Buchtipps Ostafrika

 

 

 

 

 

Tania Blixen: Jenseits von Afrika

(engl.: Out of Africa)

 

 
 

 

Erinnerungen an ein verlorenes Paradies

  Ihr Erinnerungsbuch an ihre Zeit in Kenya hat Tania Blixen nicht unmittelbar nach
ihrem langjährigen Afrikaaufenthalt geschrieben, sondern erst Jahre später, als sie
längst schon wieder in Dänemark lebte. Man darf also keinen dokumentarischen
Erlebnisbericht erwarten oder gar einen Roman, der dem Film entspricht.

Tania Blixen erinnert sich sowohl aus zeitlicher als auch aus räumlicher Entfernung
zurück, blickt dabei wie aus der Vogelperspektive auf die Geschehnisse herab und
pickt gezielt die für sie auch nachträglich relevanten Ereignisse und Gedanken heraus,
mögen sie objektiv betrachtet auch noch so unbedeutend erscheinen. Besonders deutlich
wird dies im Kapitel  „Lose Blätter“, worin sie sich nicht miteinander in
Zusammenhang stehenden Themen widmet (z.B. „Farah und der Kaufmann von Venedig“ oder
„Glühwürmchen“). Andere Dinge hingegen erwähnt sie ganz bewusst nur am Rande,
wie z.B. ihre Beziehung zu Denys Finch-Hatton, welche im Film das Hauptthema ist, oder die
Probleme mit dem Kaffeeanbau und den verärgerten Aktionären in der Heimat.
Ihr Hauptaugenmerk gilt der Beschreibung – sogar schon der romantischen Verklärung
und Idealisierung – der afrikanischen Landschaft, und der Afrikaner.
Im gesellschaftlichen Konflikt zwischen Aristokratie und Bourgeoisie aufgewachsen ist
Tania Blixen geneigt, Afrika und den Afrikanern, sogar dem Gazellenbaby „Lulu“,
paradiesische bzw. aristokratische Attribute zuzuweisen. Doch gerade diese
Idealisierung unterstreicht, wie sehr Tania Blixen das Land und seine Menschen
geachtet hat – im Gegensatz zu vielen anderen Weißen während der Kolonialzeit.
Ihr Ausspruch „Hier bin ich, wo ich sein sollte“ gewinnt dadurch an Substanz und
Aussagekraft und es ist leicht nachzuempfinden, wie schwer der Verlust dieses
Paradieses für sie gewogen haben muss, als sie Afrika verlassen musste.
Ein sehr schönes Buch, besonders wenn man selbst schon in Kenya war bzw. sich
für Afrika interessiert. Wer sich ein realistischeres Bild von Tania Blixens
Zeit in Kenya machen möchte, der sollte ihre „Briefe aus Afrika“ lesen,
die eine sehr gute Ergänzung sind und mehr Einblicke in den Farmalltag bringen.

 

 

 

 

 

 

Tania Blixen: Briefe aus Afrika (1914-1931)

  (engl.: Letters from Africa 1914-1931)

 

 

 
 

 

Eine sehr gute Ergänzung zu „Jenseits von Afrika“ sind Tanja Blixens „Briefe aus Afrika“.
Während der insgesamt siebzehn Jahre, die sie als Farmerin in Kenya lebte,
schrieb sie zahlreiche Briefe in ihre dänische Heimat, die ein realistischeres
Bild ihres Farmalltags und Lebens zeichnen.
Wer sich darüber hinaus mehr für Leben und Werk der Autorin interessiert,
dem sei
Tania Blixen. Ihr Leben und Werk“ von Judith Thurman empfohlen.

