Buchtipps Europa:
Deutschland, Österreich

 

 

 

 

 

 

 

Rebekka Frank:

 Stromlinien

 

 

 
 

"... Und immer war die Elbe da, verband uns, hielt uns trotz allem zusammen, ließ niemanden von uns los …"

Genre:
Spannende Mischung aus Coming-of-Age-Roman, Krimi und Familiendrama,
eingebettet in die faszinierende Natur der Elbmarschen.

Kernthemen:
Verlust, Schuld, Buße, Verbundenheit mit der Natur und was man bereit ist,
für diejenigen zu tun, die man liebt.


Kurzinhalt:
Die siebzehnjährigen Zwillingsschwestern Enna und Jale leben mit ihrer Großmutter Ehmi in den Elbmarschen
und zählen die Tage bis zur Haftentlassung ihrer Mutter Alea.
Doch als es endlich so weit ist, überstürzen sich die Ereignisse:
Jale ist plötzlich verschwunden
und auch von Alea fehlt jede Spur; am selben Morgen ertrinkt ein Mann bei einem Bootsunglück in der Elbe.
Die Polizei verdächtigt Alea und fahndet nach ihr, während Suchtrupps an der Elbe nach Jale suchen.
Auch Enna begibt sich auf die Suche und stößt dabei auf einen Strom von Familiengeheimnissen,
die bis ins Jahr 1923 zurückführen …

Fazit:
Ich fand das Buch sehr mitreißend und schön geschrieben, insbesondere die Naturbeschreibungen des Elbmarschlands,
die so eindrücklich sind, dass man direkt Lust bekommt, die Flusslandschaft des Altern Landes an der Elbe selbst zu erkunden.
Dabei erinnern die "Elbmädchen" und die bildhaften Naturbeschreibungen ein wenig an das "Marschmädchen"
in "Der Gesang der Flusskrebse" von Delia Owens, auch wenn die Geschichten selbst unterschiedlich sind.
Die Story ist spannend und vielschichtig, die Charaktere sind gut gezeichnet - insgesamt ein sehr gutes Buch,
insbesondere als Jugendroman bzw. für junge Frauen empfehlenswert.
Interessant ist auch das ausführliche Nachwort der Autorin, da sie in den Roman auch tatsächlich
geschehene Ereignisse (von denen ich mich an eines noch aus frühester Kindheit erinnere)
und reale Orte eingebettet hat.

Ein kleiner Kritikpunkt:
Sehr bzw. etwas zu viele Zeitsprünge, selbst innerhalb eines Jahres.
Jetzt kann man vielleicht sagen, dieses zeitliche hin und her ist nicht nur dramaturgisch wichtig,
sondern spiegelt auch künstlerisch das Auf und Ab von Ebbe und Flut der Elbe wieder o.ä.
Zumindest Letzteres ginge mir aber zu weit, denn es ist schon etwas störend.
Dramaturgisch - ok, wegen der Cliffhanger. Aber braucht es gar so viele?
Ach ja, und vielleicht noch die zum verwechseln ähnlichen und für mich teilweise
seltsamen klingenden Vornamen der Protagonistinnen, die
vorzugsweise mit "A" oder "E" beginnen: Ehmi, Enna, Jale, Ayla, Alea, Elani -
ich hab sie ein paarmal durcheinandergebracht. @_@

Nebenbei interessant:
Genau zur selben Zeit, im Frühjahr 2025, erschien ein Roman mit einem ähnlichen Titel,
in dem die Elbe ebenfalls einen zentralen Platz einnimmt: "Flusslinien" von Katharina Hagena.
Von diesem war ich leider ziemlich enttäuscht, obwohl ich die früheren Bücher dieser Autorin sehr gut finde.
Schade, aber es hat mich einfach nicht überzeugt, auch wenn es darin ebenfalls schöne Sätze
und Formulierungen gibt (wie immer bei dieser Autorin). Jedoch finde ich "Stromlinien" bedeutend besser,
in sich runder und abgeschlossener und vor allem auch spannend (was den "Flusslinien" völlig abgeht).
Dennoch ein interessanter Zufall.

 

 

 

Katharina Hagena:

Das Geräusch des Lichts

 

 

 

 

 

 

 

Da mir der Roman „Der Geschmack von Apfelkernen“ der Autorin so gut gefallen hatte,
war ich nun gespannt auf diesen.

Die Handlung:

Fünf Menschen sitzen im Wartezimmer eines Nervenarztes, darunter eine Frau,
die sich das Warten dadurch verkürzt, dass sie in ihrem Kopf die Lebensgeschichten
der Mitwartenden erfindet, auch ihre eigene, und diese geschickt
und fantasievoll miteinander verwebt.

Da ist zum Beispiel die Moosforscherin Daphne, die in Yellowknife in Kanada
nicht nur nach Moosarten sucht, sondern auch nach ihrer verschollenen Forschungskollegin,
die auf der Suche nach winzigen Bärtierchen war;
Oder der Musiker, der für seine verstorbene Frau, die in Kanada ein vor ihm
verborgenes Leben als Klangkünstlerin geführt hatte,
in Yellowknife auf das Geräusch des Nordlichts wartet;

Und im zentralen Teil des Romans der Junge, der sich zur Verarbeitung des tragischen
Todes seiner Mutter und seiner Halbschwester eine phantastische Erklärung um deren Flucht
zum Planeten Tschu ausgedacht hat, welche er zum Leidwesen seines Vaters hartnäckig verfolgt.

