Buchtipps Nordamerika

 

 


 

 

 

Rumaan Alam: Inmitten der Nacht

(engl.: Leave the World behind)

 

 

 
Eine Familie aus New Yorks weißer, oberer Mittelschicht fährt für
eine Woche nach Long Island, um dort Urlaub zu machen.
Zwar können Amanda und Clay ihren Kindern Archie und Rose kein Ferienhaus
am Strand bieten, aber immerhin ein abgeschiedenes, gut ausgestattetes Haus
mit Pool im Hinterland. Doch die vermeintliche Ferienidylle hält nicht lange an,
steht doch eines späten Abends plötzlich ein älteres, schwarzes Paar vor der Tür.
Einbrecher? Betrüger? Mörder? - Amanda und Clay wissen zunächst nicht,
ob sie sich fürchten oder gar verteidigen müssen.

Doch es soll noch mehr Unheimliches geschehen:
Wie sie von dem Paar erfahren, hat es im Großraum New York einen Stromausfall
gegeben, Fernsehen, Handys und Internet funktionieren auch bei ihnen auf Long Island
plötzlich nicht mehr, d.h. es gibt keinen Zugang mehr zu Nachrichten;
Tochter Rose beobachtet, wie am Waldrand Hunderte von Rehen in einem riesigen Verbund
fortziehen; plötzlich gibt es einen ohrenbetäubenden, furchterregenden Knall,
der alle in Angst und Schrecken versetzt ...
Was tun? Zurück in die Stadt oder im vermeintlich sicheren Refugium bleiben?
Wie an Informationen gelangen? Und die größte aller Fragen: Was ist eigentlich passiert?
Aber es gibt keine Antworten. Nur die bange Ungewissheit …

Im Lauf der Erzählung gibt es dazu immer wieder Informationen eines allwissenden
Erzählers an die Leser, die den Protagonisten des Romans jedoch nicht bekannt sind.
Und dies sind alles andere als gute Nachrichten ...

Mir erschien der Roman anfangs etwas banal, wenn auch interessant gespickt mit
gesellschaftlichen Problemen und Ängsten der US-amerikanischen Gesellschaft:
Unterschwelliger bis offener Rassismus, der Wahn von Reichtum und gesellschaftlichem Status,
die Angst vor Wohlstandsverlust, der Wald als etwas Unheimliches etc.
Aber als dann all die unerklärlichen Dinge geschehen und dem Leser immer mehr
verraten wird (letztendlich aber auch nicht alles), hat mich die Story, die sich
nahezu zu einem Quasi-Kammerspiel rund um das Ferienhaus entwickelt, doch sehr berührt
und in ihren Bann gezogen. Was ist passiert? Wie würde man selbst reagieren im Angesicht
einer vermeintlich (?) lebensbedrohenden Katastrophe, gegen die man machtlos ist?
Würde man es schaffen, als moralisch guter Mensch dazustehen oder
würde man dabei versagen (wie einer der Protagonisten)?

Fazit:
Ein lesenswerter Roman unserer Zeit, der die Spannung langsam aufbaut und einfach
zu lesen ist, zugleich aber auch nachdenklich stimmt (wenn man das möchte).

Netflix hat den Roman 2023 verfilmt (mit Julia Roberts in einer Hauptrolle).
Anscheinend musste die Story für einen Film etwas anders aangegangen werden um zusätzliche
Spannungselemente zu schaffen. Diese gefallen mir jedoch nicht besonders.
Aber schlimmer: Die CGI-Effekte sind unterirdisch!!!
Ich sage nur als Stichwort: Die Rehe. Echt schlecht gemacht.
Ich finde das Buch jedenfalls viel besser und kann den Film
lediglich als Ergänzung zum Buch empfehlen.
 

 

 

 

Percival Everett:

 James

 

 

 
 

Die Abenteuer des Huckleberry Finn - Genial umgedreht und von James erzählt

Für seinen neuesten, zurecht mit dem Pulitzer-Preis 2025 ausgezeichneten Roman
„James“ hat sich Percival Everett etwas dreist-geniales einfallen lassen:
Er hat sich einen der größten Klassiker US-amerikanischer Literatur
vorgenommen - die Abenteuer des Huckleberry Finn von Mark Twain -
und erzählt die Geschichte einer abenteuerlichen Flucht über den
Mississippi aus der Sicht des Sklaven James aka Jim.

Und dieser James ist kein ungebildeter, „dummer“ Sklave, sondern kann
lesen, schreiben und in perfektem Englisch kommunizieren und philosophieren.
Da es aber zu gefährlich wäre, wenn die Weißen wüssten, wie gebildet er ist,
verbirgt James ihnen gegenüber seine Kenntnisse, indem er mit ihnen
absichtlich stets in einem einfachen, grammatikalisch falschen
Sklaven-Pidgin spricht, so wie sie es von ihm erwarten.
Das ist höchst amüsant zu lesen, vor allem weil es der deutschen
Übersetzung sehr gut gelungen ist, eine dem amerikanischen „Gossen-Slang“
ebenbürtige und glaubhafte deutsche Version zu schaffen.

Aber natürlich passiert auch viel auf den über 300 Seiten:
Der Sklave James und Huckleberry Finn befinden sich aus unterschiedlichen
Gründen zusammen auf der Flucht, meist in gestohlenen Kanus oder auf
wackeligen Flößen auf dem großen, weiten Mississippi.
Dabei müssen sie gegen Stürme und Überschwemmungen ankämpfen, werden
auch schon mal voneinander getrennt, begegnen Betrügern, Sklavenhaltern
und müssen immer wieder irgendwie entkommen und sich vor ihren Verfolgern
verstecken. Die Erzählung wimmelt sozusagen geradezu von spannenden Ereignissen,
aber auch die Grausamkeit der Weißen gegenüber den Schwarzen wird thematisiert.
Beide Protagonisten verbindet die tiefe Freundschaft zweier Außenseiter,
wobei James nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf den jungen Huck
aufpassen muss. Wird er am Ende auch seinen Traum von Freiheit verwirklichen
können, und seine Ehefrau und seine kleine Tochter ebenfalls
aus dem Sklavendasein retten können?

Fazit:
Eine tolle, ereignisreiche Abenteuerreise durch die einst von Rassismus
und Gewalt geprägten Südstaaten und ein genial auf den Kopf gestellter Klassiker!

 

 

 

Katharina Hagena:

 Das Geräusch des Lichts

 

 

 
 

Da mir der Roman „Der Geschmack von Apfelkernen“ der Autorin so gut gefallen hatte,
war ich nun gespannt auf diesen.

Die Handlung:

Fünf Menschen sitzen im Wartezimmer eines Nervenarztes, darunter eine Frau, die
sich das Warten dadurch verkürzt, dass sie in ihrem Kopf die Lebensgeschichten
der Mitwartenden erfindet, auch ihre eigene, und diese geschickt
und fantasievoll miteinander verwebt.

