Buchtipps Europa

 

 

 

 

 

 

 

Marie Hermanson:

 Muschelstrand

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diesen 2002 auf Deutsch erschienenen Roman der schwedischen Autorin Marie Hermanson
habe ich schon lange bei mir im Bücherregal stehen und sogar bereits ein paarmal gelesen –
aber das war schon lange her und was ich vor allem noch in Erinnerung hatte war, dass mir
dieser Roman auch nach mehrmaligem Lesen sehr gefallen hatte.
Also habe ich dieses Buch nochmals zur Hand genommen und ich kann nur sagen:
Die Geschichte hat mich erneut in ihren Bann gezogen und ich habe das Buch innerhalb von
zwei gemütlichen Abenden erneut mit viel Freude gelesen und kann es wärmstens empfehlen!

Die Geschichte spielt an der Schärenküste Südschwedens in der Gegend um Tångevik.
Als Ulrika nach langer Zeit wieder an jenen Muschelstrand zurückkehrt, an dem sie einst
mit ihrer Sommerfreundin Anne-Marie und deren Bruder Jens unvergessliche Sommertage verbracht
hat, werden Erinnerungen an ihre Jugendjahre wach:
Wie sehr sie Anne-Marie damals bewunderte, wie gern sie Teil der vermeintlichen
Bilderbuchfamilie der Gattmanns sein wollte, und was in jenem verhängnisvollen Sommer geschah,
als Maja, die kleine indische Adoptivtochter der Gattmanns, plötzlich verschwand
und auf einmal alles anders wurde …

Durchbrochen wird Ulrikas Ich-Erzählung immer wieder von der Geschichte einer anderen Frau
aus derselben Gegend, Kristina. Genauer gesagt: der Roman beginnt sogar mit Kristina und ich muss sagen:
Schon als ich dieses erste, lediglich anderthalbseitige Kapitel las, war ich sofort
von Marie Hermansons Schreibstil gepackt: Einfach wunderschön, eine gelungene Wortwahl,
behutsam und federleicht geschrieben – wunderbar!

Jedenfalls – Kristina ist von klein an anders, wendet sich im Lauf ihres Heranwachsens
mehr und mehr von anderen Menschen ab, trägt zeitweise gar eine Tiermaske, um nicht
angesprochen zu werden, und führt letztendlich als junge Frau das Leben einer Eremitin in einer
einfachen Hütte am Meer. Auch Kristina verschwindet damals im selben Jahr wie Maja.
Mit einem Unterschied: Maja taucht sechs Wochen nach ihrem rätselhaften Verschwinden urplötzlich
und gänzlich unversehrt an einer unzugänglichen Stelle in den Felsen an besagtem Muschelstrand wieder auf.
Doch da auch Maja anders ist als andere Kinder und sich nicht mitteilt,
bleibt ihr Verschwinden ein Rätsel - bis sich die Handlungsstränge nach und nach miteinander verknüpfen …

Ein erzählerisch und sprachlich sehr gelungener Roman über Freundschaft, Trauer,
Sehnsucht und Einsamkeit, mit tiefgründigen Charakteren und sehr schönen Naturbeschreibungen.

 



 
    Ann-Helén Laestadius:
Das Leuchten der Rentiere / Stolen

 

 

 

Durch Zufall stieß ich auf der Suche nach gutem, neuen Lesestoff auf diesen Roman
und da ich damals erst selbst im hohen Norden war,
hätten Buchtitel und Cover nicht besser passen können.
Und ich kann schon verraten: Ich wurde nicht enttäuscht. – Und nein:
Man muss nicht im hohen Norden gewesen sein, um dieses Buch zu mögen!
Man sollte lediglich etwas Interesse an einem indigenen Volk haben,
von dem man hier sonst wenig mitbekommt.

Der in drei Teile gegliederte Roman „Das Leuchten der Rentiere“
(im schwedischen Original: stölt = Diebstahl) spielt im hohen Norden Schwedens
beim rentierzüchtenden Volk der Samen. Die Protagonistin Elsa ist im ersten Teil
erst neun Jahre alt und wird zufällig Zeugin, wie ein Nicht-Same ihr Rentierkalb tötet.
Der auf frischer Tat ertappte Wilderer zwingt sie zum Schweigen und verhindert damit,
dass die im Verlauf der Geschichte ohnehin desinteressiert und untätig wirkende
Polizei diesen Tötungsdelikt an einem Rentier der Samen weiterverfolgt.
Stattdessen wird der Fall als „Diebstahl“ zu den Akten gelegt.

Trotz dieser Ausgangssituation, immerhin einer Straftat, entwickelt sich
die Geschichte zunächst sehr langsam und ruhig. Man lernt erstmal vor allem Elsa und
die anderen Charaktere aus ihrem verwandtschaftlichen Umfeld kennen, Sitten, Gebräuche und
Sprache der Samen sowie die Schwierigkeiten des Volkes mit der nicht-samischen Landbevölkerung.
Letztere beginnen bereits im Kindesalter mit Ausgrenzung und Mobbing in der Schule.
Und einige verspüren auch schmerzlich die Einsamkeit im hohen Norden.

Hierfür muss man schon etwas Geduld aufbringen (bis zum Ende des ersten Teils,
im Hardcover auf Seite 146) und sich an die fremden Begriffe gewöhnen
(die hinten im Buch erläutert werden) – doch es lohnt sich!