Dabei taucht immer wieder ein Element auf, das die eine Geschichte mit der anderen verbindet –
ein kleiner Faden, wie die winzigen Rhizome eines Mooses.
Was alle Geschichten verbindet ist Kanada, das Nordlicht, der Verlust eines oder
mehrerer Menschen (stets Frauen), Autounglücke im weitesten Sinne.
Klingt vielleicht alles etwas merkwürdig. Ist es auch. Aber die Geschichten sind wunderbar
und fesselnd erzählt, so schön formuliert, mit intelligenten Wortspielereien gespickt und mit
so viel Fantasie geschrieben, dass man einfach immer weiterlesen möchte (zumindest ich).
Am besten gefällt mir die traurige und doch auch erheiternde Geschichte des Jungen und
seine Theorie über die Flucht seiner Mutter und seiner Halbschwester zum imaginären Planeten Tschu.
In jedem Kanaldeckel, hinter jeder Art von Gitter wittert er einen Weg zu dem
geheimnisvollen Planeten. Die Suche nach den beiden führt ihn und seinen
Vater über Berlin und New York bis nach – Yellowknife, Kanada. Natürlich. ;-)

 

 

 
 

Katharina Hagena:

Der Geschmack von Apfelkernen

(engl.: The taste of apple seeds)

 
 

 

Familienromane sind eigentlich weniger mein Ding – in diesem Fall aber schon,
zumal es sich hier nicht um eine dicke Saga handelt, sondern um eine „schlanke“ Erzählung!
Vielleicht ist die Bezeichnung „Familienroman“ hier auch irreführend, denn vielmehr
geht es in diesem Roman auch um das Sich-Erinnern und das Vergessen - und die eine oder andere kleine
Liebesgeschichte ist auch noch dabei. Vor allem gefällt mir der ruhige Erzählstil bzw. wie es der
Autorin gelingt, immer wieder schöne Vergleiche und Formulierungen zu finden.

Zur Handlung:

Iris ist zur Beerdigung ihrer Großmutter Bertha in das norddeutsche Heimatdorf ihrer
Mutter gereist. Hier hat sie einst als Kind zahlreiche unvergessliche Sommer zusammen mit ihren
Großeltern und Tanten, ihrer Cousine Rosmarie und deren Freundin Mira verbracht.
Bei der Testamentsverkündigung ist Iris überrascht, dass die Großmutter ausgerechnet ihr,
der einzigen noch lebenden Enkeltochter, das alte Haus vererbt hat.
Um in Ruhe zu überlegen, was sie mit diesem Erbe anfangen soll, nimmt sie sich ein paar Urlaubstage
mehr als geplant und zieht in das Haus, stöbert durch die altbekannten Zimmer,
den verwilderten Garten, schwimmt wie einst im Moorsee und wirft sich in die schicken Kleider
ihrer Mutter und Tanten aus den alten Kleidertruhen. Von ihren Erinnerungen getragen wird sie
zur gedanklichen Zeitreisenden zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die immer wieder
auf Lücken und ihr eigenes Vergessen stößt.

Was war damals im Krieg mit Großvater Hinnerk?
Warum ist Berthas Schwester Anna an Lungenentzündung gestorben?
Welches Geheimnis hat Bertha bis zuletzt bewahrt?
Wer hat welche Apfelsorte am liebsten gegessen? Wie kam es zu Rosmaries tragischem Tod und
was ist aus Mira und ihrem jüngerem Bruder Max geworden?
Zumindest letztere Frage klärt sich schnell: Er ist Anwalt geworden und mit Berthas Erbschaftsangelegenheit
betraut. Und eigentlich ist er auch gar nicht mehr "die kleine Niete" aus Iris‘ Erinnerung …

Ich habe dieses Buch bereits mehrmals super gern gelesen – es liegt wohl wie eingangs erwähnt einfach
an der schönen Art, wie es geschrieben ist. Ich hab mich einfach wohlgefühlt in dieser Geschichte –
oder eigentlich in den vielen kleinen Geschichten dieser drei Familiengenerationen.
Und eigentlich ist es auch leicht zu lesen - aber ich muss gestehen:
Mit den Namen und Verwandtschaftsbeziehungen tat ich mich schwer, darum habe ich mir selbst einen
Stammbaum aufgezeichnet, der mir beim Lesen eine gute Hilfe war. ;-)
Ok, das Ende … vorhersehbar, aber egal.
Ich les wohl sonst zu viele Bücher mit offenem oder weniger gutem Ende,
so dass ich ein Happy End gar nicht mehr gewohnt bin und auch mal schön finde. :-D


 

 

 

 

Katharina Hagena:

Vom Schlafen und Verschwinden

 

 

 

 

 

 

In einer schlaflosen Nacht in ihrer Hamburger Wohnung rollt die Schlafforscherin
und Haupterzählerin Ellen rückblickend ihre bisherige Lebensgeschichte auf.
Sie erzählt von ihrer Kindheit und Jugend in einem kleinen badischen Dorf,
ihrer darauffolgenden Zeit in Irland, von ihren Lieben und ihren Verlorenen:
von ihrer Mutter, die am Ende nur noch schlief; ihrem Vater, der einen Chor gründete,
um den schweren Schlaf herbeizusingen; ihrem Jugendfreund Andreas, der nicht mehr
spricht, aber mitsingt; von Lutz, der spurlos verschwand; von ihrer Tochter Orla,
die Windharfen bastelt, und von ihrem Liebhaber Benno,
der im Wald ein Stück Vergangenheit sucht.

Dabei wird Ellens Erzählung immer kurz unterbrochen von kursiv gedruckten Einträgen
aus dem Chortagebuch, das von der geheimnisvollen Marthe geführt wird, von der
nur einer weiß, wer sie wirklich ist.
Marthe, die durch die Rheinauen wandelt, die Graureiher beobachtet, die gleichfalls sucht.
Im Verlauf der Erzählung wird alles allmählich klar und mit dem Ende kommt heraus,
welche Tragödie sich tatsächlich abgespielt hat.

Eine virtuos geschriebene, intensive Geschichte - poetisch, märchenhaft,
geheimnisvoll und spannend mit überraschendem Ende.