Da ist zum Beispiel die Moosforscherin Daphne, die in Yellowknife in Kanada
nicht nur nach Moosarten sucht, sondern auch nach ihrer verschollenen
Forschungskollegin, die auf der Suche nach winzigen Bärtierchen war;

Oder der Musiker, der für seine verstorbene Frau, die in Kanada ein vor ihm
verborgenes Leben als Klangkünstlerin geführt hatte, in Yellowknife
auf das Geräusch des Nordlichts wartet;

Und im zentralen Teil des Romans der Junge, der sich zur Verarbeitung
des tragischen Todes seiner Mutter und seiner Halbschwester eine
phantastische Erklärung um deren Flucht zum Planeten Tschu ausgedacht hat,
welche er zum Leidwesen seines Vaters hartnäckig verfolgt.

Dabei taucht immer wieder ein Element auf, das die eine Geschichte mit der
anderen verbindet – ein kleiner Faden, wie die winzigen Rhizome eines Mooses.
Was alle Geschichten verbindet ist Kanada, das Nordlicht, der Verlust eines
oder mehrerer Menschen (stets Frauen), Autounglücke im weitesten Sinne.
Klingt vielleicht alles etwas merkwürdig. Ist es auch. Aber die Geschichten
sind wunderbar und fesselnd erzählt, so schön formuliert, mit intelligenten
Wortspielereien gespickt und mit so viel Fantasie geschrieben, dass man
einfach immer weiterlesen möchte (zumindest ich).
Am besten gefällt mir die traurige und doch auch erheiternde Geschichte
des Jungen und seine Theorie über die Flucht seiner Mutter und seiner
Halbschwester zum imaginären Planeten Tschu. In jedem Kanaldeckel,
hinter jeder Art von Gitter wittert er einen Weg zu dem geheimnisvollen
Planeten. Die Suche nach den beiden führt ihn und seinen Vater über Berlin
und New York bis nach – Yellowknife, Kanada. Natürlich. ;-)

 

 

 

 

J.D. Salinger: The Catcher

in the Rye

(dt: Der Fänger im Roggen)

 

 

 

 
Einer der Buchklassiker überhaupt, ein New York-Klassiker, ein Jungendbuch-Klassiker

Und erstaunlich: Erstmals mit 14 Jahren gelesen, zählt der 1951 erschienene
Fänger im Roggen nach wie vor zu meinen Lieblingsromanen.

Es geht vor allem um drei Tage, die der sechzehnjährige Holden Caulfield allein in New York
verbringt, nachdem ihm mitgeteilt wurde, dass er aufgrund schlechter schulischer Leistungen
mal wieder von einem Internat fliegen wird. Es ist kalter Winter, drei Tage vor Beginn der
Weihnachtsferien. Genervt von seinen Mitschülern beschliesst er nach einem nächtlichen
Streit mit seinem Zimmergenossen Stradlater, der früher am Abend Holdens einstigen
Schwarm Jane Gallagher gedated hat, das Internat noch in derselben Nacht zu verlassen.
Jedoch will er erst dann nach Hause zu seinen Eltern gehen, nachdem der Brief der
Schule mit der Mitteilung über seien Rauswurf bei diesen angekommen sein wird
und diese sich - so seine Hoffnung - bereits wieder etwas beruhigt haben werden.

So mietet er sich in der Stadt für eine Nacht in einem billigen Hotel ein und streift
durch Manhattan auf der Suche nach menschlicher Nähe, Ehrlichkeit und Empathie.
Doch was ihm in den Straßen, Bars und Restaurants oder im Hotel begegnet,
sind vor allem falsche, aufgesetzte Vertreter der Welt der Erwachsenen:
Verständnislose Taxifahrer, desinteressierte Prostituierte, ein schmieriger Zuhälter,
"perverse" Sonderlinge, oberflächliche Touristinnen, egozentrische Aufschneider
und falsche Freunde, die ihn allesamt lediglich noch mehr deprimieren.

Schliesslich gelingt es ihm, sich ohne Kenntnisnahme seiner Eltern heimlich mit
seiner zehnjährigen Schwester Phoebe zu treffen - einer der ganz wenigen Menschen,
die Holden nicht deprimieren, da sie nicht aufgesetzt und falsch sind, sondern
zuhören, verstehen und mitfühlen können (wie u.a. auch sein verstorbener Bruder
Allie, ein ehemaliger Lehrer oder Jane Gallagher). Dabei bringt ihn die kleine
Phoebe dazu, sich selbst zu reflektieren, indem sie ihn fragt, ob es denn
überhaupt etwas gäbe, was er wirklich gerne machen oder sein würde.
Und hier kommt der Buchtitel ins Spiel, denn Holden erinnert sich an ein
Gedicht, welches er allerdings falsch in Erinnerung hat:

„If a body meet a body coming through the rye“ („Wenn jemand jemanden trifft,
der durch den Roggen kommt“) lautet in seiner Erinnerung
„If a body catch a body coming through the rye“
(„Wenn jemand jemanden fängt, der durch den Roggen kommt“).
Und genau das möchte er sein: Der Fänger im Roggen, der in einem Roggenfeld
spielende Kinder davor bewahrt, versehentlich den nahegelegenen Abbgrund
hinabzustürzen, indem er sie vorher fängt. Im übertragenen Sinn also derjenige,
der die Kinder davor bewahrt, ihre Unschuld zu verlieren und in die Falschheit
und Verlogenheit der Erwachsenenwelt abzustürzen.

In der Realität entscheidet er sich dann jedoch dafür, New York und seine
Familie zu verlassen, um im Westen sein Glück zu suchen. Nicht aber wie sein
älterer Bruder D.B., der sich in Hollywood als Drehbuchautor "prostituiert",
wie Holden es nennt, sondern als vermeintlich Taubstummer in einer einsamen
Waldhütte, damit er nie mehr an den falschen Konversationen seiner Mitmenschen
teilhaben muss. Vorher möchte er sich aber noch von Phoebe verabschieden ...

Ein tolles, empfehlenswertes (Jugend-) Buch - auch heute noch, vor allem in Bezug
auf die unterschwellige Kritik an einer Gesellschaft, die vor allem oberflächlich,
Ich-bezogen und verlogen ist. Ich besitze das Buch im englischen Original und war
noch nie ein Fan der deutschen Übersetzung, muss aber hinzufügen, dass es inzwischen
neuere geben soll, die möglicherweise besser sind als diejenige von Heinrich Böll,
welche ich kenne. "Problem" ist der Sprachstil, der eine damalige, schnodderige
und mit Fluchwörtern gespickte Umgangssprache wiedergibt, die zum einen damals
nicht jedem passte und zum anderen nicht ganz einfach 1:1 in eine äquivalente
deutsche Umgangssprache zu übersetzen war.