Der zweite Teil beginnt mit einem Zeitsprung von 10 Jahren, d.h. Elsa ist mittlerweile
neunzehn, und es geschieht direkt etwas Grausiges, das der Geschichte an Fahrt verleiht
und den Leser mitnimmt. Im weiteren spannenden Verlauf sieht sich Elsas Sippenverband durch
die Wilderei zunehmend mit Straftaten konfrontiert, die weder polizeilich verfolgt noch
geahndet werden, sondern als "Diebstahl" zu den Akten gelegt werden.
Ohnmacht und unterdrückte Wut wachsen. Elsa will dies jedoch nicht schweigend hinnehmen
und prangert mutig die Straftaten gegen ihr Volk und die Untätigkeit der Polizei öffentlich
mittels Fotos auf Social Media sowie in einem Interview mit einer Journalistin an -
was nicht bei allen gut ankommt.
Es folgen Hate-Postings und Situationen, die für Elsa zunehmend bedrohlicher werden …

Ein tolles Buch, das zwar erst langsam in Schwung kommt, nachher dann aber doch spannend wird,
dabei regelrecht unter die Haut geht und zugleich auch nachdenklich stimmt.
Dazu vermittelt Ann-Helén Laestadius einen interessanten Einblick in das traditionelle Leben
der Samen< (wobei ich insbesondere die Beschreibung des „Joikens“, einem speziellen Gesangsstil,
interessant fand, hier eine Hörprobe) mit all ihren Schwierigkeiten in der modernen Welt,
z.B. der Rolle der Frau (der traditionell keine leitende Stellung in der Rentierhaltung
erlaubt ist), der Naivität der Touristen (die vor allem gerne Instagram-Fotos
machen wollen), dem Klimawandel (der Rentiere sterben lässt), der Diskriminierung der
Samen und der hohen Suizidrate unter ihnen. Aber es wird auch ein universelles Problem
angesprochen: Dass heutzutage zwar sehr viel gechattet und gepostet wird, leider aber
zu wenig wirklich miteinander über konkrete Probleme und Gefühle des Einzelnen gesprochen wird.

Ich hatte mich zugegebenermaßen vorher noch nicht näher mit dem Volk der Samen beschäftigt
und wenn es um den Themenkomplex „Ureinwohner – Diskriminierung, Rassismus, Entrechtung“ ging,
dachte ich mehr an fernere Gefilde wie Australien, Süd- oder Nordamerika als an das quasi
benachbarte Schweden. Ich muss sagen: Ich bin sehr erstaunt von Schweden.
Im negativen Sinn. Das hätte ich nicht gedacht.
In ihrem Schlusswort erwähnt die Autorin, die selbst dem Volk der Samen angehört, dass sich
die Erzählung an wahre Gegebenheiten anlehnt und sie bei ihrer Recherche für den Roman
einhundert Strafanzeigen von Samen durchgegangen ist. Man fragt sich wirklich,
woher dieser Hass kommt und warum einige diesen nicht nur an den Menschen,
sondern auch an den Tieren auslassen müssen.

In einem sehr informativen Interview mit Ann-Helén Laestadius (auf Englisch)
erfährt man noch mehr zu den Hintergründen zu diesem Roman (insgesamt ca. 57 min).

Die Samen sind übrigens als Urvolk anerkannt - aber einzig Norwegen stellt sie unter den Schutz
der internationalen ILO-Konvention 169 (Übereinkommen über eingeborene und in Stämmen lebende
Völker in unabhängigen Ländern, das rechtsverbindlichen Schutz und Anspruch auf eine Vielzahl von
Grundrechten garantiert). Der Klimawandel bedroht ihre Lebensweise in besonderem Maße, da zunehmend
Rentiere durch Hitzestress, Verbuschung, Parasiten und Nahrungsmangel im Winter (Regen anstelle
von Schnee lässt den Boden vereisen und die Tiere gelangen nicht mehr an Nahrung) verenden.

Seit 2024 gibt es auch die gleichnamige Verfilmung des Romans auf Netflix zu sehen.
Der Film besticht vor allem durch die schönen Aufnahmen der winterlichen Natur, der Rentiere und
den Samen in ihren farbenfrohen Trachten. Ansonsten wird auch hier langsam, aber nicht
langweilig erzählt, die Grausamkeiten aus dem Roman werden nicht dargestellt.
Gegen Ende wurde die Handlung dann an einigen Stellen inhaltlich abgeändert, aber egal:
Ein sehr schöner, ruhiger Film - Aber dennoch: Vor allem lesen, Filmgucken dann als Zugabe.
Auf jeden Fall ist es ein wichtiger Film für das Volk der Samen, durch den ihr Schicksal eine
nochmal höhere imtermationale Aufmerksamkeit erreicht als allein durch den Roman. Man kann nur hoffen,
dass sich dadurch etwas in den Köpfen jener Menschen im hohen Norden Schwedens ändert, die sie
loshaben wollen, schikanieren und feige ihre Tiere quälen.

 

 

 

    Ann-Helén Laestadius:
Die Zeit im Sommerlicht / Punished

 

 

 

Nachdem mir der Roman „Das Leuchten der Rentiere“ (und ebenso seine Verfilmung
auf Netflix) so gefallen hatte, war ich sehr gespannt auf das neue Buch der Autorin,
in dem es wieder um das Volk der Samen in Schwedens hohem Norden geht.

Am Beispiel des Schicksals von fünf Kindern wird die in den 1950er Jahren vom
schwedischen Staat praktizierte Zwangsentsendung samischer Kinder in spezielle Internate,
so genannte Nomadenschulen, beschrieben. In Wirklichkeit waren diese Internate Umerziehungsheime,
in denen die Kinder ihre eigene Sprache nicht mehr sprechen, ihre Kultur nicht mehr leben
und selbst ihre samischen Namen nicht mehr tragen durften (vgl. ähnliche Praktiken
damals z.B. in Australien mit den Aborigines).