 

 

 

Werner Köhler:

 Cookys

 

 

 

Die rückblickend erzählte Geschichte des Ich-Erzählers Gerd Krüger
alias Cooky beschreibt anschaulich und stimmungsvoll dessen
Entwicklung vom naiven Jungen vom Land über den unsicheren
Jugendlichen bis hin zum jungen, erfolgreichen Leiter des
Spitzenrestaurants „Cooky's". Dabei zieht sich die
Leidenschaft für das Kochen wie ein roter Faden durch
sein Leben. Während er sein Kochtalent in jungen Jahren
zunächst vor allem als Mittel einsetzt, um Frauen für sich
zu gewinnen (um dadurch seine Unsicherheit im Ungang mit ihnen
zu kaschieren), verhilft ihm dieses später zu seinem beruflichen Erfolg.

Die hauptsächlich in Aachen spielende Erzählung beginnt vor dem
Hintergrund, dass das Restaurant inzwischen zwar ordentlich boomt,
es in Cookys privatem Bereich, sprich: in Bezug auf Frauen,
zu seinem Leidwesen jedoch seit geraumer Zeit eher mau aussieht -
ein Manko, dass er durch die nahezu ausschließliche
Konzentration auf seine Arbeit auszugleichen versucht.
Jäh aus seinem Trott heraus gerissen wird er durch ein denkbar
rauriges Ereignis: Den plötzlichen Tod eines guten Freundes.
Im Lauf der darauf folgenden Rückblenden in die 70er- und 80er-
Jahre erfährt der Leser anhand Cookys persönlicher Erinnerungen
nicht nur von dessen Entwicklung hin zu dem Menschen, der er
jetzt ist, sondern auch mehr über die Person des Verstorbenen und
den Hintergründen, die zu dessen Tod führten, sowie über die
damaligen Schulfreunde, die durch das Restaurant noch bis in die
Gegenwart miteinander verbunden sind Dazwischen wird stets viel
und lecker gekocht, so dass man beim Lesen geradezu
Appetit auf Cookys Gerichte bekommt.

Ein sehr schönes, stellenweise auch trauriges Buch über das Jungsein,
die Liebe, Freundschaft und Zusammenhalt.

 

 

 

 

 

 

    Volker Kutscher:
Die Gereon-Rath-Krimireihe

 

 

 

 

 

Erst durch die TV-Serie „Babylon Berlin“, die ich sehr verspätet für mich entdeckt habe,
bin ich auf die zugrundeliegende Krimi-Buchreihe von Volker Kutscher gestoßen.
Tja, und was dann passierte, hatte ich noch nie:
In Windeseile habe ich mich durch die acht (!) Bände gelesen (und inzwischen auch den
letzten 10. Band), konnte kaum aufhören, da der Spannungsbogen zwischen den Kapiteln
nie abreisst und sich die komplexen Handlungsstränge immer wieder
in überraschende Richtungen entwickeln.

Da ich die 3 Serien-Staffeln ja bereits kannte, überraschte mich der erste Band
"Der nasse Fisch" vor allem dahingehend, dass er in vielem sehr anders ist als die TV-Serie,
die mit Zustimmung des Autors viel freie Hand in der filmischen Umsetzung hatte und
diese auch genutzt hat (und dies hervorragend - aber das ist ein anderes Thema).

Also, ich kann es vorweg sagen: Wer die TV-Serie kennt, muss nicht befürchten,
die Bücher erzählten 1:1 dieselbe Geschichte. Mitnichten.
So gibt es auch einige Charaktere nur im Film, manche nur im Buch, manche sind
im Roman lediglich Randfiguren oder heißen anders etc.

Ich möchte hier keine Inhaltsangabe aller Bände liefern - das führte zu weit
und das kann man auch anderswo nachlesen.
Darum hier jetzt einfach etwas von mir zum Einstieg in die Buchreihe:

Die Bücher beginnen in den Jahren ab 1929 in der Weimarer Republik und setzen sich
jährlich fort bis 1938. Und ja, wir wissen heute, wohin die politische Entwicklung führte,
die Protagonisten jedoch nicht. Sie leben in ihrer Gegenwart, können lediglich mutmaßen,
glauben und hoffen, das Richtige zu tun, an das Richtige zu glauben -
genau so wie wir heute auch …


Band 1: Der nasse Fisch

Die Hauptfigur, Kriminalkommissar Gereon Rath, wurde infolge eines tödlich verlaufenen
Polizeieinsatzes mit Hilfe des Einflusses seines Vaters von Köln nach Berlin versetzt.
Dort ist er zwar zunächst lediglich der „Sitte“ unterstellt, möchte aber um jeden
Preis wieder für die Mordkommission arbeiten. So ermittelt er neben seiner normalen
Arbeit dann erstmal heimlich „nebenbei“, also ohne dienstliche Befugnis,
auf eigene Faust im Fall eines Leichenfunds im Landwehrkanal, der sich zu einem
äußerst komplexen Kriminalfall entwickelt, stößt Rath im Verlauf seiner Ermittlungen
doch auf Verbindungen zu umstürzlerischen Exilrussen, Waffenschmuggel entgegen der
Versailler Verträge, zum organisiertem Verbrechen und einem mysteriösen Goldschmuggel.
Dabei verliebt er sich in die Stenotypistin Charly aus der Mordkommission
und nutzt deren Insiderwissen für seine geheimen Ermittlungen, bei denen er sich
in die kriminellen Machenschaften der Berliner Unterwelt verstricken lässt.
Schließlich muss er sich fragen, was ihm wichtiger ist:
Seine berufliche Karriere, die Wahrheit oder seine Liebe zu Charly …

Was Band 1 der Krimi-Reihe ausmacht, gilt ebenso, wenn nicht noch mehr,
für die folgenden Bände:
Die Story ist sehr gut und spannend erzählt, intelligent, komplex und gekonnt
eingebettet in den geschichtlichen Kontext. Einige Personen wie z.B. den Leiter der
Berliner Mordinspektion, Ernst Gennat („Der Buddha“) oder den
Kellner Bayume Mohamed Husen (im 4. Fall) gab es tatsächlich.