Interessantes Detail am Rande: Ganz am Anfang liest Holden zum wiederholten Mal
den Roman "Out of Africa" von Isak Dinesen
(aka Tania Blixen), ein weiteres meiner persönlichen Lieblingsbücher, das hier an
anderer Stelle ebenfalls empfohlen wird. ;-)

 

 

 

 

Paul Auster: Die New York-Trilogie

(engl: The New York Trilogy)

 

 

 

 
Paul Austers New York Trilogie umfasst drei eigenständige Kurzromane,
die in New York City spielen, und zunächst jeweils wie eine
Detektivgeschichte anmuten, im eigentlichen Sinne jedoch keine sind:
"Stadt aus Glas" ("City of Glass"), "Schlagschatten" ("Ghosts") und
"Hinter verschlossenen Türen" ("The locked Room").
Sie sind eher Geschichten über entwurzelte Einzelgänger, die Einsamkeit
und Verlorenheit des Einzelenen in der Masse bis hin zum Verlust der
eigenen Idenität und der Suche nach einer neuen.

So ist beispielsweise der Protagonist aus "Stadt aus Glas", der
erfolglose Krimiautor Daniel Quinn, zugleich sein Autoren-Pseudonym
William Wilson als auch seine Romanfigur, der Privatdetektiv Max Work.
Hinzu kommt ein mysteriöser, nächtlicher Anrufer, der sich Peter
Stillmann nennt, ihn für einen Privatdetektiv namens Paul Auster hält
und damit beauftragt, ihn vor seinem Vater, der ebenfalls Peter
Stilmann heisst, zu beschützen.

Quinn nimmt den merkwürdigen Auftrag an, recherchiert und findet
schließlich den gesuchten Stillmann Senior. Tag für Tag folgt
Stillmann auf seinen Wegen durch Manhattan, zeichnet diese abends
zuhause nach und muss eines Tages erschrocken feststellen, dass diese
Wege durch die Stadt nicht zufällig erfolgen,
sondern eine Botschaft ergeben ...

Daraufhin spricht er Stilmann Senior unterwegs öfters an, wird jedoch
beim nächsten Mal nie wieder erkannt. Derweil ist Stilmann Junior
plötzlich nicht mehr auffindbar und der Name des Privatdetektivs
Paul Auster führt ihn zu einem Schriftsteller, der ihm allerdings
nicht weiter helfen kann. Schliesslich kommt es zum vollständigen Verlust ...

Das alles klingt alles ziemlich verwirrend und vor allem irgendwie
unheimlich, kommt aber klar und spannend rüber, v.a. auch als Hörbuch!

In "Schlagschatten" gibt es schon gar keine richtigen Namen/Identitäten
mehr, die drei Protagonosaten heissen schlicht Blue, Black und White.
Dabei erhält Blue von White den Auftrag, Black vom Haus gegenüber
aus zu beschatten, der allerdings nicht viel macht ausser Schreiben,
Lesen und kleinere Einkäufe zu tätigen.
Nach Monaten ohne größere Veränderung hegt Blue den Verdacht, dass
Black in Wirklichkeit White ist, sein Auftraggeber ...

In "hinter verwschlossenen Türen" verschwindet ein unbekannter
Schriftsteller namens Fanshawe spurlos und wird für tot gehalten.
Ein von der Witwe beauftragter, namenloser, ehemaliger Freund
Fanshaws soll dessen Nachlass regeln und erhält eines Tages einen Brief
des Totgeglaubten, in welchem dieser ihn bittet, die Witwe zu heiraten
und ihn selbst weiterhin als tot gelten zu lassen. Entgegen der
ausdrückliche Warnung des Verschwundenen, ihn nicht zu suchen,
begibt er sich auf die Suche nach Fanshawe ...

Drei unheimliche, rätselhafte und sehr gut geschiebene Geschichten
aus New York, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben,
in Details jeoch immer wieder miteinander verbunden sind - zum
Beispiel in Form eines ein roten Notizbuchs, einen Detektiv in der
dritten Erzählung namens Quinn oder jemand weiteren in der dritten
Geschichte, der sich Peter Stillmann nennt.

 

 

 

 

 

Paul Auster: Sunset Park

 

 

 

 
Eine weiterer New York – Roman von Paul Auster, genauer gesagt aus Brooklyn,
Stadtteil Sunset Park, während der Zeit der globalen Finanzkrise, also 2008/2009:

Der 28-jährige Protagonist Miles Heller trägt ein tiefes Schuldgefühl aus seiner Jugendzeit
in sich, nämlich im Alter von 16 Jahren den Tod seines Stiefbruders Bobby verursacht zu haben.
Jahre später ist ein zufällig belauschtes Streitgespräch zwischen seinem Vater und seiner
Stiefmutter Auslöser dafür, dass er sein bisheriges privilegiertes Leben und seine
aussichtsreiche College-Ausbildung plötzlich hinwirft und einfach so für sieben Jahre verschwindet.

Nach jahrelangem Herumtingeln kreuz und quer durch die USA und zahlreichen einfachen Jobs
lebt er zu Beginn der Erzählung in Florida, wo er verlassene Häuser entrümpelt, aus denen
die einstigen Bewohner aufgrund von Zahlungsunfähigkeit im Strudel der Bankenkrise
geflohen oder hinausgeworfen worden sind. Einziger, ihn aber völlig erfüllender Lichtblick
seines perspektivlosen Lebens: Seine große Liebe Pilar. Aber es gibt einen Haken:
Pilar ist noch minderjährig, was schnell zu einem Problem wird und Miles dazu zwingt,
Florida zu verlassen, bis sie in sechs Monaten volljährig sein wird. Da kommt es wie gerufen,
dass sich ein alter Freund aus Brooklyn „zufällig“ bei ihm meldet und ihn fragt,
ob er nicht Lust hätte, mit ihm und zwei Frauen in einem verlassenen Haus in
Sunset Park in einer zwar illegalen, aber dafür kostenfreien WG zusammenzuwohnen.
Vor allem der letzte Punkt ist entscheidend, denn keiner der jungen Leute hat viel Geld
zur Verfügung, was jedem die Entscheidung leicht macht. So kommt es, dass Miles in
seine alte New Yorker Heimat zurückkehrt und sogar mit dem Gedanken spielt,
sich nach all den Jahren wieder bei seinem Vater, seiner Stiefmutter und seiner
leiblichen Mutter zu melden – die allerdings mehr über seinen Verbleib in den
vergangenen sieben Jahren wissen, als er ahnt - und die Vergangenheit aufzuarbeiten.
Doch wird die Beziehung zu Pilar diese lange Trennung überstehen
können und wie lange kann es gut gehen, einfach so ein Haus zu besetzen?

Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen, auch ihre Erzählweise mit den jeweiligen
Charakterbeschreibungen der Protagonisten – auch wenn diese teilweise etwas lang
geraten mögen. Was mir auch zu viel war ist das viele Baseball-"Gequatsche".
Interessant für amerikanische Leser und Baseball-Fans, für alle anderen sind
diese Seiten dann eher zum schnellen Weiterblättern, aber ok, nicht schlimm.
Insgesamt ein gut lesbares Buch über Schuld und das Nicht-Verarbeiten selbiger,
über Vergebung, aber auch über das Leben, die Wünsche und Hoffnungen junger
Menschen in New York, deren Zukunft in Zeiten der globalen Finanzkrise
kaum eine aussichtsreiche Perspektive aufzeigt.