 

 

 

 

 

 

Nicholas Drayson: Kleine Vogelkunde Ostafrikas

(engl.: A Guide to the Birds of East Africa)

 

 

 

 

Der Titel ist zunächst etwas irreführend, denn es handelt sich bei diesem Buch
nicht etwa um ein Fachbuch für Ornithologen, sondern um einen liebenswerten
Roman, der den Leser nach Kenya entführt, genauer gesagt in die Hauptstadt Nairobi.
Dort findet jeden Dienstagvormittag eine Exkursion für Vogelliebhaber statt,
geleitet von der verwitweten Schottin Rose Mbikwa. Nicht zuletzt ihretwegen
nimmt der schüchterne Witwer Mr. Malik seit Jahr und Tag an diesen
kleinen Vogelwanderungen teil, ohne Rose auch nur einmal ansatzweise
signalisiert zu haben, dass er etwas für sie empfindet.
Als jedoch eines Tages der indische Frauenheld Harry Kahn auftaucht und
sich ganz offen an Rose interessiert zeigt, kommt Malik aus seiner Reserve
und fordert den Rivalen zu einem Wettkampf unter Gentlemen auf:
Wer innerhalb einer Woche die meisten Vogelarten entdeckt und identifizieren
kann, darf Rose auf den in Bälde anstehenden Nairobi Hunt Ball einladen.

In der Folge erzählt Drayson von dem Verlauf des Wettstreits unter den beiden
älteren, verliebten Männern, die gegensätzlicher kaum sein könnten.
Und natürlich geht es dabei nicht immer Gentleman-like zu …
Neben der Liebesgeschichte und dem Wettstreit finden auch Themen wie Aids,
Korruption, mangelnde Pressefreiheit und Kriminalität Einzug in die Handlung,
die den Alltag in Kenya mitprägen und den Menschen so einiges abverlangen,
um durchs Leben zu kommen. Doch am Charakter des liebenswerten Mr. Malik wird
beispielhaft demonstriert, dass die Lage durchaus nicht hoffnungslos ist
und es in Afrika nicht nur Elend und Katastrophen gibt,
sondern auch viele sympathische Lebenskünstler.

Gestalterisch schön ist, dass jedes Kapitel nach einer anderen Vogelart
benannt ist und jeweils mit einer hübschen, kleinen
Zeichnung des jeweiligen Tieres beginnt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Nuruddin Farah: Bruder Zwilling

(engl.: Sweet and Sour Milk)

 

 
 

 

Spannendes Buch über ein zerrissenes Land

  „Bruder Zwilling“ spielt im Somalia der 70er Jahre und erzählt in einfachen,
streckenweise aber auch poetischen Worten die Geschichte von Loyaan, der sich
auf die Suche nach den Hintergründen für den mysteriösen Tod seines
Zwillingsbruders Soyaan macht, welcher für die somalische Regierung gearbeitet
hatte. Schon bald erfährt er, dass der nun nach seinem Tode von der Regierung
öffentlich zum Märtyrer stilisierte Soyaan in Wirklichkeit keineswegs
regierungstreu war, sondern mit Gesinnungsgenossen Pläne für deren Umsturz
schmiedete, die in verschiedenen Memoranden schriftlich niedergelegt
sein sollen, die es nun zu finden gilt.

Der Leser begleitet Loyaan auf dessen Suche nach der Wahrheit und erhält
dabei interessante, aber auch tragische Einblicke in einzelne Schicksale,
die durch den Einfluss von Staat und Gesellschaft geprägt oder gar zerstört
wurden. Dabei stellt Nuruddin Farah schonungslos die Militärdiktatur mit
ihren Spitzel- und Foltermethoden sowie die streng patriarchalisch
organisierte somalische Gesellschaft mit ihrem Clandenken bloß.
So wird das Familienoberhaupt, der ungeliebte tyrannische Patriarch,
als das entlarvt, was er wirklich ist:
Ein jämmerliches kleines Männlein, das sich von seinem Gott all die
Erklärungen erhofft, die es selbst nicht zu geben imstande ist und der
Regierung die Seele seines toten Sohnes verkauft, um sich selbst von einer
früheren Verfehlung rein zu waschen.
Auch richtet er sich gegen die ewigen Mitläufer der Regierung, den
„kleinen Mann“ von der Straße, der als Entschuldigung für sein Mitschwimmen
im Strom immer nur „all die Mäuler, die er zu stopfen habe", vorschiebt.
Doch auch die Revolutionäre werden nicht als Übermenschen oder geeinte
Front gegen das Regime dargestellt, sondern sind nicht weniger uneins
und unter sich zerrissen wie das Land selbst.
Ein interessantes, spannendes, und nachdenklich stimmendes Buch.