Die Hauptfigur Gereon Rath ist weder im Polizeialltag noch privat ein perfekter Held,
sondern hat durchaus Schwächen und Macken, die ihn als Charakter aber glaubhaft
und sympathisch machen. So verstößt er zum Beispiel oft und gerne gegen Regeln,
nimmt es mit der Wahrheit nicht immer so genau, ist oftmals unbeherrscht,
vertuscht eine eigene Straftat, bringt aus eigenem Rechtsempfinden
einen Mord auch mal nicht zur Anklage und in seiner Beziehung zu Charly handelt er
auch oft unglücklich. Aber natürlich hat er auch gute Eigenschaften, u.a.
seinen Humor und seinen Sinn für Gerechtigkeit.
Man fragt sich manchmal beim Lesen, ob man jetzt dringender wissen will, wie es mit dem
Kriminalfall weitergeht oder wie mit der Beziehung zu Charly.

Transatlantik - Band 9

Mit Spannung hatte ich nach "Olympia" auf die Fortsetzung gewartet und diese dann in
kürzester Zeit gelesen Zunächst fand ich den Anfang dieses Bandes etwas zäh,
denn was in „Olympia“ am Ende im Kurzverfahren bereits erzählt wurde,
gibt es nun erstmal in der Langversion.
Aber ich wollte doch vor allem wissen, wie es mit Gereon Rath weiter geht …
Ok, das dauert dann noch etliche Seiten, die aber jetzt auch nicht
unspannend sind, auch wenn es zunächst in Berlin und vor allem mit Charly,
aber auch mit Fritze weitergeht.

Insgesamt hat mir dieser Band auch wieder super gut gefallen, wenn er auch
anders ist als seine Vorgänger – aber das ist auch gut so, denn es geht mittlerweile
mehr um das, was den Protagonisten widerfährt im Zuge der immer schlimmer werdenden
politischen Verhältnisse in Deutschland vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs,
und das allein ist ja schon super spannend.
Der Kriminalfall, den Charly mit Hilfe von Gereons Nachfolger, Kriminalkommissar
Andreas Langer, nun aufklären möchte, da ihre Freundin Greta darin verwickelt ist,
erreicht nicht ganz die Spannung und Komplexität der Fälle von Gereon Rath,
ist aber dennoch gut aufgezogen mit Bezug auf einen zurückliegenden Mord
an einem zu Unrecht Gefangenen im Konzentrationslager Sachsenhausen aus dem
vorigen Band „Olympia“. Und dann geht es endlich auch weiter mit Gereons Geschichte …

Zum 10. und letzten Band der Reihe ("Rath") sage ich hier jetzt nichts,
um das Ende nicht zu verraten, denn schließlich fiebert man beim Lesen ja mit,
was aus den Protagonisten letztendlich wird, derweil die politsichen Verhältnisse
1938 in Deutschland immer schlimmer werden, was Volker Kutscher wieder
sehr anschaulich an Einzelschicksalen vermittelt.

Fazit: Eine sehr tolle Buch-Reihe, die einen fesselt und mitnimmt,
detailgenau recherchiert, berührend und spannend erzählt!
Ganz große Empfehlung!


Die Bände im Einzelnen:

Der nasse Fisch - Band 1
Der stumme Tod - Band 2
Goldstein - Band 3
Die Akte Vaterland - Band 4
Märzgefallene - Band 5
Lunapark - Band 6
Marlow - Band 7
Olympia - Band 8
Transatlantik - Band 9
Rath - Band 10

 

 

 

 

  Joachim Meyerhoff:
Alle Toten fliegen hoch

 

 

 

 

Unterhaltsam, lustig, leicht zu lesen - dabei aber dennoch sehr gut geschrieben!
Und das Beste: Es ist nicht nur 1 Buch, sondern eine kleine, vierbändige Erzählreihe namens

"Alle Toten fliegen hoch" von Joachim Meyerhoff
Sparte: Coming-of-Age / Entwicklungsroman

Die Bücher im Einzelnen:

1. Alle Toten fliegen hoch - Amerika
2. Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war
3. Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
4. Die Zweisamkeit der Einzelgänger
(P.S.: Es gibt noch einen 5. + 6. Band - diese ignoriere ich lieber)

In dieser Romanreihe erzählt der Autor von seiner Kindheit und Jugend im ländlichenSchleswig Holstein
als jüngster von drei Söhnen des Direktors einer Kinder- und Jugendpsychiatrie (Band 1, vor allem
aber Band 2), seinem Schüler-Austausch in die USA (Band 1), seinem Schauspielstudium in München (Band 3)
und seiner Zeit als junger, mäßig erfolgreicher Theaterschauspieler.

Wie der Titel bereits verrät, geht es im ersten Band vor allem um sein Schüleraustauschjahr in den
USA und um seinen Traum, fern von Brüdern und Eltern allein die große, weite Welt zu entdecken.
Die Realität beschert ihm dann jedoch eine christliche Gastfamilie in einem Kaff in Wyoming...
Doch er nimmt die Herausforderung an und durchlebt jede Menge lustige und skurrile Begebenheiten und
natürlich auch erste Liebschaften. Der Schicksalsschlag ereilt ihn dann aus heiterem Himmel …

Der zweite Band führt zeitlich einen Schritt zurück in die Kindheit des Erzählers und das Aufwachsen
in einer Familie, die auf dem Gelände einer Psychiatrie-Anstalt in Schleswig lebt, da der Vater
dort der Psychiatriedirektor ist. Einerseits wimmelt es geradezu von skurrilen Begegnungen und
lustigen Anekdoten, andererseits geht es in diesem Band aber insbesondere auch um seinen Vater,
ein Geheimnis und einen weiteren Schicksalsschlag.