 

 

 

 

T.C. Boyle: Grün ist die Hoffnung

(engl.: Budding Prospects)

 

 

 

 

Der Ich-Erzähler Felix hat in seinem jungen Leben schon vieles ausprobiert –
Boy Scouts, Basketball, College, Army, Heirat sowie diverse Jobs, jedoch
mangels Ausdauer immer wieder alles aufgegeben. Als ihm eines Tages die Chance,
innerhalb eines Jahres eine halbe Million Dollar zu verdienen, in den Schoß
fällt, nimmt er sich vor, diesmal dran zu bleiben und die Sache  bis
zum Ende durchzuziehen. Der denkbar einfach klingende Auftrag lautet,
in den abgelegenen Hügeln Nordkaliforniens auf einer Fläche von 390 acres
Marihuana anzubauen. Gemeinsam mit zwei Kumpels macht er sich auf in die Wildnis,
wo sie eine Hütte beziehen und sich an die Arbeit machen. Doch das Leben in
den Hügeln erweist sich als anstrengender als die drei es sich erträumt haben.
Dazu lassen schwere Rückschläge, hinterwäldlerische Nachbarn, der örtliche
Sheriff, plötzliche Pilzerkrankungen und die sengende kalifornische
Hitze das „Sommercamp“ zur Belastungsprobe werden.

Weniger vielschichtig, dafür umso leichter und unterhaltsamer geschrieben,
ein durchaus lesenswerter Roman.

 

 

 

 

T.C. Boyle: América

(engl.: The Tortilla Curtain)

 

 
 

 

Zentrales Thema des Romans ist die nach wie vor aktuelle Problematik
illegaler Einwanderung in die USA aus dem benachbarten Mexico.
Schauplatz der Handlung ist Topanga Canyon, ein wohlhabendes Wohngebiet
im Los Angeles County, nicht weit entfernt von der mexikanischen Grenze,
dem so genannten „Tortilla Curtain“.

Dort fährt der Amerikaner Delaney eines Tages mit seinem Wagen versehentlich
einem Mann an. Dieser heißt Cándido, ist illegaler mexikanischer Einwanderer
und hat verständlicherweise kein Interesse daran, den Unfall zur Anzeige
zu bringen. Verletzt flieht er vom Unfallort, während Delaney noch über
sein Auto und seine Versicherung nachdenkt. Doch fortan scheinen die Leben
der beiden Männer schicksalhaft miteinander verbunden zu sein, treffen
sie zufälligerweise doch immer wieder aufeinander. Dabei entwickelt sich
Delaney, der sich anfangs selbst als liberalen Humanisten sieht,
im Verlauf der Geschichte zunehmend zum Rassisten.

Boyle beschreibt sehr anschaulich die unterschiedlichen Lebenssituationen
sowie die räumliche Nähe zwischen Reichtum und Armut, ohne jedoch eine
Wertung abzugeben. Der Roman erinnert stark an John Steinbecks
„Früchte des Zorns“, aus welchem zu Beginn auch zitiert wird:

" ... They ain’t human. A human being wouldn’t live like they do.
A human being couldn’t stand it to be so dirty and miserable ..."

 

 

 

 

 

T.C. Boyle: Blue Skies

 

 
 

 

Im Mittelpunkt des Romans steht eine amerikanische Familie aus
dem gehobenen Mittelstand mit zwei erwachsenen Kindern:
Mutter Ottilie, Vater Frank, und Sohn Cooper,
alle in Kalifornien lebend, sowie Tochter Cat, die mit ihrem Verlobten
Todd in einem geerbten Haus am Meer in Florida lebt.

Der fortgeschrittene Klimawandel ist längst für jeden spürbarer Alltag
geworden und beschert Kalifornien eine bereits jahrelang anhaltende
Hitzeperiode mit Dauerdürre und zahlreichen Bränden, während Florida
allmählich in Regen, Hurricanes und steigenden Meeresspiegeln versinkt.
Zahlreiche Arten sind bereits ausgestorben und die Menschheit leidet unter
Ernteausfällen und Lebensmittelknappheit - zumindest diejenigen, die sich
die extrem teuer gewordenen Lebensmittel nicht mehr leisten können.

Im Verlauf der Erzählung wird abwechselnd aus den Perspektiven von
Hausfrau Ottilie, dem Insektenforscher Cooper und der Möchtegern-Influencerin
Cat erzählt und wie ihr Leben unter diesen Bedingungen verläuft:
So erprobt Mutter Ottilie die Zucht von Insekten als neue Nahrungsquelle,
testet neue Insekten-Kochrezepte (z.B. Grillen-Burger) und genießt das tägliche
Schwimmen in ihrem Pool. Sohn Cooper arbeitet in einem Forschungsprojekt
der Universität, das den Rückgang bestimmter Insektenarten erforscht und
dokumentiert, wobei er sich einen üblen Zeckenbiss einfängt. Weniger tiefsinnige
Gedanken macht sich Tochter Cat, die vor allem die Frage umtreibt,
womit sie sich als nächstes im Internet in Szene setzen und mehr Follower
gewinnen kann – warum nicht mit einer Pythonschlange, die man doch wie ein
Schmuckstück um den Hals tragen kann? – und welchen Drink sie sich als nächstes
genehmigen soll. Getrunken wird generell so einiges, insbesondere bei Cat und Todd.
Letzterer ist zu Cats Leidwesen nur wenig zuhause, da er berufsmäßig durchs
Land und um den Globus jettet, um Bacardi-Partys zu veranstalten.
Im Großen und Ganzen wird also genauso weiter gemacht und gelebt wie bisher.

Wie diese Beispiele bereits erahnen lassen, wird hier vieles mit einem
Augenzwinkern, schwarzem Humor und einer guten Prise Ironie auf die Spitze
getrieben. Dabei ergeht es kaum einem der Protagonisten gut, ganz im Gegenteil:
Vor allem die Geschwister Cat und Cooper müssen so einiges verlieren …

Auch wenn zumindest ein Geschehnis vorhersehbar ist, bietet der Roman spannende,
abwechslungsreiche Unterhaltung zu einem wichtigen Thema.
Dennoch: Trotz aller satirischer Übertreibungen erscheint das Gesamt-Szenario der
Klimakatastrophe sehr realitätsnah und zeitlich in nicht mehr allzu ferner
Zukunft zu liegen. Insbesondere die Art und Weise, wie die Menschen in der
Erzählung mit der Erderwärmung umgehen bzw. was sie tun,
um diese Entwicklung aufzuhalten, kommt einem bekannt vor:
Nämlich so gut wie nichts. Nichts als Tropfen auf den heißen Stein.
Weitermachen wie bisher - gemäß dem Motto: „Et kütt, wie et kütt“.