Die Geschichte der fünf Protagonisten wird in zwei miteinander verwobenen Zeitsträngen
erzählt, die jeweils in den 1950er sowie in den 1980er Jahren spielen.
Diese Zeitsprünge machen einerseits hautnah deutlich, wie sehr die Nomadenschule
für die Kinder die Hölle auf Erden war, und zeigen andererseits, wie die dortigen
traumatischen Erlebnisse ihr späteres Leben und Erwachsensein beeinflussen.
Keiner der späteren Erwachsenen hat die Kindheitserlebnisse in der Nomadenschule verarbeitet.
Keiner hat jemals darüber mit anderen gesprochen. Stattdessen versuchen alle,
die dunklen Erinnerungen an Angst, Heimweh, Misshandlung, Schmerz und Ungerechtigkeit
zu verdrängen und so ihre geschundene Seele zu heilen.
Dabei schlägt jeder einen anderen Weg ein: z.B. durch Rückbesinnung auf die samische Kultur –
oder durch das genaue Gegenteil, deren Verleugnung, aber auch durch Alkohol- oder
Medikamentensucht, Hypochondrie oder Bindungsangst.

Als nach 30 Jahren die einstige sadistische Hausmutter plötzlich wieder im Leben
ihrer ehemaligen Schüler auftaucht, keimt die Hoffnung auf eine mögliche Rache,
zumindest aber auf Genugtuung und vielleicht auf Heilung auf.

Wie schon „Das Leuchten der Rentiere“ zeigt auch dieser berührende Roman,
wie die Sami schon seit vielen Jahren diskriminiert und ihrer Kultur beraubt wurden.
Die eindrücklichen Beschreibungen von Erlebnissen, Stimmungen und Gefühlen
der Protagonisten machen deutlich, wie sehr dieses Thema der Autorin am Herzen liegt.
Sie selbst ist gebürtige Sami und auch ihre Mutter musste einst ein solches Zwangsinternat besuchen.
Ein mal wieder sehr lesenswertes, nachdenklich stimmendes Buch.

 

 

 

    Charlotte McConaghy:
Wo die Wölfe sind / Once there were Wolves

 

 

 

Da mir von dieser Autorin bereits ihr erster Roman „Zugvögel“
so sehr gefallen hat, habe ich direkt im Anschluss auch ihr zweites Buch gelesen –
besser gesagt: verschlungen, denn diese Geschichte ist sogar noch packender,
sofern das überhaupt noch möglich ist.

Thematischer Hintergrund sind auch hier wieder Natur und Klimawandel,
konkret geht es um Wölfe, Wälder und den Versuch, durch Renaturierung den Klimawandel
einzubremsen. Erzählt wird von der Biologin Inti Flynn, die mit ihrer Schwester Aggie
in die schottischen Highlands gezogen ist, um dort ein Projekt zur Wiederansiedlung
von Wölfen umzusetzen. Ziel ist die Wiederherstellung des natürlichen
Gleichgewichts des Hochlandes: Die Anwesenheit der Wölfe soll dafür sorgen, dass das
Rotwild wieder wandert, anstatt in einem Areal sesshaft zu leben und dort durch den
Fraß junger Triebe das Nachwachsen der einstigen Wälder zu verhindern.
Dieser Plan stößt jedoch vor allem bei den lokalen Bauern nicht gerade auf
Begeisterung, da diese um ihre Nutztiere und letztendlich
auch um ihre eigene Sicherheit fürchten.

Neben dieser Rahmenhandlung geht es aber noch um vieles mehr –
kurz gesagt um Liebe, um Gewalt und um Empathie.
Insbesondere an letzterer hat Inti mehr als genug in sich:
Sie leidet an einer seltenen Krankheit, der Spiegelberührungssynästhesie.
Diese bewirkt, dass Inti die sinnlichen Empfindungen anderer Lebewesen, sei es Genuss
oder Schmerz, genauso fühlt, als wären es ihre eigenen.
Dies macht sie Menschen und Tieren gegenüber sehr mitfühlend, jedoch auch sehr verletzlich.
So hat der psychisch schlechte Zustand ihrer nicht mehr sprechenden Schwester Aggie
auch Auswirkungen auf Inti und erst nach und nach kommt heraus, wie es dazu kam.

Derweil passiert, was passieren musste: Erst gibt es einen erschossenen Wolf,
dann einen getöteten Menschen. Die Stimmung gegen die Wölfe und gegen Inti wird zunehmend
aggressiver, zugleich nimmt eine Liebesgeschichte ihren Lauf, die Ereignisse
entwickeln sich zunehmend dramatisch und die Erzählung wird schließlich zum packenden
Krimidrama, in dem man sich manchmal fragt:
Wer ist eigentlich gefährlicher - Mensch oder Wolf?
Gegen Schluss war es für mich nur noch ein Page-Turner –
so einnehmend und spannend geschrieben!

Fazit:
Wieder ist es der australischen Autorin hervorragend gelungen, eine tolle,
fesselnde Erzählung mit interessanten Charakteren, Bezug zur Natur und thematischer
Aktualität zu schreiben. Wie bereits „Zugvögel“ ist auch dieser Roman wie geschaffen
für eine Verfilmung – Kein Wunder, denn Charlotte McConaghy hat einen
Abschluss als Drehbuchautorin.

P.S.: Wie auch schon in "Zugvögel" konnte ich auch in diesem Roman wieder
etwas interessantes neues lernen:
Schon mal vom "Trembling Giant" gehört? (im Buch auf S. 125)
Oder von "Pando"?
Es ist ein "Wald" in Utah, aber eigentlich handelt es sich dabei nicht um einen
wirklichen Wald, bestehend aus unterschiedlichen Bäumen, sondern lediglich um
einen einzigen Organismus: Eine Zitterpappel, die über Rhizome immer weiter gewachsen ist
und eine Klonkolonie aus ca. 47.000 (!) Stämmen entstehen ließ
und somit wie ein Wald wirkt. Ihr Alter wird auf ca. 14.000 Jahre geschätzt,
je nach Quelle sogar noch älter (die Autorin hat die Theorie mit 1 Mio Jahre gewählt,
die aber wohl eher nicht zutrifft).
Welche Zahl auch immer stimmen mag - sehr beeindruckend.