 

 

 

 

 

 

Nadine Gordimer: Der Ehrengast

(engl.: A Guest of Honour)

 

 
 

 

Colonel Bray, ehemaliger Mitarbeiter der englischen Kolonialverwaltung und Sympathisant
der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegung, wird von seinem damaligen Freund und
Freiheitskämpfer Mweta als Ehrengast zu den Unabhängigkeitsfeierlichkeiten eines
nicht näher benannten afrikanischen Staates eingeladen. Mweta ist nun der erste
Präsident der neuen Demokratie und bittet ihn, auf unbestimmte Zeit zu bleiben und
das Erziehungswesen neu zu organisieren. Ohne seine Frau Olivia, die es vorzieht, in
England zu bleiben, reist Bray nach Afrika und nimmt die Aufgabe an. Vor Ort muss er
verwundert feststellen, dass Mwetas einstiger Weggefährte Shinza kein Amt in der
neuen Regierung erhalten hat. Im Bemühen, die beiden politisch wieder zu vereinen,
wird Bray in die Konflikte und Auseinandersetzungen um die Verwirklichung
politischer Ideale hineingezogen. Dabei gerät er zunehmend zwischen die sich
härtenden Fronten und muss mit ansehen, wie aus ehemaligen Freunden Feinde werden.
Neben seiner Leidenschaft für das Wohlergehen des afrikanischen Landes erwacht in
ihm aber auch die Leidenschaft zu einer jungen weißen Frau …

Nadine Gordimer bezeichnet den „Ehrengast“ als ihr wichtigstes Werk.
Zugleich ist es auch ihr anspruchvollstes Buch, das neben seinem politischen Gehalt
auch reich an gut beobachteten und anschaulich beschriebenen Details ist.
Ein literarisches Meisterstück über die Probleme eines afrikanischen Staates
nach dem Ende der kolonialen Ära.


Mehr von Nadine Gordimer:

Anlass zu lieben / Occasion for loving

Burgers Tochter / Burger's daughter

Ein Mann von der Straße

Ein Spiel der Natur / A sport of nature

Entzauberung / The lying

Julys Leute / July's people

 

 

 

 

 

 

 

Rosamond Halsey Carr, Ann Howard Halsey:

  Land der Tausend Hügel. Ein Leben in Afrika

 

(engl.: Land of a thousand Hills)

 

 

 

 

 

Als ich das kitschige Foto auf dem Buch sah, war ich noch skeptisch, wurde aber
sehr rasch eines Besseren belehrt. Rosamond Halsey Carrs Autobiographie über ihre Zeit
in Afrika fesselt praktisch von der ersten Seite an, so dass man
das Buch gar nicht mehr zur Seite legen möchte.

Neben der Beschreibung ihrer Erlebnisse auf verschiedenen Plantagen im Kongo
und in Rwanda erzählt sie auch von ihrer Begegnung und Freundschaft mit der
Berggorilla-Forscherin Diane Fossey und nicht zuletzt erfährt der Leser viel
interessantes über die Banyarwanda (Tutsi, Hutu und Batwa) und ihr Leben
in diesem kleinen, von seiner jüngsten Geschichte so schwer gezeichneten
ostafrikanischen Land. Die Schilderung der Hintergründe des Genozids während
der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts machen das Buch überdies
zu einem wertvollen zeitgeschichtlichen Dokument.

Im verhängnisvollen Jahr 1994 musste auch Rosamond Halsey Carr das von
ihr so sehr geliebte Land, das längst ihre neue Heimat geworden war,
vorübergehend verlassen, kehrte jedoch nur wenige
Monate später zurück, um auf den Ruinen ihrer Farm ein Waisenhaus entstehen
zu lassen, das sie bis ins hohe Alter betrieben hat.