 

 

 

 

 

T.C. Boyle: Wenn das Schlachten vorbei ist

(engl.: When the Killing's Done)

 

 

 

Darf man töten, um zu bewahren?

Oder präziser: Ist es ethisch zu rechtfertigen, Vertreter einer massenhaft vorkommenden
Spezies wahllos zu töten, um eine bedrohte Art vor dem Aussterben zu retten? Wer ist hier „gut“, wer „böse“?

Dies sind die zentralen Fragen dieses Romans, in dem sich die Wissenschaftlerin und Naturschützerin Alma
Boyd Takesu und der Tierschützer Dave LaJoy kämpferisch und kompromisslos gegenüberstehen.

Objekt der Fehde sind die Santa-Barbara-Inseln vor Kalifornien (manchmal auch „Galapagos-Inseln von
Nordamerika“ genannt), deren ökologisches Gleichgewicht durch menschliche Einflüsse erheblich
gestört wurde, was nun durch die Naturschutzbehörde unter Almas Federführung wieder rückgängig
gemacht werden soll , und zwar indem vom Menschen versehentlich oder bewusst eingeschleppte,
fremde Arten auf den Inseln vernichtet werden, sprich: Ratten und verwilderte Schweine
sollen getötet werden. Dies ruft den Tierschützer Dave auf den Plan, der zusammen mit
Gleichgesinnten dieses Vorhaben zu diskreditieren, zur Not auch sabotieren bereit ist.

Neben diesem Haupthandlungsstrang werden in zeitlichen Rückblenden die Hintergründe und Intentionen
der Hauptfiguren beleuchtet und ihre jeweilige persönliche Entwicklung aufgezeigt.
Hierbei wird es teilweise etwas detailverliebt - was typisch Boyle ist:
Er erzählt halt gerne, kann das aber auch einfach exzellent und lässt seinen Figuren Zeit,
sich zu entwickeln. Besonders eindrücklich empfand ich die Rückblende zu Daves Freundin Anise,
die als Kind auf den Inseln lebte, und ihr traumatisches Erlebnis mit den Lämmern, das mir
in der Beschreibung seiner natürlichen Grausamkeit so real erschien, als würde ich daneben stehen.
Der Roman beginnt auch direkt mit einer solchen Rückblende, und zwar in die Zeit von Alma
Großmutter, die damals vor den Inseln Schiffbruch erlitt. Als „Intro“ vielleicht
einen Tick zu langatmig, dennoch gekonnt erzählt.

Fazit:
Ein starkes Buch mit der von T.C. Boyle gewohnten sprachlichen Kraft und Ausdrucksstärke,
das thematisch bestens in die heutige Zeit des beschleunigten Artensterbens und irreparabler
Naturzerstörung passt. Lediglich mit der Übersetzung des Titels bin ich nicht ganz eins:
Das Wort „Schlachten“ kommt mir hier zu reißerisch daher, der Original-Titel lautet
„When the Killing‘s Done“ – also „Töten“ hätte es m.E. besser getroffen.
Aber egal – meine Leseempfehlung!

 

 

 

 

 

 

 

Der Mönch von Mokka ist kein Roman sondern erzählt die wahre Geschichte
von Mokhtar Alkhanshali, einem Sohn jemenitischer Einwanderer in San Francisco,
der sich nach dem Abbruch seines College-Studiums beruflich zunächst etwas
schwer tut. Nach einigen halbherzigen Versuchen bringt ihn eine Freundin auf
die Idee, hoch qualitativen Kaffee aus seinem Heimatland Jemen in die USA zu
exportieren – und das obwohl er weder von Kaffee noch von Landwirtschaft
eine Ahnung hat. Doch die Idee begeistert ihn und spornt ihn an, seine
Wissenslücken zu füllen. So reist er dann auch in den Jemen, um vor Ort mit
Bauern und Kaffee-Experten zu sprechen, von ihnen zu lernen,
Geschäftsbeziehungen zu knüpfen
und seinen Traum von einer Wiederbelegung der in Vergessenheit geratenen
jemenitischen Kaffeekultur auf fairer Basis zu realisieren.
Doch die dortige politische Situation wird mit dem Vorstoß der Huthi-Rebellen
immer gefährlicher und das Vorhaben wird zunehmend zum lebensbedrohlichen Wagnis …

Nachdem ich „The Circle“ von Dave Eggers gelesen und festgestellt hatte,
dass er ja noch 10 weitere Bücher geschrieben hat, war ich gespannt, was das so
sein mag. Die Wahl fiel zunächst auf dieses Buch, da mir das Thema um den Jemen
und seine vergleichsweise wenig bekannte Kaffeekultur interessant erschien –
und das ist es auch! Man liest nicht nur Mokhtars Erlebnisse, sondern erfährt
als Leser auch viel über den Kaffeeanbau und das ländliche Leben im Jemen
und manchmal bekommt man beim Lesen geradezu Lust auf eine heiße, frisch gebrühte Tasse.

Letztendlich liest es sich ein bisschen wie der amerikanische Traum vom
Tellerwäscher zum Millionär –
aber einer, der eben auch tatsächlich wahr
geworden ist, wie man auf Mokhtars Unternehmens-Website
sehen kann (der Kaffee ist übrigens nicht gerade günstig ….):

Eine tolle Idee gepaart mit bewundernswerter Courage,
schlicht und dennoch spannend erzählt.

 

 

 

 

 

 

 

Die junge Protagonistin Mae wähnt sich im Himmel, als sie durch Schützenhilfe
ihrer Studienfreundin Annie eine Jobzusage beim weltweit dominierenden Internetriesen
„The Circle“ (Facebook, Google oder Apple lassen grüßen …) bekommt.
Zugrundeliegende Geschäftsidee dieser Internet-Supermacht aus San Francisco
ist die Zusammenführung von Online-Nutzerprofilen in ein allumfassendes System
mit dem Ziel einer totalen Transparenz mit maximaler Verknüpfung.

Voller Enthusiasmus nimmt Mae ihre neue Aufgabe im Bereich „Customer Experience“
auf, wo sie schon früh merkt, dass der geforderte Arbeitseinsatz enorm ist.
Doch hoch motiviert und ehrgeizig wie sie ist nimmt sie die Herausforderung an
und erbringt schon in Kürze beachtliche Leistungen, die sie schon bald
in der Hierarchie aufsteigen lassen.

Obgleich sie sich anfangs noch darüber wundert, wie unerwünscht Privatsphäre
seitens des Circles ist, ist sie zunehmend berauscht von dem Konzern und dem,
was er seinen Mitarbeitern bietet, wie z.B. erstklassiges, kostenfreies
Kantinen-Essen, Sport- und Wohnmöglichkeiten auf dem Unternehmens-Campus, Parties,
Events, Zugang zu modernster Technik und sogar eine Krankenversicherung für ihren
an MS erkrankten Vater. Der Preis dafür ist jedoch hoch, wenn auch nicht in
Maes Wahrnehmung. Schließlich stimmt sie sogar zu, ständig eine Web Cam
am Körper zu tragen, um als Botschafterin des Circles den Kunden die neuesten
Produkte und Messages des Konzerns nahezubringen, und damit letztendlich
ihren letzten Rest an Privatsphäre zu opfern.