 

 

 

    Charlotte McConaghy:
Zugvögel / Migrations

 

 

 

 

"Die Tiere sterben. Bald sind wir hier ganz allein."

WOW - was ein starker Anfang eines tollen Romans!

Die Erzählung spielt in einer womöglich nicht allzu fernen Zukunft, in der die Folgen
des Klimawandels und der Ausbeutung natürlicher Ressourcen zu einem weltweiten Artensterben
längst befürchteten Ausmaßes geführt haben, so dass es mittlerweile auf der ganzen Erde
keine freilebenden Säugetiere mehr gibt. Auch Fische und Vögel gibt es nur noch
vergleichsweise wenige und die Küstenseeschwalbe scheint der einzig noch verbliebene Zugvogel zu sein.

Vor diesem Hintergrund plant die Protagonistin Franny, deren Leben ähnlich rastlos
wie das eines Zugvogels erscheint, die womöglich letzte Migration der Küstenseeschwalben
von ihren arktischen Brutplätzen in ihre antarktischen Überwinterungsgebiete zu verfolgen.
Um dies zu realisieren, bleibt ihr keine andere Wahl, als ausgerechnet auf einem der wenigen
verbliebenen Fischerboote mitzureisen, also genau mit denjenigen den Vögeln hinterherzufahren,
die aus ihrer Sicht für die Ausrottung von Tierarten direkt mitverantwortlich sind.
Die Crew ihrerseits und insbesondere Kapitän Ennis sind ebenfalls nicht begeistert von der
Anwesenheit einer unerfahrenen Landratte an Bord, doch der Hoffnungsschimmer, durch die
Verfolgung der Zugvögel doch noch den „goldenen Fang“ im nahezu leergefischten
Meer zu machen, besiegelt den Deal.

Abgesehen von ihrer gegenwärtigen Mission ist Franny zugleich in Geschehnissen aus
ihrer geheimnisvollen Vergangenheit gefangen – dem frühen Verschwinden ihrer Mutter, einer
Tat ihres Vaters, einem Gefängnisaufenthalt, ihrer eigenen Suche nach der Wahrheit und der
außergewöhnlichen Liebe zu ihrem Ehemann Niall, einem angesehenen Professor für Ornithologie,
dem sie von unterwegs Briefe schreibt, die jedoch nie versendet werden (können).
In Rückblenden erfährt man nach und nach, was sich zugetragen und welche Bedeutung ihr Projekt
tatsächlich hat. Derweil gestaltet sich die Seereise in die Antarktis durch die stürmische,
eisig kalte See alles andere als ungefährlich …

Mir hat diese Geschichte sehr gut gefallen, sowohl sprachlich als auch in ihrer Vielseitigkeit.
So ist z.B. das scheinbar konträre Verhältnis zwischen der Protagonistin und der
Fischer-Crew sehr gut dargestellt:
Einerseits der Gegensatz zwischen Franny, die für den Artenschutz einsteht,
und den Fischern, die immer so weiter machen wollen wie bisher - andererseits aber auch
das Verbindende, das sie wiederum eint: Die Sehnsucht nach dem Meer und nach Freiheit.
Die Reise von Grönland in die Antarktis ist dann packend erzählt wie ein Schiffs-Abenteuerroman,
es ist viel die Rede von Kälte, die immer wieder als zentrales Element in der Geschichte
auftaucht und beim Lesen regelrecht spürbar wird.

Ein durchweg sehr schön und fesselnd erzählter Roman, der von seinem Hintergrund rund um
Umweltzerstörung und Artensterben genau in unsere Zeit passt.
Dazu gibt es gegen Ende in einer der zeitlichen Rückblenden noch eine überraschende
Aufklärung einer noch offenen Frage bezüglich Frannys Vergangenheit.
Ein Roman, der geradezu schreit nach einer Verfilmung.
Wie ich in Erfahrung bringen konnte, gibt es auch seit einiger Zeit ein konkretes
Filmprojekt – nur passiert ist bis dato (2023) leider noch nichts.
Also erstmal bzw. sowieso: Unbedingt lesen!

P.S.:Neben der packenden Story erfährt man auch noch so einiges Interessantes:
So wusste ich z.B. nicht, dass die Küstenseeschwalbe der Zugvogel mit dem längsten Zugweg
ist, dass überhaupt ein Vogel so eine weite Strecke zurücklegt von der Arktis bis in die
Antarktis und wieder zurück, laut Wikipedia hin und zurück bis zu 30.000 km jährlich (!),
einige sogar noch mehr! Das ist wirklich krass -
wahre Vielflieger sozusagen, das aber rein ökologisch. ;-)

 

 

 

 

 

 

Jo Nesbo: Die Harry-Hole-Krimireihe

 

 

 

Meine letzte Bücher-Entdeckung ist eine Mischung aus Wieder- und Neuentdeckung:
Die Harry Hole – Krimireihe von Jo Nesbø kemme ich schon seit langem,
zumal die ersten beiden Bände in Sydney bzw. in Bangkok spielen -
was auch der Grund ist, weshalb ich damals überhaupt auf diese Bücher
aufmerksam geworden bin, sind beide Orte bzw. Länder doch auch
nach wie vor für mich persönlich sehr beliebte Reiseziele.
Wie es so geht hatte ich die Fortsetzungen dann irgendwann aus den Augen
verloren – und bin nun umso froher, diese Lücke nun geschlossen zu haben
bis zum aktuellen Band 12. Natürlich hab ich nach all den Jahren aber zunächst
wieder mit Band 1 zu lesen begonnen – und war dann in einem regelrechten
Lesefieber gefangen, so dass die mir fehlenden Bände schnell nachgekauft
und geradezu verschlungen wurden.