Ein fesselndes Buch über das Leben einer couragierten Frau und ihren
Einsatz für die Menschen ihrer Wahlheimat Rwanda.

Rosamond Halsey Carr starb 2006 im Alter von 94 Jahren in Gisenyi, Rwanda.

 

 

 

 

 

 

 

 

Nadifa Mohamed:

  Der Garten der verlorenen Seelen

 

(engl.: The Orchard of Lost Souls)

 

 

 

 

 

 

Kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs in Somalia kreuzen sich im Zuge einer
Propagandaveranstaltung der Regierung die Wege der drei Protagonistinnen des Romans:
Des Waisenmädchens Deqo, der Witwe Kawsar und der jungen Soldatin Filsan. Als die kleine Deqo während
der Feierlichkeiten nicht so funktioniert wie vorgesehen, greift Kawsar mutig ein, um sie
vor Bestrafung zu schützen, wird dabei jedoch selbst festgenommen und ins Gefängnis geworfen.
Während des Verhörs durch die jungen Soldatin Filsan schlägt diese die ältere Frau
so brutal zu Boden, dass diese daraufhin nicht mehr aufstehen kann.

Im weiteren Verlauf des Romans erhält jede der drei ihr eigenes Kapitel, welches ihre jeweilige
Geschichte erzählt und wie ihr Leben nach dem kurzen Zusammentreffen in dem vom Bürgerkrieg
zerrissenen Land für sie weitergeht. Dabei schildert die Autorin die einzelnen Schicksale
zugleich nüchtern und doch mit sowohl kraftvoller als auch schöner Sprache und zeichnet damit
die unterschiedlichen Charaktere sehr eindringlich und glaubwürdig:

Die kleine Deqo, die einfach nur Liebe, ein Zuhause, eine Familie sucht, und dabei selbstbestimmt
ihr Überleben meistert, so gut dies in der vorherrschenden Armut, Zerstörung und Brutalität
der Kriegswirren möglich ist.

Kawsar: Ende fünfzig, kinderlose Witwe, hilflos ans Bett gefesselt und nur noch von
Erinnerungen an die Vergangenheit am Leben gehalten, welche von den Düften aus ihrem kleinen,
üppigen Garten genährt werden, in dem jeder Baum einer Seele entsprungen ist.

Filsan, die sich seit ihrer Kindheit in einer von Männer dominierten Welt immer wieder aufs Neue
beweisen muss, deren Vater sie zugleich liebte und hasste und ihr „durch die Gitterstäbe seiner
Liebe“ nur einen flüchtigen Blick auf die Welt gewährte. Im letzten Kapitel treffen die drei
schließlich erneut aufeinander und müssen eine Entscheidung für ihr Überleben treffen.

Ein sehr berührender Roman über das Leben und Überleben in einem von Armut und Krieg gebeutelten Land –
wobei dieses ebenso gut Syrien, Jemen oder der Libanon sein könnte - der am Schluss aber doch noch
einen Funken Hoffnung aufkeimen lässt. Sehr empfehlenswert!

 

 

 

 

 

 

 

 

  Meja Mwangi: Nairobi, River Road

 

  (engl.: Going down River Road)

 

 

 

 

 

Wie der Titel bereits verrät, spielt der Roman in Nairobi, genauer gesagt in der
Gegend um die River Road, im Milieu der Armen.
Hier lebt Ben zusammen mit seiner Freundin Wini und deren Sohn „Baby“ und
schlägt sich mehr schlecht als recht als Hilfsarbeiter auf einer Baustelle durch.
Es ist ein trostloses Leben am Rande der Gesellschaft, geprägt von Armut,
Alkohol, Drogen, Gewalt und Prostitution, in dem allein der Kampf ums Überleben zählt.
Dazwischen sucht und findet Ben immer wieder kleine Momente des Glücks in
Bars, Nachtclubs oder Stundenhotels.