Ein bisschen Privatleben hat Mae aber doch noch – immerhin genug, um sich eine
Affäre mit einem gleichgesinnten „Circler“ zu gönnen und einen weiteren für
sie interessanten Mann auf dem Unternehmens-Campus kennenzulernen,
der jedoch eher wie ein „Anti-Circler“ anmutet und sich sehr geheimnisvoll gibt ...

Derweil entwickelt der Circle fleißig weitere neue Technologien, die den normalen
User noch mehr ausspähen und kontrollieren. Und anstatt sich dagegen zu wehren,
anstatt diese freiheitsfeindlichen Technologien zu kritisieren, zu hinterfragen
oder gar zu verbieten, schreit die große, verblendete Mehrheit „Hurra!“ und
lässt sich freiwillig auf diese ein in dem Glauben, mittels dieser neuen
Technologien den Weg für eine vollkommene Demokratie zu ebnen, in der
selbst Politiker transparent und ehrlich sind und niemand etwas Böses mehr tut,
weil ja jeder unter ständiger Beobachtung steht.

Maes Eltern hingegen distanzieren sich zunehmend von der „Circle-Welt“ und
ihr Ex-Freund Mercer aus früheren Zeiten will gar ganz aussteigen und dem
digitalen Überwachungs-Wahn entfliehen …

Ich fand das Buch sehr spannend zu lesen: Einerseits mitzuerleben, wie die
gutgläubige Mae mehr und mehr vom Circle assimiliert wird, andererseits
nochmal anschaulich vor Augen geführt zu bekommen, wie transparent,
nachverfolgbar und vorhersehbar man im Netz bereits ist.
Das Ende kam dann fast ein bisschen plötzlich und überraschend, aber
durchaus passend. „Every“ ist dann die Fortsetzung des "Circles".

Noch ein Wort zur Verfilmung von „The Circle“:
Ich habe mir den Film nach dem Lesen des Buches angeschaut –
umgekehrt macht es wenig Sinn. Das Buch ist besser. Das Schlimmste
an dem Film ist, dass er etwas Wichtiges viel zu früh verrät und das Ende
dann auch noch völlig gegensätzlich zur Romanvorlage ist.
Schade, trotz guter Hauptdarsteller (Emma Watson, Tom Hanks).

 

 

 

 

 

 

 

Hier nun also zu "Every", der Fortsetzung des Romans „The Circle“:

Aus der Fusion zwischen dem Großkonzern „Circle“ und dem erfolgreichsten
Online-Versandhaus
ist „The Every“ hervorgegangenen, ein Softwaregigant, der das reichste und
gefährlichste Monopol der Welt verkörpert. Und Mae Holland, die Hauptfigur
aus "The Circle", ist inzwischen dessen Chefin.

Die ehemalige Försterin und Gegnerin des Unternehmens Delaney Wells bewirbt
sich bei The Every mit dem Ziel, das Unternehmen von innen heraus zu zerstören.
Dabei beruht ihre Strategie darauf, The Every für Ideen für neue Apps zu
begeistern, die in ihren Augen auf so extreme Weise in die Freiheits- und
Persönlichkeitsrechte der Menschen eingreifen, dass sich ein breiter
gesellschaftlicher Widerstand gegen das Unternehme bilden wird, der
schließlich zu dessen Untergang führen soll. Für ihr Vorstellungsgespräch
bittet sie ihren Mitbewohner Wes, einen Prototypen für eine App zu entwickeln,
mit der festgestellt werden kann, ob ein Gesprächspartner die Wahrheit sagt
oder nicht. Der Plan geht auf: Delaney wird eingestellt und das Unternehmen
macht sich daran, ihre Idee umzusetzen, was bald auch dazu führt,
dass auch Wes als Entwickler bei The Every angestellt wird.

Während ihrer ersten Zeit in der Firma wird Delaney in verschiedenen Teams
eingesetzt. Bei jeder dieser Rotationen bringt sie Ideen für neue Apps ein,
die von Wes und ihr ausgearbeitet wurden. Diese sind ihrer Meinung nach so invasiv
dass die Empörung gegenüber The Every in der Bevölkerung zunehmen und
das Unternehmen daran zugrunde gehen wird.
ABER: Es folgt keine Empörung der Massen. Im Gegenteil.
Jede neue Freiheit- und Privatsphäre-raubende App wird von der großen Mehrheit
der Menschen begeistert und vorbehaltlos angenommen und freiwillig angewendet.
Die permanente gegenseitige Überwachung Bewertung und digitale Bloßstellung
des Einzelnen wird immer mehr auf die Spitze getrieben und wer dies nicht
erträgt ode gutheißt, dem bleibt letztendlich nur der Suizid oder ein vom
Rest der Welt abgekoppeltes Leben mit einigen wenigen
Gleichgesinnten am Rande der Gesellschaft.

Derweil stiegt Wes' Ansehen bei The Every und eines Tages teilt er Delaney mit,
dass er nicht länger daran interessiert ist, gegen das Unternehmen zu arbeiten –
im Gegenteil: Er findet es nun selbst auch ganz toll. – Ein Schock für Delaney,
verbunden mit der bangen Frage: Wird Wes sie nun auffliegen lassen?
Und wieviel weiss die Führungsriege von The Every
womöglich nicht ohnehin schon von ihren geheimen Plänen? …

Das Chaos des Lebens eliminieren, den Menschen unzählige Alltags-Entscheidungen
abnehmen, Verbrechen verhindern, bevor sie überhaupt erst begangen werden
können, überflüssigen Konsum und unnötigen CO2-Ausstoß vermeiden etc. –
das klingt erstmal nicht verkehrt und so lauten auch die hehren Ziele von The Every.
ABER: Welchen Preis sind die Menschen bereit, dafür zu bezahlen?
Mit dem völligen Verlust von persönlicher Freiheit, der Persönlichkeit, der
Privatsphäre? Ist es das, was die Menschen wirklich wollen:
Eine erzwungene Tugend durch permanente Überwachung und Denunziantentum?
Das sind schon spannende Fragestellungen bzw. Überlegungen, die wie die Faust
aufs Auge in die heutige digitale Zeit passen. Und es ist gruslig,
wie vieles davon auch schon die heutige Realität widerspiegelt.

Am besten gefallen hat mir das Kapitel über Delaneys „Welcome2Me“-Ausflug, Satire pur:
Auf diesen zwanzig Seiten übertreibt Eggers alles in Maßlose bis ins Absurde,
karikiert bis ins Groteske - ich fand es einfach herrlich zu lesen, vor allem
dann den letzten Satz des Kapitels (den sollte man jetzt aber nicht nachschlagen,
denn er hat nur dann seinen „Witz“, wenn man zuvor besagte 20 Seiten gelesen hat).