Im dritten Band scheint der bislang perspektiv- und motivationslos vor sich hindümpelnde Protagonist
allmählich seinen Weg zu finden und beginnt eine Schauspielausbildung in München.
Es folgt jedoch nicht etwa eine wilde Studentenzeit in der Großstadt, sondern vielmehr eine
Gratwanderung zwischen der Welt seiner Großeltern, bei denen er während seiner Ausbildung wohnt, und
der für ihn in vielerlei Hinsicht befremdlichen Welt des Theaters. Zunehmend kämpft er dabei gegen
Selbstzweifel und eine innere Leere, die auch seine Großeltern bereits ergriffen hat.

Der abschließende vierte Band beschreibt die Zeit seiner ersten Bühnenengagements in der Theater-Provinz
und endlich auch der ersten großen Liebe – oder sind es etwa schon bald zwei? Oder gar drei?
„Egal“, würde Nr. 2 drauf antworten … Und ganz am Schluss löst sich dann auch der
Titel dieser empfehlenswerten Buchreihe auf.

Fazit:
Alle vier Bände sind überwiegend geprägt von lustig erzählten, komischen und skurrilen Erlebnissen,
die der Autor mit einer guten Prise Selbstironie und viel Wortwitz unterhaltsam rüberbringt, die aber auch
immer wieder von tragischen Ereignissen durchbrochen werden.
Ja, er erzählt gern (über sich) - aber abgesehen von ein paar kleineren, gefühlten Längen in Band 3 und 4
habe ich die Bände in rascher Folge aufeinander gelesen und es sehr genossen!
Band 5 ("Hamster im hinteren Stromgebiet") habe ich gelesen - aber es wurde mir dann doch u.a. zu
selbstverliebt ("alter, weißer Mann"), weswegen ich den 6. Band
("Man kann auch in die Höhe fallen") nicht gelesen habe.

 

 

 

 

 

 

 

Die Wahl-Londonerin Mara Lux ist eine renommierte Neurowissenschaftlerin,
die sich ganz der Schlafforschung verschrieben hat.
Doch nicht nur ihr beruflicher Alltag dreht sich um das Thema Schlaf,
sondern auch ihr Privatleben, denn wenn es ihr an etwas ganz besonders
mangelt, dann ist das paradoxerweise Schlaf.
Grund für ihre chronische Schlaflosigkeit ist die Furcht vor ihren Träumen:
Schon als kleines Mädchen hatte sie Träume, die sich im Nachhinein
als Prophezeiung erwiesen, und das oftmals nicht im positiven Sinn.

Eines Tages erhält sie von einem Notar aus Deutschland die Nachricht, dass
ihr ein Unbekannter ein altes Herrenhaus auf dem Land vererben möchte.
Nach einigem Zweifeln und Zögern beschließt Mara, doch nach Deutschland
zu fliegen und sich das Haus zumindest einmal anzuschauen.
So gelangt sie nach Limmerfeldt, einer fiktiven Kleinstadt mit
Mittelaltercharakter in der deutschen Provinz. Dort muss sie erstaunt
feststellen, dass sie diesen Ort bereits aus unheimlich anmutenden
Traumsequenzen kennt, und dass das alte Herrenhaus Geheimnisse
in sich birgt, die nicht rational erscheinen …
Parallel dazu wird die Geschichte zweier Geschwister erzählt,
denen im Wald ein Unglück widerfährt … -
Was hat beides miteinander zu tun? …

Das soll jetzt nicht verraten werden, ich kann nur sagen:
Es wird magisch, es wird mystisch, es wird spooky –
es wird spannend, ein echter Page-Turner!

Fazit:
Dies war mein erster Roman von Melanie Raabe und ich bin begeistert!
Vom Genre her ist das Buch ein psychologischer Thriller mit
Elementen des magischen Realismus. Letzteren mag ich sehr gerne,
sofern die Erzählung gut geschrieben ist und nicht zu sehr „abhebt“.
Beides ist hier in bester Weise erfüllt:
Die Geschichte ist leicht, schön und fesselnd geschrieben,
auch wenn es durchaus um ernste Themen wie die Wissenschaft des
Schlafs und das Trauma des Verlusts geht. Die mystisch-geisterhaften
Elemente nehmen dann zwar ihren Raum ein, sind aber toll in die
Story eingebettet und verleihen dem Ganzen eine
besondere atmosphärische Stimmung.
Es würde mich nicht wundern, wenn es hierzu eines Tages eine
Verfilmung gäbe - wie bereits zu einem anderen Roman der Autorin.
Muss aber nicht sein, darum: Lesen!

 

 

 

 

 

 

 

Düstere Spannung im winterlich-morbiden Wien

Melanie Raabes düsterer Psychothriller "Der Schatten" ist ein intensiver,
atmosphärischer Roman über Schuld und Paranoia, der
im winterlichen Wien spielt.
Dort wagt die Berliner Journalistin Norah Richter einen Neuanfang,
um ihre Vergangenheit zu vergessen. Kaum angekommen, prophezeit ihr
eine geheimnisvolle Bettlerin auf der Straße, dass sie an einem
bestimmten, nicht allzu weit entfernten Tag einen Mann namens
Arthur Grimm töten werde. Obgleich der Name ihr nichts sagt,
wird Norah den Gedanken an diese Worte nicht mehr los.
Zugleich geschehen zunehmend unheimliche Dinge, die nicht erklärbar
sind und Norah zunehmend an ihrer eigenen Wahrnehmung zweifeln lassen.
Derweil verstreichen die Tage und das prophezeite Datum
rückt näher und näher …

Fazit:
Von den drei Romanen, die ich bislang von Melanie Raabe gelesen habe,
ist dieser ganz knapp meine Nr. 2. – Aber nur, weil ich
„Der längste Schlaf“ so besonders toll finde.
"Der Schatten" ist nämlich ein toll geschriebener, sehr spannender
Thriller, den ich beim Lesen kaum bei Seite legen konnte.

