise zum einzigen Leichenbeschauer
des Landes ernannt. Mit Unterstützung der Comic-begeisterten Krankenschwester Dtui, des mit dem Down-Syndrom geborenen
Assistenten Geung, seines alten Freundes und Parteigenossen Civilai, der Chemielehrerin Oum sowie einigen verstaubten,
französischsprachigen Lehrbüchern macht Siri sich Wohl unter Übel an die neue, ihm völlig fremde Aufgabe.
Bereits sein erster Todesfall, bei dem es sich auch noch um die Ehefrau eines ranghohen Parteigenossen handelt,
wirft Fragen und Rätsel auf, die ihn nicht loslassen und tiefgründiger nachforschen lassen.
Noch im Zuge seiner Ermittlungen landet auch schon die nächste Leiche auf seinem Tisch, deren Tod offenkundig
nicht auf natürlichem Weg erfolgt ist. Auf der Suche nach der Wahrheit sieht Siri seine neue Aufgabe mehr
und mehr unter detektivischen Gesichtspunkten und vertieft seine Nachforschungen.
Dies wird jedoch nicht von jedem gern gesehen - wie Siri schon bald feststellen muss …

Trotz der clever gestrickten Krimihandlung sind die Fälle des Dr. Siri nicht einfach „nur“ Kriminalromane:
Die Erzählungen leben vor allem von ihrem Handlungsort Laos mit seinen Menschen und Besonderheiten, die
Cotterill dem Leser anhand äußerst einfühlsamer und liebevoller Betrachtungen und Dialoge nahebringt.
Dabei finden sowohl, Geisterglaube, Buddhaverehrung, die Auswirkungen des Kommunismus und nicht zuletzt
der respektvolle Umgang der Menschen untereinander ihren Platz. All dies ist in einer angenehmen
Leichtigkeit geschrieben, gespickt mit sehr viel Wortwitz, Humor und einer guten Prise Ironie und
Zynismus - was erfreulicherweise auch in der deutschen Übersetzung zur Geltung kommt.

Ein wenig erinnert die „Dr. Siri – Reihe“ an die Mma Ramotswe–Krimis aus Botswana, im direkten Vergleich
ist Cotterills Schreibstil jedoch eleganter und facettenreicher und die Kriminalfälle sind weniger trivial.
Die perfekte Reiselektüre für alle Laosreisenden, vor allem aber ein wunderbarer und gelungener Auftakt
einer Krimireihe, der interessante Einblicke in ein nur wenigen Lesern bekanntes Land bietet
und Lust auf die weiteren Fortsetzungen macht.

 

 



 

 

 



 

Duong Thu Huong:

 Roman ohne Titel / Roman ohne Namen

(engl.: Novel without a name)

 

 

 

 

Der Protagonist Quan trat im Alter von achtzehn Jahren voller Idealismus  für die Kommunistische Partei der nordvietnamesischen Armee bei.
Jetzt, nach zehn Jahren Dschungelkrieg, fühlt er sich physisch und psychisch leer und ausgebrannt wie ein alter Veteran, sehnt sich
einerseits nach dem Tod und fürchtet ihn anderseits doch. Der Krieg jedoch ist noch nicht vorüber.
Von einem Freund aus der Kindheit – jetzt hochrangiger Offizier bei der Armee – erhält Quan einen Auftrag, der ihm die Möglichkeit bietet,
sein Heimatdorf wieder zu sehen. Er soll herausfinden, wie es um Bien steht, einem weiteren Freund aus unbeschwerten Kindheitstagen,
von dem es heißt, er sei „verrückt“ geworden.

Der Leser begleitet Quan auf seinem Weg durch den Dschungel und die Endphase des Krieges, nimmt teil an seinen Erlebnissen und Erinnerungen,
seinen Gedanken und Tagträumen, aus welchen vor allem eines immer wieder klar hervorgeht: Welch große, persönliche Opfer er und
seine Generation in ihrem politischen Idealismus erbracht haben - den schmerzlichen Verlust von Unschuld, Liebe und von Leben.


Duong Thu Huong wurde 1947 in der Provinz Thai Binh im Norden Vietnams geboren und meldete sich freiwillig an die Front.
Jahre später setzte sie sich für Demokratie und Meinungsfreiheit ein, woraufhin sie aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen
und 1991 für sechs Monate inhaftiert wurde. Im selben Jahr erhielt sie ihren ersten Literaturpreis.
In Vietnam wurden ihre Bücher von der Regierung aus dem Verkehr gezogen, fotokopierte Raubdrucke werden jedoch
z.B. in den Straßen von Saigon, Nha Trang und Hanoi zum Kauf angeboten.

 

 



 

Duong Thu Huong:

 Paradise of the Blind

 

 
 

 

“Paradise of the Blind“ erzählt vom Leben in Nordvietnam unter kommunistischer Herrschaft, in welchem
traditionelle Sitten und Gebräuche dennoch ihren Platz haben.

