Buchtipps Frankreich, Spanien, Portugal

 

 

 

 

 

 

 

Simone de Beauvoir:

 Die Mandarins von Paris

(franz.: Les Mandarins)

 

 

 

 

Die „Mandarins von Paris“ ist ein Meisterwerk Simone de Beauvoirs (1908 - 1986), in welchem private Schicksale und Zeitgeschichte perfekt miteinander verknüpft sind.

Dank einer präzisen Herausformung unterschiedlicher und erfrischend lebendiger Charaktere und einer äußerst dichten, an keiner Stelle langweiligen Erzählweise ist ihr ein hervorragender zeitgeschichtlicher Roman über die politische Entwicklung in Frankreich in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg gelungen.

Schauplatz der Geschichte ist Paris - wenn auch Abstecher in die USA, nach Mexico oder Portugal enthalten sind. Auf zwei Erzählebenen wird der Leser am Beispiel des Journalisten Henri und der Psychologin Anne in die Welt der Pariser Intellektuellen entführt. Interessant hierbei ist der Erzählstil: Während die Geschichte Henris in der dritten Form geschrieben ist, kommt die Psychologin Anne bei der Darstellung ihrer Erlebnisse und Sichtweisen direkt zu Wort, was ihrem Charakter noch mehr Tiefe verleiht. Als Ehefrau der Hauptfigur der „Mandarins“ steht sie eher abseits der politischen Diskussion, sucht lieber nach ihrem persönlichen Glück als nach einem möglichen Allgemeinwohl. Daraus ergibt sich eine für den Leser spannende und schöne Liebesgeschichte, welche die Autorin hervorragend in die Rahmenhandlung einzubetten versteht.

Aus Henris Geschichte dagegen gehen die ganze Zerrissenheit und der Zerfall der einst durch die Résistance geeinten Pariser Intellektuellen sowie der Niedergang des französischen Kommunismus hervor. Aber auch hierbei kommen das Thema Liebe und die mit ihr verbundenen Probleme nicht zu kurz und wird mit den politischen Fragen der damaligen Zeit verwoben. Dies wird am deutlichsten, als Henri vor die Wahl gestellt ist, aus vermeintlicher Liebe zu einer Frau vor Gericht einen Meineid zu schwören oder einen Denunzianten zu überführen. 

Ein hervorragendes Zeitdokument und ein meisterhafter Roman.

 

Mehr von Simone de Beauvoir:

Sie kam und blieb

Das Blut der anderen

Memoiren einer Tochter aus gutem Hause

Marcelle, Chantal, Lisa, …

u.v.m.

 

 

 

 

Jean-Claude Izzo:

Aldebaran

(franz.: Les marins perdus)

 

 

 

Seit Wochen hängt der Frachter Aldebaran im Hafen von Marseille fest, da der Reeder bankrott gegangen ist. Keiner der Seeleute weiß, wie es weiter gehen soll, doch eins scheint klar: Auf der Aldebaran gibt es für sie keine Zukunft. So verlässt der Großteil der Besatzung das Schiff, zurück bleiben lediglich der libanesische Kapitän Abdul, sein erster Offizier Diamantis sowie der türkische Funker Nedim. Ohne die Weite des Ozeans zwischen sich wird ihnen plötzlich bewusst, welche Leere zwischen ihnen herrscht, wie wenig sie sich kennen, obwohl sie lange Zeit zusammen zur See gefahren sind, und wie ungewiss ihre Zukunft ist. So hängt jeder für sich seinen eigenen, schmerzhaften Erinnerungen an eine verlorene Liebe, ein verlorenes Leben nach und versucht auf seine Weise, mit der bitteren Vergangenheit abzuschließen.

Der italienischstämmige Marseiller Jean-Claude Izzo (1945 - 2000) versteht es meisterhaft, mit wenigen Worten viel auszudrücken: Die Härten des Schicksals, unterschwellige Gefühle, die Hitze der Stadt. Ein fesselndes Buch über das Leben und nicht zuletzt über Marseille, den Ort, an dem sich niemand als Fremder fühlt, wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der drei Gestrandeten zusammenlaufen.