Verfilmung:
2023 erschein auf ZDFNeo eine gleichnamige 6-teilige Serie.
Es gibt einige inhaltliche Abwandlungen, z.B. wurde die Handlung in den
Sommer verlegt und eine figut bekommt bdeutend mehr Raum als im Buch,
doch das Ende passt wieder und ich finde die Serie sehr gute gelungen,
insbesondere auch aufgrund der tollen Hauptdarstellerin.

 

 

 

 

 

 

 

Spannender Thriller mit kleineren Schwächen

Nach dem plötzlichen Tod ihres besten Freundes Tim ist die junge Ärztin Nina entschlossen,
nach vielen Jahren erstmals wieder in ihr Heimatdorf zurückzukehren und einen
alten Schwur aus Kindheitstagen einzulösen – worum Tim sie in seiner letzten
Nachricht gebeten hat: Seine vor vielen Jahren spurlos verschwundene
Schwester Gloria zu finden.

Eine Clique aus vier Kindern verdächtigte damals den Schrotthändler Wolff, Gloria
etwas angetan zu haben, wurde von diesem jedoch bedroht und mundtot gemacht.
In Rückblenden erfährt man mehr über die Kids, ihre Freundschaft und darüber, was sich
aus ihrer Sicht zugetragen hat, während Nina im Jetzt zu einem Fremden ins Auto steigt
und sich auf die Fahrt durch die Wälder in das abgelegene Dorf ihrer Kindheit begibt …

„Die Wälder“ werden gemäß des Buchtitels vielfach beschworen, es scheint sie nur
unheimlich, bedrohlich und im Plural zu geben. Das ist zwar schön geschrieben,
aber hat nicht wirklich viel mit der Story zu tun. Anfangs hatte ich beim Lesen eher
damit zu tun, zu verstehen, wer hier wer war bzw. ist und in welcher Zeit die
Rückblenden genau spielen (Auflösung: 1999). Der Autorin gelingt es recht schnell,
einen Spannungsbogen aufzubauen, der sich dann auch lange gut halten kann.
Dabei hätte man allerdings nicht jeden Zeitsprung mit einem kleinen Cliffhänger
enden lassen müssen – das Muster erkennt man schnell und es nervt auf Dauer etwas,
das wirkt etwas zu plump. Dennoch bleibt die Story spannend und wendungsreich –
bis der Spannungsbogen abrupt viel zu früh endet, weit vor dem tatsächlichen
Ende des Romans. Es werden im Folgenden zwar noch einige offene Fragen
aufgelöst, aber die ganz große Spannung von zuvor kulminiert leider nicht in
einer Klimax, sondern ist passé, was sehr schade ist.
Einige Fragen bleiben am Ende dennoch offen, z.B. was es mit den Menschen im Wald
auf sich hat, und manches hätte man lieber weglassen sollen, z.B. „Tims Geist“,
doch das sei nur am Rande bemerkt.

Fazit:
Ein spannend zu lesender Thriller – genauer gesagt eine Mischung aus Kriminalgeschichte,
Kindheitserinnerungen und Entwicklungsroman - um ein verschwundenes Mädchen mit
(etwas zu) vielen kleinen Cliffhangern, etlichen falschen Fährten und überraschenden
Wendungen. Trotz der Spannung – im Hinblick auf das Potenzial der Geschichte
wäre noch Luft nach oben gewesen.

 

 

 

 

Falko A. Rademacher:

Köln für Imis

 
 

 

Bei der Lektüre dieser Köln-Satire mussten wir immer wieder das Buch beiseite legen
und einfach loslachen. Wer die Stadt kennt, weiss, warum.
Mit viel Humor und Wortwitz gelingt es Rademacher, die weniger schönen
und skurrilen Seiten der Stadt und ihrer Bewohner beim Namen zu nennen, ohne
diese dabei zu denunzieren. Die Bandbreite der Themen reicht dabei von
„der großen Bahnhofskapelle“ (Kölner Dom) über die „schääl Sick“ bis zum
Verhältnis zu Düsseldorf - und natürlich sind auch Klüngel, Kölsch und Karneval
mit von der Partie. Quasi ein „Muss“ für alle (Neu-) Kölner.

 

 

 

 

Juli Zeh:

Über Menschen / About People

 

 
 

 

Ein Buch aus der Corona-Zeit über das Leben auf dem Land,
„über Menschen“ und „Übermenschen“


Dora und Robert, beruflich erfolgreiche Mittdreißiger aus dem links-liberalen
Berliner Milieu, führen eine glückliche Beziehung.
Bis Greta Thunberg in ihr Leben tritt. Und dann noch schlimmer: Corona.
Denn Robert ist ein meinungsstarker politischer Aktivist, der durch
Klimawandel und Corona-Pandemie noch meinungsstärker und rechthaberischer wird
und ihren bisherigen Lebensstil nun politisch korrekt umkrempeln will.

Dora hingegen ist überfordert mit den zahlreichen Problemen der heutigen Zeit,
vor allem mit der damit einhergehenden Überproduktion von Meinungen zu allem,
dem gefühlten Zwang, sich zu allem eine eigene Meinung zu bilden,
zunehmend aber auch von Robert, der aus der vermeintlichen
Überlegenheit seines Lebensstils keinen Hehl macht.