Fazit:
Eine wirklich sehr gute, spannend erzählte Krimireihe mit vielen überraschenden
Wendungen und einem Protagonisten, mit dem man richtig gut mitfiebern,
zuweilen auch mitleiden kann, denn Harry ist trotz seiner Ermittlungserfolge kein
blütenreiner Superheld: Unter Kollegen gilt er als eigensinnig, besessen,
arrogant, reizbar und instabil. Vor allem aber ist er eines: Ein Alkoholiker, der
immer wieder in seine Sucht verfällt und dadurch nicht nur sich und sein
persönliches Glück, sondern auch das anderer zerstört.
Um seine Fälle zu lösen, schreckt er vor fast nichts zurück und gefährdet
dadurch auch schon mal das Leben Unschuldiger – eine der Facetten seines Charakters,
der im Grunde nur das Gute will: Mordfälle lösen und Mörder unschädlich machen –
neben dem Alkohol seine zweite Sucht oder seine „zweite Geliebte“.

Während seine beiden ersten Fälle noch in Sydney bzw. Bangkok spielen,
st in den folgenden Bänden Oslo Schauplatz der Geschichte, die Stadt, in der Harry
lebt und als Ermittler arbeitet. Zwar stehen die verwickelten, oft blutrünstigen
Mordfälle stets im Vordergrund, doch gewinnt man von Buch zu Buch auch zusehends
mehr Einblicke in Harrys Persönlichkeit, seine Lebensumstände und seine
(dritte) große Liebe Rakel, ohne dass dieses Element überhandnimmt.

Mich haben die Fälle jedenfalls ziemlich gefesselt und es fiel mir stets schwer,
ein einmal zu Lesen begonnenes Buch wiede beiseite zu legen, bevor die
Auflösung erreicht war. Somit kann ich für diese Reihe nur eine große Empfehlung abgeben!

Man kann die einzelnen Bücher zwar auch unabhängig von der Reihenfolge lesen,
aber dazu würde ich nicht raten -

Hier die Bände in der richtigen Reihenfolge (1997 – 2022):

Band 1: Der Fledermausmann (engl.: The Bat)
Band 2: Kakerlaken (engl.: Cockroaches)
Band 3: Rotkehlchen (engl.: The Redbreast)
Band 4: Die Fährte (engl.: Nemesis)
Band 5: Das fünfte Zeichen (engl.: The Devil's Star)
Band 6: Der Erlöser (engl.: The Redeemer)
Band 7: Schneemann (engl.: The Snowman)
Band 8: Leopard (engl.: The Leopard)
Band 9: Die Larve (engl.: Phantom)
Band 10: Koma (engl.: Police)
Band 11: Durst (engl.: The Thirst)
Band 12: Messer (engl.: Knife)
Band 13: Blutmond (engl.: Killing Moon)


Seit März 2006 gibt es übrigens auch die Netflix-Serie "Harry Hole"!
In 9 Folgen wird die Story des 5. Buches erzählt.
Mir hat die Serie gut gefallen, insbesondere den Hauptdarsteller fand ich
für den Charakter des Harry sehr gut gewählt.
Ich denke mal, dies wird nicht die letzte Staffel bleiben!

 

 

 

 

 

 

 

Der deutsche Titel ist etwas irreführend, denn zwar geht es in der Rahmenhandlung
dieses Romans um die Liebe zu einer jungen Frau in Genua, aber mehr noch um die
Liebe zu der Stadt selbst aus der Sicht eines Neuankömmlings.
Der Originaltitel "La Superba" ("die Stolze") trifft es da einerseits etwas
genauer, denn "La Superba" ist Genuas Beiname, andererseits kann damit aber
auch gleichsam wieder besagtes Mädchen gemeint sein.

Der Ich-Erzähler und Neuankömmling ist der Autor selbst bzw. dessen alter Ego.
Frisch in seiner neuen Wahlheimat angekommen lässt er sich zu jeder Tages-
und Nachtzeit durch die Altstadtgassen treiben, verbringt Tage und Nächte in Cafés und Bars.
Durch die Beobachtung der Menschen und dem Leben um sich herum lernt er
die Stadt und ihre Bewohner kennen und lieben und macht dabei zahlreiche,
teilweise auch etwas skurrile Bekanntschaften, u.a. natürlich mit dem
für ihn schönsten Mädchen von Genua, einer Kellnerin in einem seiner
Stammlokale, aber auch mit Raschid, dem aus Marokko geflüchteten
Rosenverkäufer, der zu intelligent zum Rosenverkaufen ist, einem
englischen Säufer und Geschichtenerzähler, einer Kartenleserin,
einem Transvestiten, einem Geisterbeschwörer, sogar mit einer
Geistererscheinung, und mit Djibi, einem Flüchtling aus dem Senegal.

Gerade am Beispiel der afrikanischen Flüchtlinge wird deutlich, wie sehr sich
die Beweggründe für eine Flucht oder Auswanderung schon immer geglichen haben -
und wie gegensätzlich dazu die Motivation des Protagonisten war, seiner
niederländischen Heimat den Rücken zu kehren. Am anschaulichsten in diesem
Kontext ist das Kapitel, das allein Djibi und seiner
Flucht aus dem Senegal gewidmet ist.

Je tiefer der Erzähler in seine neue Welt vordringt, desto mehr verliert er
sich auf seinen einsamen Streifzügen nicht nur im Labyrinth der
Altstadtgassen, sondern auch in seiner Phantasie, so dass manchmal weder er
noch der Leser genau zwischen dieser und der Realität zu unterscheiden vermag ...