 

 

 

 

 

Jean-Claude Izzo:

 Die Marseille-Trilogie

(franz.: La trilogie Fabio Montale)

 

 

 

 Die „Marseille-Trilogie“ umfasst die Kriminalromane „Total Cheops“, „Chourmo“ und „Soleia“ des aus Marseille stammenden und im Jahr 2000 verstorbenen Autors Jean-Claude Izzo. Alle drei Bände spielen in Marseille und handeln letztendlich von Mord und Verbrechen - mindestens ebenso wichtig sind Izzo jedoch die gesellschaftspolitischen Aspekte der multikulturellen Mittelmeermetropole. So spielen seine Geschichten bevorzugt im Milieu der trostlosen, von Einwandererfamilien dominierten Vorstädte, in denen Arbeitslosigkeit, Fremdenhass, Fundamentalismus, Kriminalität und Perspektivlosigkeit den Alltag bestimmen.

 Inmitten dieses kulturellen Schmelztiegels geht der desillusionierte (Ex-) Polizist Fabio Montale seinen Ermittlungen nach, lässt den Leser an blutigen Schießereien und wilden Verfolgungsjagden teilnehmen und versinkt dabei immer tiefer im tödlichen Sumpf der mafiös geprägten Marseiller Unterwelt. Doch trotz all der Gewalt geht es in den Geschichten auch um Freundschaft, Liebe und die Sehnsucht nach einem harmonischen Miteinander.

 Eigentliche Hauptfigur der drei Romane jedoch ist die Stadt selbst. Selten gelingt es einem Autor, neben einer spannenden Erzählung die Licht- und Schattenseiten des Handlungsortes so realitätsnah und poetisch, so schonungslos und liebevoll zugleich darzustellen wie in dieser Trilogie. Izzo führt den Leser durch pulsierende Hauptverkehrsstraßen, dunkle Gassen, in versteckte Szenekneipen (wie z.B. der Bar des 13 Coins im Panier-Viertel, siehe Buchcover) und zuweilen auch einfach zum Fischen hinaus aufs Meer. Dazu gibt es immer wieder leckere Gerichte aus der regionalen Küche, z.B. die aus Marseille stammende Bouillabaisse sowie den einen oder anderen Tropfen Pastis.

 Fazit: Drei spannende, nicht ganz triviale Kriminalfälle und eine Liebeserklärung an Marseille und seine Menschen!

 

 

 

 

 

Peter Mayle:

Mein Jahr in der Provence & Toujours Provence

(franz.: Une année en Provence)

 

 

 

Der Engländer Peter Mayle und seine Frau haben sich einen Traum verwirklicht und im Lubéron, genauer gesagt in Ménerbes, ein Haus gekauft. In zwölf heiteren, humorvollen Kapiteln, die sich an den Monaten eines Jahres orientieren, erzählt er in "Mein Jahr in der Provence" von ihrem ersten Jahr in der neuen Wahlheimat. Dabei geht es um Probleme bei der Termingestaltung mit den einheimischen Handwerken, mit der französischen Sprache, merkwürdige und liebenswerte Eigenheiten der Provencalen, Zauber und Schönheit der Landschaft sowie immer wieder um kulinarische Genüsse, die dem Leser das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen.

"Toujours Provence" ist der Folgeroman auf "Mein Jahr in der Provence" und setzt sich inhaltlich in ähnlicher Weise in Form kleiner Anekdoten fort.

Große Literatur darf man hier nicht erwarten: Beide Bände plätschern leicht dahin und sind stellenweise recht klischeehaft geraten. Egal - die Bücher sind eine schöne Liebeserklärung an die Provence und ihre Menschen, machen Sehnsucht nach Südfrankreich und Appetit auf ein leckeres Menü, bon appétit!