Kurz entschlossen packt sie ihre Siebensachen, kehrt der Hauptstadt im
Corona-Lockdown und ihrer Beziehung den Rücken und flieht aufs Land,
wo sie sich im fiktiven brandenburgischen Kaff Bracken erst vor Kurzem ein
altes Haus gekauft hat. Doch auch die vermeintliche Landidylle hat ihre Tücken:
"Ich bin hier der Dorf-Nazi" begrüßt sie ihr Nachbar namens Gote.
Diese Kröte muss Dora erstmal schlucken. Und sich an die hiesigen Gepflogenheiten
in der ostdeutschen Provinz gewöhnen, wo Menschen und Einrichtungsgegenstände
gerne mal unangekündigt im Garten, vor der Türe oder gar im Haus stehen,
der Bus wirklich nur zweimal täglich zum 18 km entfernten Einkaufszentrum fährt
und wo schon auch mal ein verbotenes Nazi-Lied gesungen wird.
Dabei wird ausgerechnet eine Mauer zum Ort der Begegnung und Annäherung
zweier Menschen, die gegensätzlicher kaum sein könnten.

"In Bracken ist man unter Leuten. Da kann man sich nicht mehr so leicht
über die Menschen erheben"
erklärt ihr ein Dorfbewohner.
Denn auf dem Dorf kann man sich halt schlechter ausweichen als in der Stadt.
Hier gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder Konfrontationen aushalten und
mit dem Anderen umgehen – oder wieder gehen.
Doch so schnell will Dora nicht aufgeben – schon gar nicht, wenn sie sich
die mögliche Häme ihres Freundes, ihres Vaters und ihres Bruders vorstellt.

Geschickt verwebt Juli Zeh Doras Geschichte mit den Herausforderungen der
gesellschaftspolitischen Situation im heutigen Deutschland:
Den Kulturunterschieden zwischen Stadt und Land, den täglichen Überforderungen
unserer Zeit (wie Corona, Klimawandel, Rechtsextremismus, Rassismus, etc.)
und einer Politik, die in den Städten für die Städte gemacht wird.
Aber: „Es geht nicht darum, Widersprüche aufzulösen, sondern sie auszuhalten."
Nicht um die Frage, wer die Guten und wer die Bösen sind – was auch schwierig
zu beantworten ist, wenn der "Dorf-Nazi" einen gepflegten Rasen und
liebevoll arrangierte Geranien hat. ;-)
Im Mittelpunkt steht vor allem das (Zwischen-) menschliche, wie z.B.
jemandem zu helfen ohne Rücksicht auf dessen Gesinnung. Um Mensch zu bleiben.

Juli Zeh ist ein toller deutscher Gegenwarts-Roman über Menschen
(oder auch Übermenschen) gelungen, der trotz aller wichtigen und ernsten
gesellschaftspolitischen Themen leicht zu lesen, spannend und oft auch wirklich
lustig (z.B. die Situationskomik beim Pfandflaschen-„Problem“ zwischen Dora und Robert),
letztlich aber auch tragisch ist.
Ein kurzweiliges und nachdenklich stimmendes Lese-Erlebnis zugleich.

 

 

 

 

Juli Zeh:

Unterleuten

 

 
 

 

"Unter Leuten" in "Unterleuten" -
ein grandioser Gesellschaftsroman aus der deutschen Provinz


Nachdem ich von Juli Zehs Roman "Über Menschen" (2021) so begeistert war,
las ich als nächstes den bereits 2016 erschienenen Roman "Unterleuten".
Ein ähnliches Wortspiel im Titel, das Buch mit über 600 Seiten (yeah!)
noch etwas dicker und viel gelobt, ich war mega gespannt!

Zentrum des Geschehens ist auch hier ein fiktives brandenburgisches Dorf,
namentlich "Unterleuten", in dem Welten aufeinander stoßen.
Die Geschichte spielt im Jahr 2010 und wird kapitelweise aus der Sicht eines anderen
der etwa 10 Hauptprotagonisten erzählt. Diese setzen sich zusammen aus alteingesessenen
Dorfbewohnern mit ihrem von außen undurchsichtigen Beziehungsgeflecht aus Verwandtschaft,
Freundschaft, Nachbarschaft, Feindschaft, Liebe, Schuld, Neid und Hass und zwei Paaren
die aus Berlin aufs Land gezogen sind, um dort ihre Vorstellung vom
ländlichen Leben jenseits der Großstadt zu verwirklichen.

Als eines Tages ein westdeutscher Investor auftaucht und in Unterleuten ein geeignetes
Grundstück für Windkraftanlagen sucht, wird so mancher hellhörig und wittert das große
Geschäft, während andere sich dem Projekt widersetzen wollen.
Dabei kochen alte Geschichten und Ereignisse inklusive eines mysteriösen Todesfalls
aus der Zeit der Zwangsauflösung der DDR-LPGs kurz nach der Wende hoch, die
die Dorfgemeinschaft aufwühlen und das Dorf zur Schlangengrube mutieren lassen,
da jeder nur an seine Interessen denkt. Dabei kommt dem ländlichen "Dorffunk" eine
besondere Bedeutung zu: Denn da die Dorfbewohner mehr übereinander als miteinander reden,
entspricht deren Wahrheit oft nicht dem, was sich wirklich ereignet hat, sondern ist eine
brisante Mischung aus Gerüchten, Geschichten und Verleumdungen,
die zu falschen Entscheidungen und Handlungen führt.

Juli Zehs Motiv zu diesem Roman war u.a. die Frage, wie Verbrechen oder sogar Kriege entstehen.
Denn: Im Grunde wollen fast alle Menschen ja nichts Böses. Aber trotzdem geschieht es.
Auch in Unterleuten ...

Ich habe diesen spannenden Roman in Windeseile gelesen, konnte kaum mehr aufhören,
und kann nur sagen: WOW! Ich bin sehr beeindruckt von diesem Werk, das mich mit seiner
fesselnden Sprache und Handlung, vor allem jedoch mit den so echt und lebendig gezeichneten
Charakteren in seinen Bann gezogen hat.
Ein wahrlich meisterhafter deutscher Gesellschaftsroman mit großer Tiefe!