Neben Djibis Geschichte gefällt mir insbesondere die Episode um den geplanten
Kauf eines kleinen Theaters in der Altstadt.
Und doch ... ein paar Punkte gibt es dennoch, die einen Schatten
auf das Ganze werfen:
So zum Beispiel das Kapitel um den Säufer Don. Das war für mich
äußerst uninteressant und überflüssig - ich habe es zunächst
quasi übersprungen und am Schluss erst gelesen.
Fazit: Darauf hätte verzichtet werden können.
Ebenso die Tatsache, dass der Autor sich insgesamt in zu viele Themen verliert
und dazu alles gerne noch mit seiner eigenen Meinung garniert.
Dies ist zwar meist unterhaltsam geschrieben, aber stellenweise wird es
dann doch zu viel und die Anekdote bzw. die Phantasien um ein amputiertes Bein
sind nicht nur sehr schräg und bizarr, sondern völlig daneben.
Auch wenn es um Sex und um seine Gedanken in Bezug auf Frauen geht fragt man
sich teilweise schon, was das soll, zumal sich bei Ersterem vorzugsweise
einer recht ordinäreren Sprache bedient wird.
Man kann nur hoffen, dass der Protagonist wirklich nur eine Romanfigur
bzw. ein Alter Ego ist und nicht der Autor selbst ...;-)

Warum ich das Buch trotzdem gern gelesen habe?
Tja, es ist wohl die Liebe des Autors zum Erzählen und Fabulieren,
das macht er nämlich wirklich ausgesprochen gut.
Vor allem auch lesenswert für Genua Kenner oder –Interessierte.

 

 

 

 

 

 

 

"Grand Hotel Europa" ist ein komplexer Roman, dessen Haupterzählfaden der
Rückblick auf eine Liebesgeschichte ist, die gespickt ist mit Gedanken zur Lage Europas
zwischen Vergangenheit und Zukunft, zu Flüchtlings- und Tourismusströmen
und zum Thema Reisen und Tourismus an sich.

Erzählt wird die Geschichte eines alternden Schriftstellers, Ilja Leonard Pfeijffer
bzw. dessen Alter Ego, der sich auf unbestimmte Zeit in das einst mondäne,
mittlerweile jedoch etwas heruntergekommene "Grand Hotel Europa" (als Sinnbild des Kontinents)
einmietet, um dort sowohl emotional als auch literarisch das Ende
einer Liebesbeziehung aufzuarbeiten. Hier trifft er u.a. auf den jungen, afrikanischen
Hotelpagen Abdul, der nicht gerne über Vergangenheit spricht und seine eigene
lieber vergessen möchte. Für ihn als ehemaligen Flüchtling ist die Zukunft wichtiger.
Ebenso für den neuen chinesischen Investor, der das Grand Hotel Europa aufgekauft hat
und nun zukunftsfit machen will, sprich: Attraktiv für Touristen.
Diese Zielgruppe wiederum kommt wegen Europas großartiger Vergangenheit.
Und was macht Europa zwischen erdrückender Vergangenheit und ungewisser Zukunft? -
Es vermarktet seine Vergangenheit wie eine Museums-Attraktion,
der Massentourismus und die Zerstörung des Authentischen beginnt.

In einer Mischung aus romanhaftem Erzählen, wohl ausformulierten Dialogen und
essayartigen Passagen widmet Pfeijffer sich stilvoll und intellektuell den o.g. Themen
wie in einem ins 21. Jahrhundert katapultierten "Zauberberg".
Interessant, gerade für Liebhaber des Reisens, sind die Beschreibungen und Gedanken
zum Themenkomplex Urlaub/Reisen/Tourismus.
Auch wenn ich nicht allen Thesen diesbezüglich zustimmen kann (oder vielleicht
gerade deswegen) bieten diese doch reichhaltig Diskussionsstoff.
Zur Veranschaulichung seien hier kurz zwei Beispiele exemplarisch zitiert,
ohne dass ich diese jetzt kommentiere:

<<..."Eines muss man bei Reisen, so wie wir sie machen, unbedingt ablegen,
und das ist: zu urteilen
...">> (S. 214),
sagt zum Beispiel ein Weltreisender im Zusammenhang mit einem krassen Erlebnis in Pakistan.

**

<<"Glauben Sie, dass Reisen den Horizont erweitert?"
"Ich glaube, dass Nachdenken den Horizont erweitert."
"Hilft Reisen beim Nachdenken?"
"Wohl ähnlich, wie eine Flucht bei der Lösung von Problemen hilft ..." ... (S. 234)
... "Ich kann nur meine Überzeugung wiederholen, dass Nachdenken den Horizont erweitert,
während das Reisen das Nachdenken eher behindert als anregt.
"...>> (S. 238)

**

Dabei verstrickt sich der Ich-Erzähler augenzwinkernd auch selbst in Kontroversen,
z.B. als er (auf S. 278) nach seinem peinlichen Besuch eines Slum-Viertels in Skopje zu dem
Schluss gelangt: "Ich musste endlich damit aufhören, ein Anstoß erregender Tourist
zu sein, und wieder dazu übergehen, an den Touristen Abstoß zu nehmen. Ich musste endlich nach Hause
."
Nicht viele Buchseiten weiter (S. 305) macht er sich darüber Gedanken, dass er für die
Verlängerung seiner Goldkarte von Alitalia dringend weitere Flugmeilen benötigt.

Als konkrete Beispiele einer völligen Auslieferung an den Tourismus, einhergehend mi
dem Verlust der eigenen Identität, werden vor allem Venedig, aber auch Amsterdam,
Giethoorn und Cinque Terre beschrieben, die zunehmend ihre eigene Bevölkerung verlieren
und zum Freilichtmuseum bzw. touristischen Freizeitpark mutieren.