Der Kenyaner Meja Mwangi beschreibt in seiner fesselnden Milieustudie
schonungslos und sehr authentisch das Nairobi jenseits der großen Touristenhotels
und Safaris – sehr zu empfehlen, wenn man mehr als nur die Safari-Seite Kenyas
kennenlernen möchte. Die englische Originalversion ist übrigens sehr leicht zu lesen.

Anmerkung zur River Road:
Während meiner Kenya-Aufenthalte bin ich oft in einem Hotel in dieser Straße oder
in einer der kleineren Neben-/Seitenstraßen untergekommen.
Das Viertel ist quicklebendig, geprägt von kleinen, indischen Einzelhandelsgeschäften,
Restaurants, Bars und Hotels. Mein damaliger Eindruck war, dass das Viertel im
Vergleich zur Beschreibung in Mwangis Roman (der ja auch schon "etwas älter" ist ...)
mittlerweile "aufgestiegen" ist. Die River Road ist keinesfalls etwas "Slum-ähnliches"
mehr und einen Besuch auf jeden Fall wert (natürlich wie überall Vorsicht walten
lassen, auch besser keine Armbanduhr tragen oder Wertgegenstände zur Schau stellen!).
Ich werde auf jeden Fall wieder kommen, sollte ich in Kenya sein, nicht zuletzt
wegen meines Lieblings-Fast-Food-Restaurants (indisch),
das so hervorragendes Bajia anbietet!
P.S.: Das liegt nun schon viele Jahre zurück, allerdings sind die Sicherheitshinweise
nicht nur des Auswärtigen Amtes etwas besorgniserregend (2026).

Von Meja Mwangi gibt es übrigens unter anderem auch ein Jugendbuch,
das sehr gut sein soll und 1992 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet
wurde, Titel: „Kariuki und sein weißer Freund. Eine Erzählung aus Kenia“.

 

 

 

 

 

V.S. Naipaul: An der Biegung des großen Flusses

(engl.: A Bend in the River)

 

 

 

 

Über Schein und Sein – nicht nur in Afrika

“An der Biegung des großen Flusses” ist nur sehr oberflächlich gesehen ein Roman über
das Leben im postkolonialen Afrika – denn wie der aufmerksame Leser rasch bemerken wird,
könnte sich die Geschichte, die sich um Schein und Sein im Leben dreht, ebenso gut
hier bei uns zutragen. Gerade diese Übertragbarkeit und die enorme Vielschichtigkeit
machen diesen Roman richtig genial und aussagekräftig.

Die Hauptfigur Salim, ein indischer Kaufmannssohn, verlässt die heimatliche afrikanische
Ostküste, um im Landesinnern mit einem eigenen Laden sein Glück zu suchen.
Doch das Land befindet sich im Umbruch. Salim ist ein Fremder in der
Fremde, ebenso wie auch die aus anderen Teilen des Kontinents stammenden Afrikaner Metty,
ein Nachkomme der  Haussklaven der Familie, der Salim ungebeten von der Ostküste
nachgefolgt ist, und Ferdinand, dem aus dem Süden stammenden Sohn einer in einem
Nachbardorf lebenden Händlerin, der das hiesige Gymnasium besucht. An ihnen und anderen
Charakteren zeigt Naipaul, wie schwierig es sein kann, seinen eigenen Weg auf dem
schmalen Grat zwischen Sein und Schein zu finden, zumal noch in einem Land,
in dem jegliche Sicherheiten für eine solide Lebensplanung fehlen.