Die in einem Armenviertel Hanois aufgewachsene Protagonistin Hang arbeitet Anfang der 80er Jahre im
Alter von zweiundzwanzig Jahren als „Gastarbeiterin“ in der ehemaligen Sowjetunion.
Auf der langen Zugreise ins entfernte Moskau erfährt der Leser in Rückblicken Näheres über ihre
Familiengeschichte im Strudel der neueren vietnamesischen Geschichte sowie die Gründe, die sie
bewogen, ihre Heimat zu verlassen.

Im Vordergrund stehen die Beziehungen der „modernen“ Hang zu den verschiedenen Familienmitgliedern.
Die Zerrissenheit des Landes nach der Tragödie der Landreform (1953-1956) spiegelt sich dabei
in den unterschiedlichen Charakteren wider – ihrem egoistischen Onkel, der seine politische Loyalität
über die Familie stellt, ihrer sich aufopfernden Mutter und ihrer verbitterten Tante – und Hang
beginnt zu begreifen, dass sie sich von der Vergangenheit befreien muss, um eine Zukunft zu haben.

Anschaulich beschreibt Duong Thu Huong die Komplexität vietnamesischer Kultur wie etwa den
Zusammenhalt der Familie oder die Verehrung der Ahnen und schafft dazu glaubhafte, lebendige Charaktere.

 

 

 

 

Graham Greene:

Der stille Amerikaner

(engl.: The quiet American)

 
 

 

Zeitloser Klassiker

Vor dem Hintergrund des französischen Indochinakriegs erzählt Graham Greene die Dreiecksbeziehung zwischen
alternden, britischen Journalisten Fowles, seiner um etliche Jahre jüngeren vietnamesischen Geliebten
Phuong und dem jungen Amerikaner Pyle. Gekämpft wird dabei nicht allein um die Gunst der schönen Frau,
sondern viel mehr für die jeweiligen Vorstellungen und Ideale bezüglich der Zukunft Vietnams,
welches selbst nach Freiheit und Unabhängigkeit strebt.
Mit der Figur des tollkühn-tollpatschigen Pyle, dem es an allen Ecken und Enden an kulturellem
Einfühlungsvermögen und schließlich auch an Skrupeln mangelt, gelingt Greene,
eine vortreffliche Personifizierung der politischen Naivität der USA.
Fowles dagegen repräsentiert mit seiner Angst, die asiatische Geliebte zu verlieren und im Alter allein
dazustehen, die europäische Seite.

Der Klassiker aus den 1950er Jahren hat in seinen Aussagen in Bezug auf Politik und Moral bis heute
nicht an Brisanz und Aktualität eingebüßt. Interessant ist vor allem die für die damalige Zeit
geradezu visionär anmutende Vorhersehung, was den tragischen Fortgang des Vietnamkriegs mit der kurz
darauf folgenden Beteiligung der USA betrifft.

Mit dem „stillen Amerikaner“ ist Graham Greene zweifellos ein kleines Meisterwerk gelungen:
Ein umfassendes Thema wird treffend und prägnant in einem verhältnismäßig „kurzen“ Roman dargestellt,
der dazu noch spannend und informativ zugleich ist.

 

 

 

 

 

Le Ly Hayslip:

 

 Geboren in Vietnam

(engl.: When Heaven and Earth changed Places)

 
 

 

Le Ly Hayslip ist zwölf, als 1965 US-Hubschrauber in ihrem Heimatdorf Ky La nahe Da Nang landen und ihre bisherige Welt
zammenbrechen lassen. Während der folgenden Kämpfe zwischen US- nd Vietkong-Truppen rekrutieren beide Seiten Kinder
als Spione und Saboteure, eines davon ist Le Ly. Drei Jahre lang unterstützt sie den Viet Cong gegen die Amerikaner
und die südvietnamesische Armee, immer wieder von nordvietnamesischen Kaderführern auf geheimen, nächtlichen
Treffen indoktriniert. Während dieser Zeit erfährt sie Hunger, Gefangenschaft, Folter, Vergewaltigung und
den gewaltsamen Tod von Familienangehörigen. Mit einem unehelichen Kind schlägt sie sich in Saigon unter anderem
als Prostituierte und Schwarzmarkthändlerin durch, verliert aller Schicksalsschläge zum Trotz dennoch wieder
den Mut noch ihren Glauben an die Menschlichkeit, und lernt schließlich einen Amerikaner kennen …

Sechzehn Jahre nach ihrer Flucht nach Amerika reist sie 1986 erstmals wieder in ihr Heimatland, auf den Spuren
ihrer Familie und ihrer Vergangenheit. Die vorliegende Autobiographie veröffentlichte sie drei Jahre später.