Ach ja, und dann ist ja auch noch die Liebesgeschichte, auf die der Schriftsteller im
Grand Hotel Europa zurückblickt, die im wenn schon noch nicht in der Lagune, dafür aber längst
im Massentourismus ertrunkenen Venedig spielt.
Doch auch hier geht es nicht nur um seine Liebe zur Kunsthistorikerin Clio,
sondern auch um die Liebe zur Geschichte und zur Kunst, und ja - Sex darf natürlich auch
nicht fehlen. Hätte zwar im Kontext des Romans nicht bzw. nicht in dieser Deutlichkeit
sein müssen, aber das kann nur der Autor selbst beantworten.
Wenn dies seine Fantasien sind, hm .... ;-)

Letztendlich laufen am Ende alle Fäden zusammen und ich kann nur sagen:
Ein sehr gekonnt erzählter Roman mit vielen schönen und intelligenten Formulierungen
und etlichen Denk- und Diskussionsanstößen, die in all ihrer Ernsthaftigkeit immer wieder
von einem aufblitzenden genialen Humor, einem Augenzwinkern und einer guten Portion Selbstironie
durchbrochen werden. Von mir eine absolute Lese-Empfehlung!

 

 

 

 

Evie Woods:

The Story Collector /

Die Geschichtensammlerin

 

 
 

 

Mystisch-märchenhaftes Irland einst und heute

Dies ist das erste Buch, dass ich von Evie Woods gelesen habe –
und ich bin etwas hin- und hergerissen:
Zu romantisch, zu trivial (für mich) ...? - Aber dann doch wieder nicht?
Hmm, schwer zu sagen ...
Aber gelesen habe ich es in einem Schwung! :-D

Der auch im englischsprachigen Original leicht zu lesende Roman spielt in Irland
und eignet sich damit hervorragend als Reiselektüre, wenn man gerade dort
unterwegs sein sollte (aber natürlich liest er sich auch überall anderswo genauso gut).

Im Vordergrund stehen zwei Frauen aus unterschiedlichen Epochen (1911 und 2011)
und zwei Liebesgeschichten in zwei Zeitebenen, beides miteinander verbunden
durch die Märchen- und Sagenwelt Irlands.

Die New Yorkerin Sarah Harper fliegt in einer Schnapslaune kurzentschlossen über
Weihnachten nicht zu ihrer Familie nach Boston, sondern nach Irland, dem Land
ihrer Vorfahren, wo sie niemanden kennt. Auf einem Landgut findet sie
eine Unterkunft und es wird schnell klar, dass sie vor etwas davonläuft,
das sie noch nicht wirklich verarbeitet hat.
Als sie zufällig ein hundert Jahre altes Tagebuch der Bauerntochter Anna Butler
findet, die einst hier lebte, gerät sie sofort in den Bann des darin Erzählten:
Wie einst ein amerikanischer Wissenschaftler auftauchte, um die irischen Märchen
und Sagen zu erforschen, und Anna dessen Assistentin wurde, um ihn den Menschen in
der ländlichen Gegend vorzustellen und ihre Geschichten für ihn aus dem
Irischen ins Englische zu übersetzen. Diese märchenhaften, bisweilen mystischen
Geschichten und Einlagen und ihr Verweben mit der Realität haben mir beim
Lesen sehr gut gefallen und letztlich machen sie die Erzählung auch aus.
Vor allem, wie sie auch in Sarahs Leben einzugreifen scheinen … – oder doch nicht …?

Ok, bei den Liebesgeschichten denkt man: Vorhersehbar. – Dann aber doch nicht so ganz.
Und der Schlusssatz ist eine weitere märchenhafte Wendung.
Lediglich der Anfang der Geschichte gefällt mir nicht so ganz:
Wie spontan kann man statt nach Boston nach Irland fliegen, wenn man schon am
New Yorker Flughafen ist? Und das ohne EU-Visum?
Aber gut, vielleicht waren ja auch da schon die Feen im Spiel … ;-)

Die deutsche Übersetzung des sprachlich sehr einfachen Buchtitels finde ich
leider misslungen: Hier hätte man nicht gendern sollen, sondern die männliche Form
wählen müssen, denn es ist keine der weiblichen Protagonistinnen des Romans,
die Geschichten sammelt, sondern – Gott bewahre! – ein Mann.

Fazit: Eine liebenswerte, märchenhafte Geschichte aus Irland um
Liebe und den Glauben an die Magie.

 

 

 

 

Evie Woods:

The lost Bookshop /

Der verschwundene Buchladen

 

 
 

 

"In a place called Lost, strange things are found" /
"An einem Ort namens Verloren werden seltsame Dinge gefunden"


Nach dem „Story Collector“ (der „Geschichtensammlerin“) war dies der zweite Roman,
den ich von Evie Woods gelesen habe.
Die Handlung ist auch hier ein Mix aus Realität, Magie und Liebesroman
und spielt wieder in zwei Epochen.
Handlungsorte sind vor allem Irland, aber auch England und Paris.

Hauptfiguren sind Opaline, Martha und Henry, deren Geschichten durch einen
verschwundenen Buchladen miteinander verbunden sind und jeweils
aus der Ich-Perspektive erzählt werden:

Opalines Geschichte beginnt 1921 in England, wo sie in jungen Jahren
zwangsverheiratet werden soll. Doch Opaline möchte ein selbstbestimmtes Leben
führen und ihre eigenen Träume leben.
So flieht sie zunächst nach Paris, wo sie in dem kleinen Buchladen
„Shakespeare and Company“ (den es dort übrigens auch heute noch gibt) arbeiten
und ihrer großen Leidenschaft, dem Lesen und Entdecken von Büchern,
nachgehen kann. Doch ihre Reise wird hier gezwungenermaßen nicht zu Ende sein …

Auch Martha, deren Geschichte in der Gegenwart spielt, ist vor etwas in
ihrer Heimat, der irischen Westküste, geflohen und möchte ein neues,
selbstbestimmtes Leben aufbauen. In Dublin findet sie Unterkunft und eine
Anstellung als Haushälterin bei der rätselhaften Madame Bowden.
Allmählich merkt Martha, dass sowohl mit der Madame als auch mit dem
alten Haus selbst nicht alles mit rechten Dingen zuzugehen scheint.
Derweil wird sie nach wie vor von ihrer Vergangenheit verfolgt (im wahrsten
Sinn des Wortes) und ihr wird zunehmend klar, dass sie sich dieser stellen muss,
um einem wirklichen Neuanfang eine Chance zu geben.