Der Ich-Erzähler Salim wird zunächst als ein sehr unsicherer Mensch beschrieben, der stets
großen Wert auf die Sichtweise anderer legt und sich an dieser zu orientieren versucht.
Diese Unsicherheit, aus der Zukunftsängste erwachsen, gibt er bereits anfangs in
einem Rückblick auf seine Kinder- und Jugendzeit an der ostafrikanischen Küste zu, als ihm
erst durch die Abbildung einer Dhau auf einer europäischen Briefmarke bewusst wird, was
die Region, in der er lebt, eigentlich ausmacht (S. 25): „... So lernte ich erstmals
wirklich sehen.. Schon in frühen Jahren gewöhnte ich mir also an, richtig hinzusehen –
einen Schritt zurück zu treten und das Vertraute mit Abstand zu betrachten.
Aus diesem Abstand schien es mir immer stärker, dass wir uns als Gemeinschaft überlebt hatten.
Und damit begann meine Unsicherheit .
..“. Im Verlauf des Romans wird jedoch deutlich,
welch eine Entwicklung Salim durchlebt, wie er zusehends „wirklich sieht“ und das
Gebaren der anderen, die einst Leitbilder für ihn waren, durchschaut und dadurch
selbstsicherer wird. Zunächst aber wird Salims Unsicherheit dadurch verdeutlicht,
dass er vor allem die Meinung und das Handeln von Bekannten und Freunden beschreibt,
diese zum Vorbild nimmt und sich selbst und seine eigene Meinung mehr oder weniger dahinter
verschanzt. Zu diesen Personen zählen unter anderem Indar und Raymond.
Im Verlauf des Romans werden jedoch beide dieser Idole in sich zusammenstürzen:

Indar, sein Freund aus Kindheitstagen, outet sich selbst indem er zugibt, wie erfolglos
sein bisheriges Leben trotz des Studiums in England war. Allein geplagt von der Sorge,
als Ausländer aus einem Entwicklungsland bloß nicht überwältigt von all dem Neuen um
ihn herum zu wirken, hat er nach eigenem Befinden von der fremden Kultur nichts
begriffen, nichts hinterfragt, nichts dazugelernt (S. 211).

Raymond steht dem Präsidenten nahe und gilt überdies als Afrikaexperte, als
„einer der Großen Afrikas“. Doch wie groß ist Salims Entsetzen, als er dessen
Veröffentlichungen durchliest und feststellen muss, dass dieser Europäer in seinen
Artikeln zur neuesten afrikanischen Geschichte nie etwas kritisch hinterfragt hat,
nie mit Augenzeugen gesprochen hat, kurzum: dass er überhaupt
nichts von Afrika verstanden hat ...

Interessant in Bezug auf Europäer ist aber bereits Salims Erkenntnis auf Seite 27:
„.. Feste Vorstellungen ... machten ihre Überlegenheit aus.
Die Europäer wollten Gold und Sklaven ... aber zugleich wollten sie sich als Wohltäter
der Sklaven ein Denkmal setzen ...
“, – und es gelang ihnen beides.
Durchaus auf das Heute übertragbar.

Die interessanteste Nebenfigur des Romans ist wohl Ferdinand, dessen Entwicklung
vom jugendlichen Afrikaner zum Staatsbediensteten die kulturelle Zerrissenheit des
postkolonialen Afrikas offen legt. Ferdinand ist ein afrikanischer
Jugendlicher ohne die räumliche Nähe des Vaters auf der Suche nach kultureller
Identität, Selbstwertgefühl und einem eigenen Lebensweg, ohne dabei jedoch auf
ein wegweisendes Leitbild zurückgreifen zu können.

Sein Freund Metty dagegen bleibt stets farblos und unterwürfig, ein ehemaliger
Sklave, der es nicht wagt, sein eigenes Schicksal eigenverantwortlich in die Hand zu
nehmen, sondern sich stattdessen immer von jemanden abhängig
machen will, von dem er sich Reichtum und Ansehen verspricht.

Was an all den beschriebenen Charakteren (Nazruddin, Mahesh, Indar, Raymond) so
interessant ist, ist wie sie sich alle verbiegen und verstellen, um vor sich
und anderen etwas darzustellen – mehr Schein als Sein, wie immer und überall also.
Und wie auf dem Buchrücken bereits zu lesen ist: „...So ist die Welt;
wer nichts ist, wer es geschehen lässt, dass aus
ihm nichts wird, hat keinen Platz darin
...“ Allein Salim bleibt sich gemäß
der Weissagung Nazruddins selber treu, verkauft sich nicht und hat es so gesehen als
einziger geschafft, mit sich selbst in Frieden zu leben und glücklich zu sein.