Oliver Stone verfilmte ihre Geschichte 1993 unter dem Titel „Zwischen Himmel und Hölle“ - allerdings handelt
die Hälfte des Films von ihrem Leben nach der Flucht aus Vietnam in den Vereinigten Staaten,
was leider etwas klischeehaft dargestellt wird.

 

 

 

 

 

Henning Mankell:

Der Chinese

(engl.: The Man from Beijing)

 

 

 

 

Das Buch beginnt wie ein klassischer Kriminalroman: In einem kleinen, abgelegenen Dorf in Schweden werden die
Leichen von achtzehn brutal ermordeten Menschen in ihren Häusern aufgefunden.
Die polizeilichen Ermittlungen laufen sogleich auf Hochtouren, doch auch die Richterin Birgitta Roslin
beginnt sich für den rätselhaften Fall zu interessieren, als sie herausfindet, dass sich entfernte
Familienangehörige unter den Opfern befinden. Je intensiver sie sich mit dem Fall beschäftigt, desto klarer wird
ihr, dass die Polizei eine falsche Spur verfolgt, und ermittelt auf eigene Faust weiter …

An dieser Stelle erfolgt ein großer Sprung, sowohl räumlich-zeitlich als auch thematisch:
Mankell entführt den Leser nun nach China im Jahr 1863, wo drei durch bittere Armut halb verhungerte Brüder
verzweifelt versuchen, ihrem Elend zu entfliehen und schließlich in die USA gelangen – allerdings unter
völlig anderen Umständen, als sie es sich erträumt hatten …

Von da an pendelt der Ort der Handlung zwischen China und Schweden hin und her, inklusive kurzer Abstecher
ins südliche Afrika sowie nach London. Natürlich sind die Personen und Ereignisse an allen Schauplätzen
miteinander verwoben, zentrale Person bleibt jedoch Birgitta Roslin, der es erst allmählich gelingt, die
Zusammenhänge zu verstehen und damit auch zu erkennen, in welcher Gefahr sie sich selbst befindet …

„Der Chinese" ist ein spannend geschriebenes Buch, das nicht einfach nur ein Kriminalroman ist,
sondern sich auch viel mit chinesischer Geschichte und Politik befasst, ohne dabei an Schwung zu verlieren.
Wahrscheinlich ist es genau das, was einem klassischen Krimiliebhaber nicht gefällt, die teilweise
lange Abkehr vom eigentlichen Kriminalfall. Hier erhebt sich der Verdacht, dass der Roman nur
vordergründig als Krimi deklariert ist, die eigentliche Intention des Autors hingegen eine völlig andere war,
nämlich sich innerhalb eines Romans mit China auseinanderzusetzen, seiner Historie, seiner Gegenwart
sowie mit seiner zunehmenden Präsenz und Einflussnahme auf dem afrikanischen Kontinent.
Vielleicht hat Mankell es hier auch etwas zu gut gemeint und versucht, zu viele Themen und Aspekte in
einem „Kriminalroman" unterzubringen. Da sind enttäuschte Leser vorprogrammiert.
Wer aber weiß, worauf er sich einlässt bzw. sich schnell von der Erwartung an einen klassischen Krimi löst,
kann sich an einem fesselnd geschriebenen Roman erfreuen - der am Schluss dann doch wieder zum Kriminalroman wird. ;-)

 

 

 

 

 

Andrew X. Pham:

 Mond über den Reisfeldern

(engl.: Catfish and Mandala)

 

 
 

 

An (-drew), ein junger Amerikaner vietnamesischer Herkunft, flüchtete einst mit seinen Eltern
und Geschwistern als „Boat-People“ vor dem kommunistischen Regime in die Vereinigten Staaten.
Nun, zwanzig Jahre später, zieht es ihn über Nord-Kalifornien und Japan zurück in das Land
seiner Kindheit. Auf der Suche nach seinen Wurzeln reist er von Saigon nach Hanoi und
wieder zurück, größtenteils auf dem Fahrrad. Parallel zu seinen Erlebnissen und Begegnungen
unterwegs erzählt er in Rückblicken die Geschichte seiner Familie, seiner Kindheit, der
Flucht aus Vietnam und den Problemen als Immigrant in den USA.

Andrew X. Pham beschreibt sowohl das Leben in Vietnam als auch seine Reise durch das Land
so eindrücklich, das man beim Lesen meinen möchte, als heimlicher Mitreisender auf seinem
Gepäckträger zu sitzen und ihm über die Schulter zu schauen oder ihn durch die Straßen
Saigons mit ihren zahllosen winzigen Esslokalen und Garküchen zu begleiten und den
Geruch von Reis, frischen Backwaren und Gewürzen zu atmen.

Ein schönes und vielschichtiges Buch über Vietnam, das Reisebericht, Familiengeschichte und
Selbstfindungsroman zugleich ist – ein idealer Reisebegleiter.

 

 

 

 

 

 

 

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