Und schließlich ist da noch Henry, ein Doktorand aus England, der seltene
Bücher sammelt und aktuell in Dublin auf der Suche nach einem verschollenen,
möglicherweise aber auch gar nicht existierenden Buch-Manuskript der Autorin
Emily Brontë ist, das er in einem verschwundenen Buchladen vermutet,
der sich eigentlich genau neben dem Haus der Madame Bowden befinden müsste.
So kreuzen sich die Wege von Martha und Henry und klar – man verliebt sich …
Doch vor allem müssen noch einige Rätsel sowohl aus der Vergangenheit
als auch aus der Gegenwart gelöst werden …

Auch bei diesem Buch gefällt mir wieder die Mischung aus Realität und Magie
auf zwei Zeitebenen. Dazu insbesondere die spannenden bis tragischen
Lebensgeschichten von Opaline und Martha. Allein die Liebesgeschichte ist mir
ein wenig zu trivial und vorhersehbar gehalten, aber egal.
Dennoch hat mich das Buch gefesselt, denn ich habe es in Windeseile gelesen.
Wahrscheinlich ist es Evie Woods‘ flüssiger Erzählstil, der den Roman
zum Pageturner macht - und natürlich möchte man auch wissen, was jetzt mit
dem verschollenen Manuskript ist, was es mit dem verschwundenen Buchladen
auf sich hat und wie es mit den Protagonisten weitergeht.
Das Ende wird mir dann etwas zu schnell abgehandelt und das Mysterium des
Buchladens erschließt sich mir nicht ganz, aber das mag natürlich auch
in der Natur der Sache liegen - Magie eben. ;-)

Fazit: Der „Stotyteller“ hat mir zwar besser gefallen,
aber auch diesen Roman der Autorin kann ich empfehlen,
vor allem wenn man Bücher bzw. Literatur liebt,
um die sich letztendlich alles dreht.

 

 

 

  Evie Woods:

The Violin Maker's Secret /

Das Geheimnis des Geigenbauers 

 

 
 

 

Eine magische Geige verbindet die Schicksale drei einsamer Menschen

Eines Tages taucht im Fundbüro des Flughafens Heathrow eine mystische,
alte Geige auf und verbindet im Lauf der Geschichte drei grundverschiedene
Menschen miteinander: Den Finder und Flughafenangestellten Luke Devlin,
dessen ehemaligen Geschichtslehrer Walter und die Geigenexpertin Gabrielle.
Alle drei fühlen sich sofort von dem schönen, alten Instrument, von dem
eine magische Anziehung auszugehen scheint, in den Bann gezogen und so
versuchen sie gemeinsam, dessen Herkunft und wahren Erschaffer zu ergründen.
Doch schnell wird klar: Bei der Geige handelt es sich um wertvolles
Diebesgut und es steht zu befürchten, dass sich die Täter ihre
verlorengegangene Beute zurückholen wollen,
was sich auch schon bald bewahrheiten soll.

Neben den detektivischen Ermittlungen der drei Protagonisten erzählt die Autorin
in Rückblenden, wie das Instrument im 19. Jahrhundert aus einer großen,
magischen Liebe heraus entstand und anschließend quer durch Europa von Hand
zu Hand reiste. Dabei lässt sie die Geige auch selbst aus ihrer Perspektive
zu Wort kommen, denn: Es ist eine mystische Geige, der eine Seele,
eine magische Stimme aus der Vergangenheit innewohnt,
welche die Schicksale ihrer Besitzer verändern kann …

Auch in diesem Roman verwendet Evie Woods gekonnt die von ihr gewohnten Zutaten
für eine gelungene und erfolgreiche Erzählung: Bewegende Schicksale,
etwas Geheimnisvolles, eine gute Prise Magie, eine Suche, ein paar kritische
Einwürfe (Frauenrechte) und natürlich eine Liebesgeschichte.
Das alles ist wie immer schön, teilweise auch sehr schön poetisch geschrieben
(zum Beispiel über die Geige: „…gebaut aus Vogelgesang und Versprechen …“),
auf keinen Fall langweilig, nur ist die Love Story wie immer von Beginn an
vorhersehbar. - Ist aber nicht schlimm, denn es geht ja um viel mehr.
Und es gibt durchaus ein paar Wendungen, die nicht vorhersehbar sind.
Das Ende hat mir dann auch sehr gut gefallen,
besonders im Hinblick auf die Geige.

Fazit:
Wieder mal ist Evie Woods ein schöner, leicht zu lesender Roman gelungen,
insbesondere für alle Romantiker, Fans von Detektivgeschichten
und Liebhaber klassischer Musik.
Dies war der 4. Roman, den ich von ihr gelesen habe, in meinem persönlichen
Ranking würde ich ihn auf Rang 3 setzen nach dem „Geschichtenerzähler“ (1)
und dem „Buchladen“ (2). „Die geheimnisvolle Bäckerei in der Rue de Paris“
habe ich zwar ebenfalls gelesen, allerdings fand ich diesen dritten Roman
etwas schwächer, darum habe ich ihn hier auch nicht explizit vorgestellt –
was natürlich nicht heißen soll, dass man ihn nicht auch lesen könnte.

 

 

 

 

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