Der Roman ist insgesamt allerdings wirklich sehr langatmig und definitiv kein
Thriller – langweilig fand ich ihn aber trotzdem nicht. Eggers gibt einfach
vielen Einfällen und Beispielen Raum und die fand ich auch sehr unterhaltsam
zu lesen – und nachdenklich stimmend. Letztendlich muss man aber auch sagen:
Die Aneinanderreihung immer neuer Apps mit hippen Namen kann beim Lesen
auch verwirrend bis ermüdend wirken. Eine wirkliche Weiterentwicklung der
Story findet nur schleppend statt und literarisch gibt es nichts zu loben -
es geht halt mehr um die Botschaft, die vermittelt werden soll,
als um ein erzählerisches Meisterstück. Aber das ist ok.

Der Schluss kommt mir dann nach so vielen Seiten etwas überhastet vor
(vgl. "The Circle"). Man merkt kurz vorher, was gleich geschehen wird, und dann
ist alles auf einmal ganz schnell zu Ende. Hm.
Ich finde das Buch aber dennoch sehr lesenswert, trotz einiger Längen kurzweilig,
vor allem die satirisch anmutenden Einlagen, und es gibt in Bezug auf die
Verwendung von Social Media, Smartphones etc. einiges zu denken.

 

 

 

 

 

 

 

Wie auch „Der Mönch von Mokka“ (2018) ist „Zeitoun“ (2009) ebenfalls kein Roman,
sondern eine auf einem Tatsachenbericht beruhende Erzählung:

Der ursprünglich aus Syrien stammende, muslimische Protagonist Abdulrahman
Zeitoun, inzwischen US-Amerikaner, lebt mit seiner ebenfalls amerikanischen
Ehefrau und den drei gemeinsamen Töchtern als selbständiger Handwerksunternehmer
in New Orleans. Die Geschäfte gehen bestens und auch sonst läuft eigentlich
alles gut im Leben der Familie Zeitoun - abgesehen von kleineren rassistischen
Begebenheiten, die infolge der Geschehnisse des 11. Septembers
leider jedoch deutlich zunehmen.

Im August 2005 ändert sich dann schlagartig alles, als der Wirbelsturm Katrina
mit voller Wucht auf die Küste von New Orleans trifft. Während Zeitouns Frau
sich rechtzeitig mit den Kindern zu Verwandten in Arizona in Sicherheit
bringt, bleibt Zeitoun im Haus um zu retten, was zu retten ist, und um anderen
zu helfen. Mit einem Kanu paddelt er durch die überfluteten Wohnviertel und
hilft wo er kann, er füttert sogar regelmäßig in überfluteten Häusern
eingeschlossene Hunde. Auch offizielle Rettungsaktionen laufen langsam an,
doch gewalttätige Plünderer einerseits und die Anwesenheit schwer bewaffneter
Vertreter von Militär, der Homeland Security und anderer staatlicher und
nichtstaatlicher Institutionen und Sicherheitsfirmen andererseits machen
die Situation für Zivilisten zunehmend gefährlicher.
Eines Tages wird Zeitoun zusammen mit drei anderen Männern ohne Angabe von
Gründen plötzlich verhaftet und verschwindet spurlos. Für seine Frau und
Familie beginnen bange Wochen, in denen sie nicht wissen,
was mit ihm geschehen ist …

Ich will nicht zu viel verraten, aber es ist unglaublich, was hier in einem
vermeintlichen „Rechtsstaat“ einer westlichen Demokratie passiert ist -
und das nicht nur in diesem Einzelfall. Mit dem vorliegenden Buch ist Eggers
ein spannender literarischer Tatsachenbericht gelungen, der einem im
Hinblick auf Freiheit, Grundrechte und Rechtssicherheit in einem
vermeintlich zivilisierten Land Angst und Bange machen kann.

 

 

 

 

 

Armistead Maupin: Stadtgeschichten, Bände 1-6

(engl.: Tales of the City)

 
 

 

„Lindenstraße“ in San Francisco

Ein wenig erinnern die locker-flockig geschriebenen und geradezu süchtig machenden Stadtgeschichten
an die deutsche TV-Serie „Lindenstraße“, die heute eh wahrscheinlich kaum jemand mehr kennt - doch halt:
Sie sind eindeutig lustiger, erfrischender und unverkrampfter!

Wir befinden uns im San Francisco der Siebziger Jahre und alles dreht sich um die Bewohner eines Hauses
in der Barbary Lane sowie ihre Freunde und Bekanntschaften - Da wimmelt es natürlich geradezu von Joints,
Hippies, „Durchgeknallten“, Yuppies, Schwulen und Bisexuellen. In sehr leicht zu lesenden, kurzen
Episoden (die einzelnen Kapitel erschienen ursprünglich zunächst als Fortsetzungsgeschichte im
"San Francisco Chronicle") erzählt Maupin von ihrem Leben und Erlebnissen in der Stadt,
lässt dabei nach und nach immer mehr Charaktere und vermeintliche Nebenfiguren in den Vordergrund treten,
um die unterschiedlichen Handlungsschienen schließlich gekonnt miteinander zu verweben.
Die meisten Personen werden dabei als sehr liebenswürdig beschrieben, allen voran die schräge,
Gras anbauende Vermieterin Anna Madrigal, so dass man sich beim Lesen wie zu Besuch bei Freunden fühlt
und sich fast schon ein bisschen in die Stadt und ihre Bewohner „verliebt“.

Unabhängig davon, ob man selbst schon mal in San Francisco gewesen, schwul oder hetero ist,
ob man in den 70ern/80ern schon „zu alt“ oder noch gar nicht auf der Welt war - die Stadtgeschichten
beschreiben die Atmosphäre San Franciscos so lebendig, dass man beim Lesen das Gefühl hat,
selbst dort gewesen bzw. mittendrin zu sein.
Durch die Aufteilung in viele kleine „Lesehäppchen“ und den einfach gehaltenen Schreibstil sind die
Stadtgeschichten eine ideale Reise- oder Strandlektüre.

Auch hierzu gibt es mittlerweile eine TV-Serie. Ich hab mal reingeschaut, fand sie aber schlecht.
Lest besser die Bücher, echt easy Lektüre! ;-)

 

 

 

 

Delia Owens 

Der Gesang der Flusskrebse

(engl.: Where the Crawdads sing)

 

 

 

Zu diesem 2018 veröffentlichten Roman kam ich erst indirekt durch die gleichnamige
Kino-Verfilmung von 2022. Der Film mit seinen wunderschönen Natur- und
Landschaftsaufnahmen der Sümpfe und Marschen und der bewegenden Geschichte des
„Marschmädchens“ hat mich direkt in seinen Bann gezogen –
erst recht dann aber die Literaturvorlage.