Der Roman wurde übrigens 2018 auch verfilmt (3 Teile zu jeweils ca. 90 min.) –
das habe ich mir natürlich auch angeschaut.
Und ja – ich finde die Verfilmung sehr gelungen, insbesondere auch die Wahl der Darsteller.
Im letzten Drittel wird allerdings doch in einigen Dingen vom Roman abgewichen –
für das Gesamte nicht wirklich schlimm, aber ich fand es gut, vorher den Roman gelesen zu haben.
Aber wer nicht lesen möchte, sollte schauen!

P.S.: Mein ganz persönlicher Lieblingssatz im Roman (S. 576 im Hardcover):
"... Eine kleine Stoffkatze, die so intensiv nach Jule roch, dass sie nur die Nase darin
vergraben musste, um sich auf jeder Bahnhofsbank wie im eigenen Bett zu fühlen."
 ❤ 

 

 

 

 

Juli Zeh:

Zwischen Welten

 

 
 

 

Nachdem sie sich vor 20 Jahren aus den Augen verloren hatten, laufen sich Tessa und Stefan
zufällig in Hamburg wieder über den Weg.
Waren sie einst eine kleine, familiäre und auf gemeinsamen Werten beruhende
Studenten-WG (niemals ein Paar), hätten sich ihre Lebenswege kaum unterschiedlicher
entwickeln können: Während Tessa den Bauernhof ihres verstorbenen Vaters in der
brandenburgischen Provinz übernommen hat und diesen weiterführt
hat es Stefan zum Chefredakteur des Kultur-Ressorts einer überregional
anerkannten Zeitung in Hamburg gebracht.

Die beiden halten fortan per WhatsApp und E-Mail intensiven Kontakt,
wofür die Autoren als Erzählstil die klassische Briefform gewählt haben -
nur dass hier eben nicht mehr der handgeschriebene Brief das Medium der Konversation ist.
Der Roman besteht also aus zwei Ich-Erzählern, die sich von ihrem Alltagsgeschehen erzählen,
ihre Gedanken, Hoffnungen und Sorgen teilen, sich streiten und sich wieder versöhnen.
Reibungspunkte gibt es zwischen den beiden trotz grundsätzlich ähnlicher Gesinnung mehr als genug:
Während Stefan in seiner abgehobenen Blase in der Großstadt schwebt und mit ständigem
Gendern nervt (zumindest die Lerser*innen, aber auch Tessa) erzählt er am liebsten
von sich selbst, seinen beruflichen Erfolgen (aber auch von seinen Niederlagen) und seinen
Gedanken zu Klimapolitik, Gleichstellung der Frau und zu Rassismus.
Aber klar: Er ist ja auch lediger Single und braucht darum womöglich jemandem,
dem er von sich erzählen und den er beeindrucken kann.

Letzteres gelingt ihm bei Tessa eher weniger, denn sie steht mit beiden Beinen auf dem Boden
der harten Realität, kämpft Tag für Tag für das wirtschaftliche Überleben ihres in den
roten Zahlen stehenden Bio-Hofs und nicht zuletzt um ihre Existenz.
Im Gegensatz zu Stefan hat sie zwei Kinder und ist verheiratet, obgleich Ehe- und Familienleben
zunehmend unter Tessas immenser Arbeitsbelastung leiden.
Mit Stefans teilweise abgehobenen wirkenden Gedanken und „Problemen“ aus der Großstadt kann sie
auf dem platten Land oft nicht viel anfangen – hier kämpft sie als Landwirtin an vorderster
Front mit den Konsequenzen des Klimawandels (wie ausbleibendem Regen), realitätsfernen
politischen Entscheidungen aus den Städten und einer starren, menschenfeindlichen Bürokratie.

Derweil steigt Stefan trotz eines für ihn sehr peinlichen Rückschlags karrieremäßig
weiter auf während es bei Tessa auf allen Ebenen bergab geht …
Wird ihre Freundschaft trotz der immer größer werdenden
Unterschiede zwischen ihren Welten weiter bestehen können? Wird eventuell
nach über zwanzig Jahren sogar doch noch mehr daraus?
Wird Tessa ihren Hof und ihre Ehe retten können? …

Die beiden Hauptcharaktere polarisieren natürlich (gewollt) sehr stark und werden
teilweise fast schon satirisch überzogen dargestellt (v.a. Stefans Gendern) –
und es geht wie auch zuletzt bei Juli Zeh (in „Über Menschen“ und „Unterleuten“)
erneut um die Gegensätze zwischen Stadt und Land in Deutschland,
was ich aber sehr interessant finde.
Aber es geht auch um die zunehmende Polarisierung in unserer Gesellschaft,
die zu immer aggressiver werdenden Streitigkeiten führt, sogar zwischen Menschen,
die sich politisch gar nicht so sehr voneinander unterscheiden, die letztendlich
sogar dasselbe wollen. Und um die Macht der sozialen Medien, wie sie die
Menschen verändern, manipulieren und Menschen mitsamt ihren Familien
mittels eines Shitstorms zerstören können.

Mir hat auch dieses Buch von Juli Zeh wieder sehr gut gefallen.
Vielleicht mag man den epischen Austausch der beiden Protagonisten zuweilen als
etwas langwierig empfinden (nicht zu verwechseln mit langweilig), aber es
werden darin immer wieder interessante, aktuelle Themen und Fragen angesprochen,
die nachdenklich stimmen. Als es beim Lesen auf das Ende des Romans zuging,
konnte ich gar nicht mehr loslassen – hier nur so viel:
So hatte ich mir das Ende nicht vorgestellt,
ber tatsächlich ist es eine logische Konsequenz.

 

 

 

 

 

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