 

 

 

 

 

Marcel Pagnol:

Eine Kindheit in der Provence

(franz.: La gloire de mon père)

 

 

 

Eine weitere Liebeserklärung an die Provence sind die Kindheitserinnerungen des gebürtigen Marseillers Marcel Pagnol (1895 - 1974). Indem die Eltern des Elfjährigen beschließen, die großen Ferien bei Onkel Jules in der Estaque zu verbringen, bescheren sie Marcel den Sommer seines Lebens. Beladen mit Unmengen von Gepäck begibt sich die etwas chaotische, fünfköpfige Familie mit einem Eselskarren auf den Weg. Humorvoll und einfühlsam versetzt Pagnol den Leser in die Welt eines Kindes, in dessen Träume, Denkweise und Gefühlswelt, und lässt zugleich die wundervolle provenzalische Landschaft erblühen und duften - das wohl schönste Buch über die Povence und eine Zeit, die längst vergangen ist.

 

 

 

 

Raymond Queneau:

Zazie in der Metro

(franz.: Zazie dans le métro)

 

 

 

Die zehnjährige Zazie verbringt zwei Tage bei ihrem Onkel Gabriel in Paris und will eigentlich nur eines: Einmal mit der Metro fahren. Zu ihrer großen Enttäuschung wird diese jedoch gerade bestreikt und ihr Wunsch bleibt unerfüllt. Stattdessen taucht sie in das Großstadtleben ein, besteigt den Eifelturm, besucht eine Abendvorstellung der Tänzerin "Gaby" am Place Pigalle und lernt jede Menge skurriler Gestalten kennen, u.a. den Kneipenwirt Turandot mit seinem Papageien Laverdure, die stets sanfte Marceline, den zwielichtigen Trouscaillon, den schrägen Reiseführer Fedor Balanovic und die mannstolle Witwe Mouaque.

Die lustige, bisweilen groteske, mit viel Wortwitz und Charme gespickte Erzählung ist hauptsächlich in Dialogform geschrieben. Das Besondere und Erfrischende dabei ist der gelungene Mix der Sprachstile: So sind die Dialoge überwiegend umgangssprachlich gehalten und von Slangausdrücken durchsetzt, wobei einige Wörter in phonetischer Schreibweise wiedergegeben bzw. verdreht werden. So kommt Zazie beispielsweise zu "Bludschins", trinkt "caco calo" und rätselt über den Begriff "Hormosechsualität". Vor allem in den Erzählpassagen wechselt Queneau dann in literarische Hochsprache, ohne aber dadurch der Handlung ihren Schwung zu nehmen.

Ein höchst amüsantes, kurzweiliges und bisweilen verrücktes Buch über Paris, urbanes Leben und die Alltagssprache.

 

 

 

 

 

Peter Kerr:

Im Tal der Orangen / Manana Manana

(engl.: Manana Manana - One Mallorcan Summer)

 

 

 

 

Wer Peter Mayles Erfahrungsbericht aus der Provence kennt (s. Rezension weiter oben auf dieser Seite) weiss, was ihn hier erwartet: Auch der Schotte Peter Kerr hat es gewagt, hat seiner Heimat den Rücken gekehrt, um fortan mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen auf der Urlaubsinsel Mallorca zu leben. Doch nicht etwa in der Hauptstadt oder an einem schönen Strand, sondern in einer abgelegenen Finca in der Nähe des Ortes Andratx mitten in den Ausläufern des Tramuntana-Gebirges, um dort eine Orangenplantage zu bewirtschaften. Ähnlich wie Mayle zeichnet er humorvoll Bilder aus Geschichten des Alltags und gewährt dem Leser dabei zahlreiche Einblicke in das mallorquinische Landleben und die mallorquinische Seele. So wechseln sich unter anderem liebevolle Schilderungen der Nachbarn, Appetit machende Beschreibungen mallorquinischer Gerichte und Anekdoten zu den Tücken der spanischen Sprache miteinander ab und wer als Leser zumindest ein wenig Spanisch versteht, wird an einigen spanischen Sätzen und Wörtern zusätzliche Freude haben.

Insgesamt liest sich das Buch sehr leicht und eignet sich deshalb besonders für heiße Strandtage oder entspannte Leseabende - vorzugsweise auf Mallorca, denn wer noch nie auf der Insel war, wird dem vielen Lokalkolorit nicht allzu viel abgewinnen können bzw. an etlichen Details weniger interessiert sein als diejenigen, welche die Insel bereits etwas kennen. In der vorliegenden Ausgabe sind übrigens gleich zwei Bücher in einem Band zusammen gefasst, die jedoch auch einzeln erhältlich sind.