Ein sehr vielschichtiger Roman, der weiten Interpretationsspielraum lässt,
aber dennoch leicht zu lesen ist.

 

 

 

 

Emily Ruete:
Memoirs of an Arabian Princess from Zanzibar

 

 

 

 

  Die Autorin Emily Ruete wurde 1844 auf der ostafrikanischen Insel Zanzibar
als Sultanstochter Sayyida Salme Prinzessin von Oman und Zanzibar
geboren. Schon als kleines Mädchen geht sie ihren Weg, bringt sich heimlich
Lesen und Schreiben bei und lernt von ihrem Bruder Reiten und Schießen.
Ihre heimliche Liebe zu dem deutschen Kaufmann Heinrich Ruete, einem
für ihre Gesellschaft "Ungläubigen", von dem sie auch noch schwanger wurde,
führte dazu, dass sie im Alter von 22 Jahren den Sprung in eine
andere Welt wagte: In einer Nacht-und-Nebelaktion verliess sie gemeinsam
mit ihm heimlich die Insel, um fortan mit ihm im fernen Hamburg zu leben.
Ihr erstes Kind, das unterwegs in Aden zur Welt
kommt, wo sie und Heinrich auch heiraten und sie seinen Namen annimmt und
sich auf "Emily" taufen lässt, stirbt bereits während der langen und
beschwerlichen Reise, worüber sie in ihrer Autobiografie
jedoch kein Wort verliert, da ihre Trauer darüber wahrscheinlich zu groß war.

Jedoch währte ihr Glück nicht lange, da ihr Ehemann wenige Jahre später an
einem Unfall verstarb und da damalige Gesetz ihr als alleinstehender Frau
das Erbe verweigerte. In der Folgezeit lebte sie mit ihren drei Kindern u.a. in
Dresden, Berlin und Köln. Nachdem mehrere Versuche, in ihre Heimat Zanzibar
zurück zu kehren und Ansprüche auf ihre ehemaligen Besitztümer geltend zu machen,
scheiterten, verdiente sie sich fortan ihren Lebensunterhalt als Lehrerin für
arabisch und schrieb ihre Autobiografie. Nachdem sie einige Jahre in Beirut
gelebt hatte, wo ihr Sohn im deutschen Konsulat arbeitete, kehrte sie später
wieder nach Deutschland zurück, um bei den Schwiegereltern einer ihrer Töchter in Jena
zu leben, wo sie 1924 verstarb. Sie wurde in Hamburg neben ihrem Mann begraben.

In ihren Memoiren schildert sie rückblickend ihre Kindheit und ihr damaliges,
luxuriöses Leben im Sultanspalast und gibt dabei interessante Einblicke in das
alltägliche Leben, die damalige Kindererziehung, die Stellung der Frau in der
zanzibarischen Gesellschaft sowie in Religion und Wirtschaft und vergleicht diese
mit ihren Erfahrungen mit der deutschen Gesellschaft. "Ich verließ meine Heimat als
vollkommene Araberin und als gute Mohammedanerin, und was bin ich heute? Eine schlechte
Christin und etwas mehr als eine halbe Deutsche
" schreibt sie rückblickend über
ihre Zeit in Deutschland, die im Hinblick auf ihre Herkunft gewiss nicht einfach war.
Kritisch bemerkt sie beispielsweise:
"Nirgends tritt der Kontrast zwischen armen und reichen Menschen so zutage,
wie gerade hier im kalten Norden."


Ein schönes, interessantes Buch über eine außergewöhnliche Frau zwischen zwei Kulturen.

Im Palastmuseum (Beit el Jaib = "Haus der Wunder") in Zanzibar-Town ist ihr übrigens
in der ersten Etage eine Ausstellung mit zahlreichen Bildern und Schautafeln gewidmet.
Und letzter Hinweis: Das Buch gibt es u.a. auch in deutscher Sprache,
der Preis im Internet ist jedoch aberwitzig. Ich habe die englische Ausgabe vor Ort
erworben, die deutsche ist dort gleichfalls erhältlich zu einem üblichen Buchpreis.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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