Erzählt wird die Geschichte von Kya, die, als kleines Mädchen nach und nach von
ihrer Familie verlassen, ganz auf sich allein gestellt im sumpfigen Marschland
von North Carolina aufwächst. Über Jahre hinweg ist die sie umgebende Natur mit
ihren Vögeln, Flusskrebsen, Muscheln und Insekten ihr verlässlichster Freund:
Jemand, der immer da ist, sie nicht enttäuscht oder gar verlässt, so wie die Menschen.

Für die Bewohner des nahegelegenen Küstenstädtchens Barkley Cove ist Kya einfach nur
das merkwürdige, schmutzige „Marschmädchen“, mit dem man nichts zu tun haben möchte,
das man ausgrenzt und verlacht. Ausnahmen sind Jumpin‘, ein schwarzer Händler und
dessen Ehefrau, vor allem aber Tate, einstiger Freund ihres älteren Bruders Jodie.
Während Kya sich bei Jumpin‘mit dem Lebensnotwendigsten versorgt, entwickelt sich
zu Tate im Lauf der Jahre eine vorsichtige Freundschaft und zunehmende Liebe.
Er lehrt sie lesen und schreiben und eröffnet ihr somit neue Möglichkeiten,
die sie umgebende Natur noch besser zu verstehen und ihr Wissen zu erweitern.
Doch nach dem Abschluss der High School möchte Tate Barkley Cove
verlassen, um zu studieren …

Als eines Tages die Leiche des Sunnyboys und Frauenhelden Chase in den Sümpfen am
Fuße des Feuerwehrturms gefunden wird, fällt der Verdacht schnell auf
„das Marschmädchen“. Oder war es vielleicht doch nur ein Unfall und der Verdacht
eine voreilige Vor-Verurteilung? Ein Gerichtsverfahren, bei dem es für die des
Mordes angeklagten Kya um Leben und Tod geht, soll diese Frage klären.
Mehr soll nicht verraten werden …

Ich kann nur als Fazit sagen:
Ein toll erzählter Roman in einer Mischung aus Kriminalfall, Lebens- und
Liebesgeschichte, eine wunderschöne Erzählung über eine Außenseiterin, die „anders“
ist und deshalb ausgegrenzt wird (oder ist sie vielleicht nur so „anders“,
eben weil sie ausgegrenzt, verlacht und verachtet wird?), die im Einklang mit
der Natur ein zumeist einsames, jahrelang ein qualvoll einsames Leben lebt,
in dem die Natur ihre einzige Konstante ist.

Ich fand beim Lesen vor allem diese jahrelange, schmerzliche Einsamkeit der
Protagonistin so eindrücklich beschrieben (was im Film weniger gut rüberzubringen
ist), ebenso wie die Natur über die Jahre hinweg Kyas meist einzigen Trost,
ihre einzige Kraftquelle darstellt. Eines meiner TOP-Lieblingsbücher! <3

Und was ist jetzt „besser“ – Film oder Buch?
Natürlich das Buch!!!
Aber der Film ist wirklich auch schön und ich empfehle beides (am besten zuerst das Buch)!
Allerdings hätte ich als deutschen Titel vorzugsweise „Wo die Flusskrebse singen“ gewählt,
was dem Originaltitel „Where the Crawdads sing“ entspricht. Im Buch wird diese
Formulierung nicht nur einige Male explizit so verwendet,
sondern es sind auch die letzten Worte des Romans.

 

 

 

 

 

John Steinbeck: Die Straße der Ölsardinen 

(engl.: Cannery Row)

 
 

 

" Die Straße der Ölsardinen" ist eine liebevolle Beschreibung des Alltags
der einfachen Leute im Fischerstädtchen Monterey der Dreißiger Jahre - Trinker,
Gelegenheitsarbeiter, leichte Mädchen und Lebenskünstler lassen den Leser an
ihrem Sorgenbr und Nöten, aber auch an ihren Freuden und Lebensphilosophien
teilhaben, wobei die Charaktere so liebenswert beschrieben sind, dass man
sofort mit ihnen sympathisiert. Auch ist die umgebende Natur so anschaulich
beschrieben, dass man meinen könnte, die salzige Meeresluft samt Fisch und
sonstigem Meeresgetier zu riechen bzw. den Carmel-Fluss vor sich
hinplätschern zu hören. Und nicht zuletzt regen so manche der genau
beobachteten Details vielfach zum Schmunzeln an.
Das Ende des Romans kommt dann leider viel zu früh, so dass man
beim Zuklappen des Buches denkt "Schade, schon aus" ...

Der Schauplatz der Geschichte, Monterey, war seinerzeit Kaliforniens Zentrum
der Sardinenfischerei und seine Hauptstraße entlang der Küste Standort
Dutzender Fisch verarbeitender Industrien und Konservenfabriken ("canneries").
Seitdem die Gewässer jedoch so gut wie leer gefischt sind, leben die Bewohner
Montereys zunehmend vom Tourismus. Dementsprechend ist vom früheren
Charme" der Cannery Row heute leider nichts mehr übrig. Die einstige "
Straße der Ölsardinen" ist heute ein modernes Touristenzentrum,
bestehend aus Galerien, Souvenirläden, Cafés, Restaurants, einem
Wachsfigurenkabinett sowie dem bekannten Monterey Bay Aquarium,
das jährlich Millionen von Besuchern aus aller Welt anzieht.
 

 

 

 

 

Alice Walker: Die Farbe Lila 

(engl.: The Color Purple)

 
 

 

Der 1982 erschienene Roman spielt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den
Südstaaten der USA, genau gesagt im ländlichen Georgia.

Mit vierzehn Jahren beginnt die Protagonistin Celie damit, Briefe an Gott zu schreiben,
da sie sonst niemanden hat, dem sie ihr Leid anvertrauen kann:
Schon als junges Mädchen wird sie regelmäßig von ihrem Vater missbraucht,
mehrmals schwanger, von ihrer geliebten Schwester Nettie getrennt und
letztendlich an den gewalttätigen „Mister“ (Albert) verheiratet,
den sie nur als „Herr“ bezeichnet.
Durch die schöne und selbstbewusste Sängerin Shug Avery, die Geliebte
ihres Ehemannes, die eines Tages ins Haus einzieht, erfährt Celie endlich
Zuneigung und gewinnt dadurch erstmals Selbstwertgefühl.
Die beiden ungleichen Frauen werden Freundinnen
und finden gemeinsam heraus, dass Celies Ehemann jahrelang Briefe ihrer
Schwester Nettie abgefangen und versteckt hat.
Dank ihres zunehmenden Selbstbewusstseins und Shugs Zuneigung bringt Celie
schließlich den Mut auf, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen ...

Das lebensumspannende Südstaaten-Melodram thematisiert eindringlich
patriarchale Gewalt, Rassismus, lesbische Liebe und weibliche Solidarität.
Das Buch wurde zum Welterfolg und 1983 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.
Die gleichnamige Verfilmung von Steven Spielberg von 1985 war ebenso erfolgreich -
wurde aber nicht entsprechend gewürdigt: Es blieb bei 11 Oscar-Nominierungen.
Feiges Hollywood.

 

 

 

 

 

 

 

 

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