 

 

 

 

Carlos Ruiz Zafón:

Der Schatten des Windes

(span.: La Sombra del Viento)

 
 

 

Carlos Ruiz Zafós entführt den Leser in das Barcelona zwischen 1945 und 1966, in die Zeit nach dem spanischen Bürgerkrieg und der anschließenden Franco-Diktatur. Vor diesem politischen Hintergrund beginnt die Erzählung damit, dass der zehnjährige Daniel eines Tages von seinem Vater auf den geheimnisvollen „Friedhof der Bücher“ geführt wird, wo er sich ein Buch aussuchen darf. Der Zufall – oder das Schicksal – will es, dass ihm dabei ein seltenes Werk des verstorbenen, nahezu unbekannten Autors Julian Carax in die Hände fällt, das ihn von der ersten Seite an in seinen Bann zieht. Bald muss Daniel feststellen, dass außer ihm auch andere an diesem Buch interessiert sind, allen voran ein unheimlicher Fremder, der es vernichten will. Daniel beginnt, Nachforschungen anzustellen, um mehr über Caranx’ Leben und seinen mysteriösen Tod heraus zu finden. Je mehr er im Lauf der Jahre über den Autor in Erfahrung bringt, desto mehr verwebt sich dessen Leben auf schicksalhafte Weise mit dem seinen …

 „Der Schatten des Windes“ ist ein überaus spannender, fesselnder Roman, der Krimi, Abenteuerroman, Liebesroman und historischer Roman zugleich und dazu auch noch in einer wunderschönen Sprache geschrieben ist. Die geschickt angeordneten Handlungsstränge und Rückblenden schaffen einen nicht enden wollenden Spannungsbogen und bringen auch die Nebenerzähler mit in das dramatische Geschehen ein. Nicht zuletzt ist das Werk aber auch eine Liebeserklärung an das Lesen und an Bücher an sich sowie an seinen Handlungsort Barcelona.

Wer die Schauplätze des Romans vor Ort erleben möchte, macht dies am Besten mit dem Buch „Mit Carlos Ruiz Zafón durch Barcelona: Ein Reiseführer“.

 

 

 

 

 

Antonio Tabucchi:

Erklärt Pereira

(engl.: Pereira Declares: A Testimony)

 

 
 

 

Portugal im Jahre 1938: Pereira, einsamer, verwitweter und an Politik desinteressierter Kulturredakteur der Abendzeitung „Lisboa“, flüchtet sich vor der politischen Realität in alte Romane und häusliche Beschaulichkeit. Eines Tages lernt er einen jungen Mann kennen, den er als freien Mitarbeiter für sein Ressort gewinnt. Dieser Monteiro Rossi ist im Gegensatz zu Pereira ein engagierter politischer Idealist und bestrebt, seiner antifaschistischen Überzeugung in seinen Texten Ausdruck zu verleihen. Durch ihn und seine gleichgesinnte jüdische Freundin Marta wird Pereira zunehmend an seine eigenen Ideale aus der Jugendzeit erinnert. Allmählich erwacht er aus der bequemen Lethargie und sieht ein, dass er Stellung beziehen muss zu den Dingen, die um ihn herum geschehen. Als er direkter Zeuge der Brutalität des Regimes wird, setzt er alles dran, um an der Zensur vorbei einen Augenzeugenbericht in der „Lisboa“ zu veröffentlichen …

 Dieser Wandel des Protagonisten ist nicht in klassischer Erzählform geschrieben, sondern wie das Protokoll einer Aussage. „Erklärt Pereira“ bzw. „Pereira erklärt“ markiert nicht nur Titel, Anfang und Ende des Romans, sondern wird im Laufe der Geschichte nahezu auf jeder Seite verwendet. Obgleich das Buch in seiner Aussage sehr politisch ist, ist es dennoch leicht und spannend zu lesen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schatztruhe

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